> > > > > 15.05.2016
Sonntag, 16. Juni 2019

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Rudolf Buchbinder, Copyright: Hamburgische Staatsoper / Philharmoniker Hamburg

Rudolf Buchbinder, © Hamburgische Staatsoper / Philharmoniker Hamburg

Nagano & Buchbinder in Hamburg

Hehr und leer

In der Gegenüberstellung von Dmitri Schostakowitschs Sinfonie Nr. 15 in A-Dur und Ludwig van Beethovens "Chorfantasie" für Klavier, Chor und Orchester werden die Kontraste zweier Jahrhunderte und zweier Ästhetiken deutlich wie sonst selten. Dass Kent Nagano für dieses Sonderkonzert im Rahmen des 2. Hamburger Musikfestes kein drittes Werk aufs Programm gesetzt hatte und den Schostakowitsch an erster Stelle dirigierte, während das gerade mal halb so lange Beethoven-Stück nach der Pause folgte, zeigte, dass der Schwerpunkt an diesem Abend auf der Moderne lag - und verschäfte den Kontrast noch mehr.

Man konnte das Unbehagen, das die A-Dur-Sinfonie im Publikum enstehen ließ, fast mit Händen greifen. Aber wenn es bei Schostakowitsch unbehaglich klingt, bewegt sich die Interpretation in die richtige Richtung. Das Rossini-Zitat im Blech (beim ersten Einsatz noch wackelig) wirkte wie hohles Getöse, Symbol einer leeren Betriebsamkeit, die Zitate aus Wagners 'Ring' und 'Tristan und Isolde' wie die Zeichen eines abgeklärt-resignierten Komponisten, der eine Sinfonie mit einem geheimen Programm verfasst, die in ihrer bewussten Sperrigkeit irriteren soll. Nagano tat dann auch wenig, um den Zugang zu erleichtern und fuhr damit genau richtig: Der thematisch expressive Ausbruch im 'Adagio' sowie gegen Ende des finalen 'Allegretto' musste in seiner Drastik verstören ebenso wie der gerade eben so noch ein Ganzes bildende, von Soli durchsetze Gesamtverlauf mit seiner ausgedünnten, und zugleich doch umfangreich sinfonischen Instrumentation. Das Publikum schien darauf allergisch zu reagieren, denn gefühlt alle zehn Sekunden wurde der Vortrag des Philharmonischen Staatsorchesters Hamburg von lauten Hustern flankiert. Vielleicht lag es aber auch einfach am kalten Pfingstwetter oder an dem etwas gewollt wirkenden, vorangestellten Einspieler eines aus Damaskus Geflüchteten, der die Brücke zum Festivalthema schlug: "Freiheit". Als implizit und teils auch explizit gegen den Faschismus sowie Krieg und Gewalt gerichtete Musik bildete Schostakowitsch dabei zwar den passenden Rahmen, jedoch verpuffte der Effekt des Einspielers und wirkte eben - bei aller guten Absicht - gewollt, auch, weil es sich eben nur um einen kurzen Einspieler handelte und die lebendige Person, das Schicksal des einzelnen Menschen so in der Distanz verblieb.

Wie eine angenehme, jedoch zu kurze Flucht in die Vergangenheit wirkte dann nach der Pause Beethovens "Chorfantasie" mit einem erwartungsgemäß grandiosen Rudolf Buchbinder (leider ohne Zugabe). Auch wenn der Carl-Philipp-Emanuel-Bach-Chor den schwülstigen Text des Finales, mit dem auch Beethoven damals nicht zufrieden war ("Nehmt denn hin, ihr schönen Seelen, froh die Gaben schöner Kunst") mit authentischer Begeisterung sang: Die Augen und Ohren waren natürlich alle auf Buchbinder gerichtet. Die Wiener Beethoven-Koryphäe arbeitete in der ausgedehnten Solo-Einleitung agogisch flexibel das improvisatorische Element heraus, interagierte überaus wach mit dem Orchester und war überhaupt das Zentrum dieser Fantasie, die einen wunderhübschen Einfall an den anderen reiht und in der Gegenwart vergleichsweise viel zu selten aufgeführt wird. Das klang so schön und auf kunstvolle Weise "naiv", das man es gerne gleich noch ein zweites Mal gehört hätte.

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Kritik von Dr. Aron Sayed

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Sonderkonzert Musikfest: Kent Nagano / Rudolf Buchbinder

Ort: Laeiszhalle,

Werke von: Dimitri Schostakowitsch, Ludwig van Beethoven

Mitwirkende: Carl-Philipp-Emanuel-Bach-Chor (Chor), Kent Nagano (Dirigent), Philharmonisches Staatsorchester Hamburg (Orchester), Rudolf Buchbinder (Solist Instr.)

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