> > > > > 10.07.2011
Sonntag, 25. August 2019

Claus Guths 'Parsifal' in Zürich

Versöhnung im Sanatorium

Claus Guth lässt Titurel schon im Vorspiel zum ersten Akt auftreten. In einem Speisezimmer eines eleganten Herrenhauses des ausgehenden 19. Jahrhunderts wird von ihm plötzlich einer der beiden Söhne verstoßen. Erst nach und nach begreift man, dass die beiden Kinder Amfortas und Klingsor sind, deren weiterer Lebensweg durch dieses Ereignis vorgezeichnet scheint. Guth "transponiert" also auch 'Parsifal' auf eine bürgerliche Ebene, in der es nichts mehr gibt von Gralsmythen und Rittern. Beim eigentlichen Beginn des ersten Akts ist das von Christian Schmidt entworfene Bühnenbild schon ordentlich in Mitleidenschaft gezogen, vom einstigen Wohlstand ist nichts zu merken, die Gemäuer werden nun von traumatisierten Kriegsinvaliden bewohnt, die sich vor dem tyrannischen Aufseher Gurnemanz nicht aufzumucken trauen. Und so gibt es auch keine Gralsszene; den Insassen wird schlicht eine Schellackplatte aus dem Grammophon vorgespielt.

Nun ist die Regie allerdings mit dem Problem konfrontiert, dass Wagner gerade hier einen großbesetzten Chor verlangt, den man schlicht und einfach und ohne Rücksicht auf die akustischen Konsequenzen vor den Eingangstüren im Foyer postiert. Der zweite Akt spielt, leicht vorhersehbar, in den 20er Jahren und endet, auch schon nicht mehr verwunderlich, keineswegs mit Klingsors Untergang. Dieser erstarrt lediglich und lässt sich von Parsifal den Speer aus der Hand nehmen, denn Guth braucht Klingsor nochmals ganz am Ende des dritten Akts, wenn er sich mit seinem Bruder Amfortas versöhnt. Zuvor schienen aber die wenigen überlebenden Pflegebedürftigen angesichts von Parsifals Auftreten in strammer Uniform und Stiefeln geheilt zu sein. Die Brücke zum Jahr 1933 ist also geschlagen. Zu all diesen ablenkenden und die Musik störenden Geschehnissen frönt Guth auch noch seiner Leidenschaft, die Drehbühne auch dann möglichst ausgiebig zu nutzen, wenn die Musik Momente der Ruhe vermittelt.

Matti Salminen heute nochmals als Gurnemanz zu erleben bedeutet natürlich, die eine oder andere altersbedingte Schwäche nicht mehr überhören zu können. Am Tag nach Verdis 'Messa da Requiem' in der Tonhalle musste der Künstler im ersten Akt gelegentlich schon in die Trickkiste greifen und mit punktierten Noten oder angedeuteten Höhen die Reserven für den dritten Akt aufsparen. Doch die Gestaltung der Rolle, die Salminen schon einen großen Teil seiner Karriere begleitet, ist noch immer ohne Konkurrenz. So erlebt man eine mit feinen dynamischen Abstufungen durchzogene Wort-Ton-Gestaltung, die dann im dritten Akt in Verbindung mit der voll tönenden Bassstimme zu einer vollendeten Interpretation verschmilzt.

Thomas Hampson bringt für den Amfortas einen ungewöhnlich hellen Bariton mit, dem es in der Tiefe für die Tessitura der Rolle etwas an Substanz fehlt, doch wirkt dieses Manko in dem eher kleinen Züricher Opernhaus nicht zu groß, da Hampson die Rolle dank seiner Erfahrung als Liedinterpret mit entsprechend vielen Nuancen ausstattet, die sich in einem größeren Auditorium wahrscheinlich verlieren würden. Jedenfalls verfügt die Stimme in der Höhe über die dramatische Attacke für die Ausbrüche in der Gralsszene des ersten und dritten Akts.

Stuart Skeltons Parsifal kann mit seinen beiden Kollegen nicht mithalten. Zwar singt er die Partie - mit Ausnahme der wenigen Spitzentöne - mühelos und ausdrucksvoll phrasiert, doch fehlt es seinem Tenor an Geschmeidigkeit und einem charakteristischen Timbre. Egils Silins (Klingsor) und Pavel Daniluk (Titurel) sind Luxusbesetzungen, die von der sorgfältigen Sängerauswahl des Hauses zeugen. Am wenigsten glücklich wurde man mit Yvonne Naefs Kundry, die ihren in der Mittellage durchaus ansprechenden Mezzo kaum einmal von einer Einheitslautstärk herunterfährt und mit dem Fluch am Ende des zweiten Akts schlicht überfordert ist.

Daniele Gatti erarbeitete mit dem Orchester des Opernhauses einen sehr konventionellen 'Parsifal', der im ersten Akt von gravitätischen Tempi dominiert wird, die den musikalischen Fluss aber nicht behindern. Die Spannung in der großen Szene Parsifal-Kundry im zweiten Akt versucht er durch rapide Tempowechsel und Lautstärke zu erreichen, was durchaus gelingt, allerdings etwas aufgesetzt wird. Den dichtesten und geschlossensten Eindruck vermittelt der dritte Akt. Aber man fragt sich in der Schlussszene doch, wie ein Dirigent dieser Reputation die Verbannung eines Teiles des Chors in das Foyer tolerieren kann.

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Kritik von Dr. Rainhard Wiesinger

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Wagner: Parsifal: Opernhaus Zürich

Ort: Opernhaus,

Werke von: Richard Wagner

Mitwirkende: Christian Schmidt (Bühnenbild), Daniele Gatti (Dirigent), Orchester des Opernhauses Zürich (Orchester), Claus Guth (Regie), Yvonne Naef (Solist Gesang), Pavel Daniluk (Solist Gesang), Egils Silins (Solist Gesang), Stuart Skelton (Solist Gesang), Thomas Hampson (Solist Gesang), Matti Salminen (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Opernhaus Zürich

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