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Montag, 22. April 2019

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Joseph Kaiser (Peter Grimes), Andrew Foster-Williams (Balstrode) , Copyright: Monika Rittershaus

Joseph Kaiser (Peter Grimes), Andrew Foster-Williams (Balstrode) , © Monika Rittershaus

'Peter Grimes' im Theater an der Wien

Eigenwillige Regie

Es ist die zentrale Frage einer jeden Inszenierung von Brittens 1945 uraufgeführtem 'Peter Grimes', ob er den Tod seiner jungen Gehilfen auf See verschuldete oder nicht. Auch weshalb er nun wirklich zum Außenseiter der Gesellschaft wurde. Und ob Homosexualität dabei eine Rolle spielte. Auch für Regisseur Christof Loy ist es klar, wie er in einem im Programmheft abgedruckten Interview erläutert, dass diesbezüglich nur Vermutungen angestellt werden können. In seiner Interpretation wird bald deutlich, dass man es hier um ein Ausgrenzungsdrama aufgrund von nicht akzeptierter Homosexualität zu tun hat. Doch Loy geht noch weiter, denn in seiner Auslegung des Librettos ist auch Balstrode schwul, ohne es ausleben zu können, genauso wie Swallow oder Pfarrer Adams. Den Fischergehilfen ersetzt Loy durch einen Anfang 20-jährigen Tänzer, zu dem Grimes wohl auf dem Straßenstrich gefunden hat. Als Schauplatz dieser Geschehnisse, die recht wenig mit dem zu tun haben, was man im Libretto Montagu Slaters liest, bildet eine fast leere Bühne, von der ein Bett in den Orchestergraben ragt. Dies ist der Ort der unerfüllten Träume, für Grimes genauso wie für den schick gekleideten Balstrode oder die in einen grauen Hosenanzug gesteckte Ellen Orford. Ansonsten kommt Leiacker wie bei Loy üblich mit einer Unmenge an Stühlen aus. Das moderne Regietheater folgt also seinen eigenen Konventionen. Für den musikalisch hervorragenden Arnold Schoenberg Chor bedeutet dies eine enorme szenische Aufwertung, die dank der detaillierten Personenregie auch tatsächlich genutzt wird.

Doch wie löst nun Loy den Tod des Jungen bzw. Grimes' Selbstmord auf hoher See? Durch die Stimmen des herannahenden Mobs gewarnt, flüchten Grimes und sein Begleiter über eine auf die Bühne herabgesenkte Hauswand, wobei offenbar der tödliche Unfall passiert. Berührend wirkt die Schlussszene: Während Grimes dem Licht entgegengeht, bleiben Balstrode und Ellen Orford Gefangene ihrer Welt.

Die euphorische Begeisterung für Joseph Kaisers Interpretation der Titelrolle dürfte in erster Linie wohl der szenischen Gestaltung der Partie gegolten haben. Rein stimmlich geht der Peter Grimes erheblich über das dramatische Potential der lyrischen, legatogeschulten Stimme hinaus. In Kaisers Karriere wird dieses durch die bereits länger zurückliegende Absage Kurt Streits zustande gekommene Rollendebüt wohl eher ein Experiment bleiben. Adäquater besetzt waren die übrigen beiden Hauptpartien: Andrew Foster-Williams lässt als Balstrode einen kräftigen, gut geführten Bariton hören, Agneta Eichenholz ist eine mehr als bloß rollendeckende Ellen Orford, deren Sopran lediglich in der oberen Lage etwas schrill zu werden beginnt. Von den beiden bereits in die Jahre gekommenen Diven Hanna Schwarz (Auntie) und Rosalind Plowright (Mrs Sedley) vermag die Britin neben ihrer Bühnenpräsenz auch vokal noch durchaus überzeugen. Den exzellenten Bassisten Stefan Cerny (Swallow) sowie den prägnanten Charaktertenor Andreas Conrad (Bob Boles) würde man auch einmal gerne in größeren Partien begegnen.

Cornelius Meister am Pult des RSO Wien erarbeitete eine sehr durchdachte Sicht der Partitur, die er in analytische Momentaufnahmen zergliedert, ohne dass sich ein roter Faden durch den orchestralem Teil des Abends ziehen würde.

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Kritik von Dr. Rainhard Wiesinger

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Peter Grimes: Oper in einem Prolog und drei Akten

Ort: Theater an der Wien,

Werke von: Benjamin Britten

Mitwirkende: Cornelius Meister (Dirigent), Radio Symphonieorchester Wien (Orchester)

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