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Sonntag, 21. April 2019

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Konzerthaus Berlin, Copyright: Ansgar Koreng

Konzerthaus Berlin, © Ansgar Koreng

Harnoncourt trifft auf schwache Besucherresonanz

Der Sakrale Schubert

Das Konzerthaus Berlin an einem Mittwoch Abend; nichts scheint mehr so wie es einmal war. Auf der Bühne ist das seit nunmehr fünfzig Jahren bestehende Concentus Musicus Wien mit seinem Gründer und musikalischen Leiter Nikolaus Harnoncourt. Hinzu kommen der Arnold Schönberg Chor und eine Schar erlesener Solisten. Und im Zuschauerraum haben knapp 800 Hörer Platz genommen, sind also gerade einmal die Hälfte aller Sitze des Großen Saals besetzt. Woran mag das liegen: Mangelhafte Öffentlichkeitsarbeit des Veranstalters? Ist Harnoncourt kein Selbstläufer mehr und Berlin an sich ein hartes Pflaster? Oder lag es am unpopulären Programm, das der Großmeister und Pionier der historischen Aufführungspraxis hatte ansetzen lassen? Die Antwort muss wohl lauten: Von allem ein bisschen.

Ein reiner Schubert-Abend sollte es werden. Zwischen den ‚Hymnus an den Heiligen Geist’ und dem Offertorium ‚Intende voci’ hatte Harnoncourt das zweiaktige Fragment ‚Lazarus oder die Feier der Auferstehung’ gesetzt; alles Werke, die Franz Schubert nicht gerade wie einen Meister der sakralen Vokalmusik aussehen lassen. Während der Hymnus noch mit interessanter Instrumentation aufwarten konnte, verlief sich das Lazarus-Oratorium in musikalischen Belanglosigkeiten und ungewohnter Ideenarmut. Stilistisch gesehen ist ‚Lazarus’ ein Zwitter, irgendwo zwischen Kantate und religiösem Singspiel (Oratorium?); Sebastian Urmoneit weist im Programmhefttext auf die Schwierigkeiten einer Gattungszuordnung hin. Verglichen mit Oratorien der Zeit (Bspw. Beethovens ‚Christus am Ölberg’) weist es erhebliche Unterschiede auf: kaum Verwendung für Chöre, Aufweichung der Grenzen zwischen Secco und Accompagnato, Vermischung von Arie und Rezitativ. Manches gewinnt dadurch opernhafte Züge, vieles wirkt jedoch wie zusammenhanglos aneinander gereiht, weist holprige harmonische Übergänge auf und lässt vor allem Höhepunkte missen. Letzteres ist auch dafür verantwortlich, dass schnell große Müdigkeit beim Hörer aufkam.

Da konnten auch die sehr guten Sänger nicht viel dran ändern. Allen voran die wieder einmal überwältigende Luba Orgonasova, deren warmer und ungemein flexibler Sopran für manch musikalische Schwäche ihrer Arien entschädigte. Auch wenn ihre Textverständlichkeit durchaus Verbesserungspotential aufweist, vermag sie mit ihrer ungeheuren Farb- und Dynamikpalette und ihrem bestechenden Gespür für Form und Phrasierung die Hörer in Ihren Bann zu ziehen. Elisabeth von Magnus hat die Stimme eines Engels: leicht, hell und ungemein beweglich. Die extremen Höhen ihres Parts stellen sie vor keine Probleme, ganz im Gegenteil. Das dabei von ihr verwandte enge und schnelle Tremolo mag Geschmacksache sein. Martina Janková wurde leider nur eine kurze Rolle zuteil, die sie stilsicher und unauffällig ausfüllen konnte.

Der Bassist Florian Boesch erwies sich als engagierter, in den Mittellagen stimmgewaltiger Sänger, der seinen kurzen aber heftigen Auftritt mit viel Innbrunst gestaltete, dabei in der Höhe leider an Substanz missen ließ. Michael Schade als ‚Lazarus’ verfügte über einen sehr warmen und voluminösen Tenor mit einem leichten Hang zum Dramatischen. In Bezug auf Intonation und Textverständlichkeit blieben kaum Wünsche offen. Vermag seine Stimme anfänglich noch zu fesseln, ist es jedoch mangelnder farblicher Flexibilität geschuldet, dass ein gewisser Ermüdungseffekt beim Hörer einsetzte.
Gleiches lässt sich von James Taylor keinesfalls behaupten. Der gebürtige Texaner, der schon seit vielen Jahren ein gern gehörter Gast bei Spezialisten der historisierenden Aufführungspraxis ist, überzeugte wiederholt mit einer Fülle von sängerischen Ausdrucksmitteln, die bei identischer technischer Perfektion so nur selten zu erleben sind. Dynamische Extreme, eine unerhört umfangreiche Klangfarbenpalette, fließende Übergänge von weich zu hart, von hell zu dunkel zeichnen seinen Gesangstil aus und verleihen ihm dazu ein unverwechselbares Timbre.

Der von Erwin Ortner betreute Arnold Schönberg Chor kam leider nur sporadisch zum Einsatz, wusste er sich doch als homogenes, stimmlich gut ausbalanciertes und zugleich angenehm durchhörbares Ensemble zu präsentieren. Was ohne Abstriche auch für das Concentus Musicus gelten darf. Sicher verfügt das Ensemble nicht über die unverwechselbare Klangästhetik eines Freiburger Barockorchesters oder über die Explosivität eines Concerto Köln, doch wird auch hier klangschön, artikulatorisch genau und agogisch sinnvoll musiziert. Die gelegentlichen intonatorischen Schwierigkeiten der Bläser fielen nicht wesentlich ins Gewicht. Schade nur, dass manches zu brav und verhalten klang. Vor allem der Beginn des zweiten Aktes lässt beim Orchester Intensität und das nötige ‚Zupacken’ missen. Auch hätte man sich bspw. die Streicherbegleitung der Arien der Maria im ersten Akt voluminöser und mit mehr Tiefgang gewünscht. Hier ist man von Harnoncourt eigentlich anderes gewöhnt. Vielleicht stand aber auch er etwas ratlos vor den Partituren, die mit mehr Leben als in diesem Konzert zu füllen, nur schwer möglich sein dürfte.

So hielt sich die Hörer-Begeisterung am Ende eines fast zweistündigen ‚Auferstehungs- und Huldigungsmarathons’ verständlicherweise in Grenzen. Es war ein schöner, wenn auch recht braver Schubert-Abend, der trotz der musikalischen Schwächen einen besseren Besuch verdient gehabt hätte. In gut drei Wochen sind Orgonasova und Harnoncourt drei Abende lang in der benachbarten Philharmonie zu erleben – mit einem reinen Schubert-Programm. Karten hierfür sind schon jetzt Mangelware.

Kritik von Frank Bayer



Kontakt zur Redaktion


Kammerorchester International: Concentus Musicus - Harnoncourt

Ort: Konzerthaus,

Werke von: Franz Schubert

Mitwirkende: Arnold Schönberg Chor (Chor), Erwin Ortner (Chorleitung), Nikolaus Harnoncourt (Dirigent), Concentus Musicus Wien (Orchester), James Taylor (Solist Gesang), Michael Schade (Solist Gesang), Florian Boesch (Solist Gesang), Martina Janková (Solist Gesang), Elisabeth von Magnus (Solist Gesang), Luba Orgonasova (Solist Gesang)

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Detailinformationen zum Veranstalter Konzerthaus Berlin

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