> > > > > 12.10.2003
Montag, 22. April 2019

1 / 5 >

Semperoper Dresden, Copyright: Tilman2007

Semperoper Dresden, © Tilman2007

Eike Gramss inszeniert Don Carlo an der Semperoper

Spiel auf Schädeln

Am Samstag endeten die 17. Dresdner Tage der zeitgenössischen Musik mit einem Gastspiel von Juri Ljubimovs Moskauer Theater an der Taganka, die eine schnelle, aber tief ergreifende Fassung von Faust (I+II) spielten. An diesen Tagen hatte sich die Semperoper nicht beteiligt. Sie probte statt dessen für die sonntägliche Premiere von Verdis Don Carlo.
Zwei Themen sind hier verknüpft: zum einen die Liebe Don Carlos zur Königin, zum anderen der Freiheitskampf der Provinz Flandern. Gespielt wird die Mailänder Fassung. Zu Beginn, im Kloster von St. Just, kniet Don Carlo vor einer halbdurchsichtigen, quadratischen Glaswand, deren quadratische Regale mit Totenschädeln gefüllt sind. Diese Wand klappt nach hinten und bildet für den Rest der Inszenierung als gläsernes Quadrat die Mitte der Bühne. Das Glas leuchtet grün auf dem Platz vor dem Kloster und leuchtet blau um Mitternacht. Es dient erhöht als Schreibtisch Philipp II. und versenkt als Gefängnis von Don Carlo. Hier brennen auch die Scheiterhaufen, hier stirbt Posa von der Kugel getroffen. Am Ende, wir sind wieder im Kloster von St. Just, rutscht Don Carlo vom wieder zur Wand aufklappenden Quadrat und fällt tot zu Boden.
Sonst ist die Bühne das Innere eines leicht spiegelnden, schwarz glänzenden Würfels. Der einzige, der den Würfel nicht unsichtbar von der Seite betritt und verlässt, sondern durch eine eigene Tür hinten im Würfel, ist der Großinquisitor. Das Volk ordnet sich während der Ketzerverbrennung zu Quadraten, bildet nur einen wilden Haufen, als es Carlo befreien will, ordnet sich aber mit dem Auftreten des Großinquisitors wieder zum Quadrat. Die Kostüme sind schlicht, meist schwarz. Das ist alles, was die Inszenierung an Ausstattung bietet. Diese Zurücknahme zwingt keine Deutung auf, gerät aber andererseits ins Beliebige, das die Erfahrung von Wahrheit, die sich in der Kunst zeigen soll, verweigert. Jeder kann denken, was er will. Vielleicht, dass der Unterschied zwischen einem Freiheitskämpfer und einem Terroristen manchmal nur ein Begriff ist. Vielleicht, dass man mit Krieg keinen Frieden schaffen kann. Vielleicht dachte auch der anwesende sächsische Ministerpräsident, dass die Position des eigentlichen Herrschers heute nicht mehr der Großinquisitor, sondern der Wirtschaftsboss hat. Aber so vermag Kunst nichts zu geben.

Anzuerkennen ist die schauspielerische Inszenierung. Eike Gramss stellt die Sänger nicht auf die Bühne und lässt sie singen, sondern sie müssen spielen, und zeichnet so mit Haltung, Bewegung und Handlung lebendige Charaktere. Und die Sänger haben Spaß daran. Don Carlo (Gabriel Sadé) gibt einen zarten, nach seinen Gefühlen lebenden Königssohn, einen Romantiker, der von den politischen Zwängen zermalmt wird. Philipp II. (Roberto Scandiuzzi) ist im Misstrauen gefangen, in der Kälte des Königsseins, und als er sich endlich aufschwingt und seinen Vertrauten Posa gegen den Großinquisitor verteidigt, verliert er. Der Großinquisitor (Kurt Rydl) ist ein kühler, sachlich konsequenter Machtmensch. Elisabeth (Olga Guriakowa) ist ebenso zart wie Don Carlo, fügt sich aber den Zwängen. Posa (Roberto Frontali) verfolgt konsequent sein Ideal der Befreiung Flanders, während Eboli (Ildiko Komlosi) nicht minder konsequent ihre leidenschaftlichen Gefühle auslebt, eine aufstrebende ,femme fatale' gibt. So geraten in dieser Inszenierung Posa und Eboli zu den stärksten Figuren.
Die gesanglichen Leistungen sind durchweg überzeugend, ausgezeichnet auch das Spiel der Sächsischen Staatskapelle Dresden unter der Leitung von Myung-Whun Chung, der von lyrischer Zartheit bis zur trockener Härte alle Register zieht. Musikalisch und schauspielerisch ein wirklich gelungener Abend.

Mehr erfahren über den Autor

Kritik von Patrick Beck



Kontakt zur Redaktion


Guiseppe Verdi ,Don Carlo': Myung-Whun Chung

Ort: Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper),

Werke von: Giuseppe Verdi

Mitwirkende: Myung-Whun Chung (Dirigent), Sächsische Staatskapelle Dresden (Orchester), Eike Gramss (Regie), Olga Guriakowa (Solist Gesang), Gabriel Sadé (Solist Gesang), Ildiko Komlosi (Solist Gesang), Roberto Frontali (Solist Gesang), Kurt Rydl (Solist Gesang), Roberto Scandiuzzi (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper)

Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel.

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.


Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (4/2019) herunterladen (1559 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Karl Weigl: Two Pieces for Violoncello & Piano - Wild Dance

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

 Folkwang Kammerorchester Essen im Portrait Mit Vollgas ins Haus des Teufels
Das Folkwang Kammerorchester Essen ? jung, energiegeladen, hochmusikalisch

weiter...
Alle Interviews...


Anzeige

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich