> > > > > 23.05.2017
Montag, 27. Mai 2019

Giulio Cesare, Copyright: Adrienne Meister

Giulio Cesare, © Adrienne Meister

Münchner Studierende spielen Händel

Julius Caesar in der Reaktorhalle

Einer der Höhepunkte des reichen Aufführungskalenders der Hochschule für Musik und Theater München ist eine jährliche Opernproduktion in der Reaktorhalle, einer ursprünglich für Atomforschung gebauten Betonhalle mit sehr guter Akkustik. Dieses Jahr stand Georg Friedrich Händels 'Giulio Cesare in Egitto' auf dem Programm. Damit ist die Hochschule ein Risiko eingegangen, denn die Oper ist wegen der Mischung aus Ernst, Dramatik und Ironie weder leicht zu inszenieren noch alles andere als einfach zu singen. Die Regie lag in den Händen von Waltraud Lehner, die mit dieser Oper ihre vierte Produktion betreute.

Leider ist ihr deutlich zu wenig für eine abendfüllende Aufführung eingefallen. Sie erzählt keine Geschichte. Einige Szenen waren gut bebildert, und dass die Studierenden bestens fechten und auch wiederholt tot umfallen können, weiß man nach der Aufführung. Der Graben zwischen dem state of the art von Barockopern-Inszenierungen und der Produktion der Hochschule war dann doch einfach zu groß. Szenisch kam der Abend deswegen über eine Schulaufführung kaum hinaus, und das ist zu wenig. Dabei hätte sich eine Gelegenheit geradezu angeboten: Die Rolle des Julius Caesar war doppelt besetzt, und zwar mit der wirklich grandiosen Mezzosopranistin Susan Zarrabi, die über eine weiche, klare, starke und technisch versierte Stimme verfügt, und mit Niklas Mallmann, einem kernigen, koloratursicheren Bassisten. Überraschend, wie gut sich musikalisch das Caesar-Duo anhört – faktisch singt zwar immer einer, aber innerhalb der Arien oder Rezitative wechseln sich die Stimmen häufig ab. Die Regie macht daraus aber leider nichts und vergibt damit eine echte Chance.

Bei dem Ensemble konnte man hören, wie schwierig es ist, ein wunderschönes Stimmenmaterial, über das ausnahmslos alle Sänger und Sängerinnen verfügen, auch so einzusetzen, dass eine echte Interpretation, tiefer Ausdruck dabei entsteht. Besonders schwer tat sich Mirjam Künstner als Cornelia, vielleicht naturgemäß, weil es für eine junge Studentin besonders schwer ist, sich in eine Mutter hineinzuversetzen, deren Mann ermordert worden ist. Künstner hat eine warme, samtige, volle Stimme, aber für den Schmerz einer Ehefrau oder gar für einen differenzierten Ausdruck von Trauer, Melancholie, Schmerz findet sie kaum einen individuellen Ausdruck. Man glaubt ihr nicht, was sie wunderschön singt, und man hat zunehmend das Gefühl, dass sie es sich selbst auch nicht wirklich glaubt. Auch Carmen Artaza als Sesto wird dem Rollenportrait nicht gerecht – allerdings auch, weil sie von der Regie ziemlich vernachlässigt wurde. Artaza hat eine kräftige Stimme und eine virtuose Technik, aber noch ist sie zu eindimensional und hat zu wenig Farbe. Anders Milena Bischoff als Cleopatra: Ihre eindringliche Gestaltung des 'Se pietà de me non senti' wurde ein Höhepunkt der Aufführung. Bischoffs Stimme ist noch nicht besonders groß, aber sehr klar, flexibel und durchaus dramatisch. Sehr gekonnt und vorsichtig setzt sie ihr Vibrato ein. Frederic Jost als Achilla überzeugt mit einem satten und sehr flexiblem Bass, Jan Wouters als Tolomeo fehlte manchmal die Wärme in der Stimme und auch die dynamische Zurückhaltung in den Höhen seiner Partie.

Die musikalische Leitung hatte Prof. Kristin von der Goltz, und auch diese war nicht immer zum besten bestellt. Ihrer Interpretation fehlte der Witz, die Leichtigkeit, die die Partitur ja auch hat. Manches kam einfach zu behäbig, zu getragen und bei den Vorspielen zu manchen Arien hatte man Mühe, sofort die führenden Stimmen im Gesamtklang auszumachen. Das Orchester spielte mit enormem Einsatz – neben einer exzellenten und farbigen Continuogruppe (verstärkt durch ein Hackbrett) machte vor allem Stefano Brusini als erster Hornist seine Sache einfach prima (wie man überhaupt über das Hornquartett nur staunen konnte).

Insgesamt ein unterhaltsamer, manchmal aber etwas zäher Abend, der noch Luft nach oben hatte. Ich habe es bisher auch noch nie erlebt, dass bei Aufführungen der Hochschule in der Reaktorhalle Zuschauer nach der Pause nicht wiedergekommen sind.

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Kritik von Prof. Dr. Michael Bordt

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Giulio Cesare in Egitto: Dramma per musica von Georg Friedrich Händel

Ort: Reaktorhalle,

Werke von: Georg Friedrich Händel

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