> > > > > 19.02.2017
Sonntag, 16. Juni 2019

Philharmonisches Staatsorchester Hamburg mit Kent Nagano, Copyright: Felix Broede

Philharmonisches Staatsorchester Hamburg mit Kent Nagano, © Felix Broede

Bruckner in der Elbphilharmonie

Unter dem Meer

Das 6. Philharmonische Konzert des Philharmonischen Staatsorchesters Hamburg fand im Rahmen des Musikfestes ‚Lux aeterna‘ statt und vereinte mit Johann Sebastian Bach, Olivier Messiaen und Anton Brucker nicht nur Werke dreier großer Organisten, sondern auch der christlichen Spiritualität verpflichteter Komponisten. Genauso gut hätte man das Konzert jedoch als Unterwasser-Event vermarkten können, so schwebend und doch überhaupt nicht schwere- oder gar körperlos erklangen die Werke unter Chefdirigent Kent Nagano und mit dem Organisten Christian Schmitt.

Als Christian Schmitt im letzten Drittel von Bachs Fantasie und Fuge g-Moll zweimal in die Flötenregister der Elbphilharmonie-Orgel wechselte, klang es so aquatisch plastisch nach emporsteigenden Luftblasen und wuselnden Fischschwärmen, dass es schwerfiel, dahinter keine Absicht zu vermuten – sieht die sogenannte weiße Haut des großen Saals der Elbphilharmonie doch aus wie aus einem Unterwasserriff gehauen. Die so gut wie hallfreie Akustik des Saals passt dabei zu ihrer äußeren Erscheinung, die von einer Kirche oder einem bürgerlichen Kunsttempel nicht weiter entfernt sein könnte, auch wenn im Programmheft die Außenansicht auf das Gebäude mit der eines romantischen Doms treffend verglichen wurde. Das schlägt sich natürlich im Klang und in der Interpretation selbst nieder: Jeder Akkord der harmonisch kühnen Fantasie wurde offengelegt, so dass die gehäuften Dissonanzen Bachs tatsächlich eine Nähe zu Messiaen andeuten, dessen 'Offrande et Alléluia final' aus dem 'Livre du Saint Sacrement' im Anschluss gegeben wurden (leider nur gab es keine Zugabe). Mag einem auch der Orgelwind bei voll aufgedrehten Registern um die Ohren sausen, auf der Konzertorgel mit ihren 4765 Pfeifen (die übrigens organisch fließend in die Saalarchitektur integriert sind) ging kein einziger Ton verloren.

Ähnliches galt auch für Bruckner Achte Sinfonie in c-Moll in der (meist gespielten) zweiten Fassung. Man hört in der Elbphilharmonie Dinge, die bislang nur auf CD existierten, falls überhaupt. Die neun Hörner (!) inklusive Wagnertuben klangen zwar warm und voll, verdeckten jedoch zum Beispiel die hohen Flöten oder den sauber gestaffelten Streichersatz kein einziges Mal, gerade bei den Flöten im Grunde ein Ding der Unmöglichkeit. Auf diese Weise ergaben sich bislang ungehörte Einblicke in Bruckners Instrumentation und Kompositionsstil, wie etwa dialogische Stukturen in der Kopfsatzdurchführung, das ungewöhnlich frühe Einsetzen eines Orgelpunktes im Horn oder die für Bruckners Spätstil typische Angewohnheit, hohe Streicher und Blechbläser (vor allem Trompeten) aneinanderzubinden.

Ob es an Naganos Zugriff, an der Akustik oder an beidem lag: Diese Achte Sinfonie klang viel mehr nach 'Parsifal' als nach 'Walküre'. Auch wenn das Tutti zu Beginn des Finales schmetterte und die Kopfsatzcoda ins dynamische Extrem ging und das Scherzo das tänzerische Element nicht vermissen ließ – die Expressivität wurde zugunsten einer ätherisch-fluiden Klangästhetik zurückgestellt. Selten klang der Beginn des 'Adagio' weltenthobener - mehr nach Meeeresbrandung, weniger nach Dramatik und Pathos. Mochte dem Orchester ganz am Ende auch der lange Atem fehlen – die Finalsatzcoda wirkte nach rund 80 Minuten eher wie eine Pflichterfüllung –, spieltechnisch war das äußerst beeindruckend. Kiekser wie zu Beginn der Kopfsatzdurchführung gab es kaum einmal. Und dies zumal die Akustik der Elbphilharmonie trotz ihres jungen Alters bereits als gnadenlos gilt, und das zu recht. Das Philharmonische Staatsorchester Hamburg scheint sich an die neue Heimat also bereits glänzend angepasst zu haben. Für Bruckner ist die Elbphilharmonie jedenfalls perfekt geeignet.

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Kritik von Dr. Aron Sayed

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Philharmonisches Staatsorchester Hamburg: Lux aeterna

Ort: Elbphilharmonie,

Werke von: Johann Sebastian Bach, Olivier Messiaen, Anton Bruckner

Mitwirkende: Kent Nagano (Dirigent), Philharmonisches Staatsorchester Hamburg (Orchester), Christian Schmitt (Solist Instr.)

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