> > > > > 08.09.2006
Samstag, 22. Januar 2022

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Semperoper Dresden, Copyright: Tilman2007

Semperoper Dresden, © Tilman2007

Walkürenglück in Dresden

Winterstürme, Wonnemond, Abschied und Feuerzauber

Hoch hatte Fabio Luisi mit den Musikerinnen und Musikern der Staatskapelle mit ihrer Rheingoldmusik die Messlatte gelegt. Sie können noch mehr. Nach der gestrigen Aufführung ‘Die Walküre’ liegt die Latte noch höher. Jetzt ist es auch gelungen, den musikalischen Anspruch aus dem Orchestergraben auf die Bühne zu bringen, denn in Willy Deckers szenisch sehr reduzierter aber hochkonzentrierter Aufführung konnte man ein Solistenensemble vernehmen, das von enormer Präsenz und gestalterischer Kraft war. Optisch bietet Wolfgang Gussmanns leeres Opernwelttheater mit Hundings übergroßem Wohnschubfach in Eschenholzimitation nach Art billiger Wohnparadiesketten im ersten, Wotans Bastelwerkstatt für Heldengipsmodelle und ebensolche Schaltzentralen der Macht im zweiten, und vor allem der depressive, leere Theaterabschiedsraum im Finalsatz, eine spannende Korrespondenz zur Bilderflut der Musik.

Klangerlebnis der Spitzenklasse

Drei Vorspiele, drei Höhepunkte. Zunächst ein Sturm. Peitschende Klänge, wilde Töne, Aufruhr der Elemente im Orchester und ein Klangerlebnis der Spitzenklasse zu Beginn. Unheil droht, aber wie lässt sich diese Bedrohung genießen. Das zweite Vorspiel wühlt wiederum wild einen Sturm der Gefühle auf, da blitzt scharf das Schwertmotiv, zärtlich schwingt sich das fein gewobene Motivgeflecht der Wälsungen auf und erfährt durch die dunklen Töne Hundings Bedrohung und alles mündet in das so anziehende wie Furcht gebietende Walkürenrittgetose. Im letzten Vorspiel gibt es noch eine Steigerung, jetzt jagen die Töne atemlos dahin, jetzt reitet der Tod mit den Walküren, jetzt ist Unheil in der Musik. Das Finale dieses dritten Aktes der ‘Walküre’ mit seiner gleißenden Feuerzaubermusik wird nur noch einen Aufschub bedeuten, wie das sonnendurchflutete Finale des folgenden ‘Siegfried’ um dann am Ende der ‘Götterdämmerung’ den Weltbrand zu entfachen. Die Staatskapelle mit allen Instrumentalgruppen nimmt Fabio Luisis sparsame aber unwahrscheinlich intensiven Impulse auf, reagiert durchweg so sensibel, dass allein Kraft der Musik Situationen von solcher Spannung entstehen, dass sie sich nur dankbar als Momente großen Glücks annähernd umschreiben lassen. Unter Luisis Leitung wird das gewaltige Toben niemals zum Lärm, das zarteste Piano bleibt direkt, auch die gefühlvolle, schmelzende Kantilene verströmt sich nicht in eitlem Wohlklang, sondern erhält Substanz und fügt sich ein in dieses große Werk unlösbarer Widersprüche von Ansprüchen, Absichten, Gefühlen und deren Verwirrungen.

Die Kraft des Orchesters ergreift die Solisten

In den vielstimmigen Gesang des Orchesters fügt sich der des Solistenensembles. Mit strömendem Klang, profunder Tiefe, vor allem aber nuancenreich und geschmeidig, gibt Hans-Peter König den Hunding als tragische Persönlichkeit. Hier gibt einer Verletzungen, die erfahren hat weiter, sein Opfer zunächst ist schwächer, Verlierer am Ende ist er. Michaela Schuster gibt nicht die vor Leidenschaft brennende Sieglinde, dafür – und das überzeugend vom ersten bis zum letzten Ton – eine sehr verletzliche, einsame junge Frau. Für den Ausdruck der Schattierungen ihrer Einsamkeit, Sehnsucht, und Furcht hat sie ein großes Repertoire warmer, weicher und vor allem sehr klarer Töne des lyrisch-dramatischen Faches. Ihr Zwillingsbruder Siegmund wird von Stig Andersen gesungen und vereinigt viel Sympathie auf sich durch die Wärme seines dunklen, dabei recht jung klingenden Tenors. Auf die ganz großen Expressionen in Form schmetternder, heldischer Tenorkampftöne verzichtet man in solchem Umfeld ohne großen Unmut. Auf durchgehende Souveränität und den ganz großen Abschiedsgesang müssen wir bei Jukka Rasilainen als Wotan, den einsamen Piraten mit rauer Stimme, auch verzichten, nicht aber auf die berührende Zeichnung eines starken Charakters, als Gefangenen des eigenen Systems.

Sie hat nur einen Auftritt, aber der hat es in sich. Mihoko Fujimura muss als Erda nicht auftrumpfen, um ihre Ziele bei Wotan durchzusetzen. Von ihrem Gesang, von ihrer Erscheinung, gehen starke Wirkungen wie durch die Kraft gebündelter Strahlungen aus, die todsicher über mögliche Wiederstände ihre Ziele erreichen. Gesang und Erscheinung sind von kraftvoller Eleganz.

Brünnhilde kommt, singt und siegt

Evelyn Herlitzius singt ihre jubelnden ‘Hojotohos’ offensichtlich und vernehmbar mit Spaß und viel guter Laune. Die kindhafte Kämpferin ohne Kampffeld, Überbringerin von Todesnachricht und göttliche Heimbürgin zwecks Wiederbelebung gefallener Helden in anderen Welten, bekommt bei ihr eine solche Jugendlichkeit, dass man angesichts ihrer acht Schwestern annehmen muss, sie ist später Nachkömmling und dazu missratenes Versöhnungskind. Also, Evelyn Herlitzius betritt die Bühne, beginnt zu singen, und die Luft brennt. Von besonderer Schönheit und Kraft sind ihre dunklen Töne auf dem ruhigen Strom des Atems, ohne Affekt, ohne Flackern, ganz beseelt, etwa wenn sie Siegmund den Tod ansagt, oder vor Wotan bittet: ‘War es so schmählich, was ich verbrach...’ Klangfarben wie Bernstein hat sie da und die ganze Tragik schon darin, die kommen wird, und sie zur weltvernichtenden Bradstifterin machen wird. Acht Walküren sind acht Walküren, und wenn sie zusammen in Kampfesjubel ausbrechen, dann klingt es genau so, wie man sich das vorstellt. In Dresden sind Wotans Kampftöchter Blitzreiterinnen, aber die Blitze kommen so gemächlich aus dem Bühnenhimmel, dass sie es eben gesanglich stärker zucken und krachen lassen müssen. Das tun sie, aus voller Brust. Wir jubeln mit dem begeisterten Publikum und freuen uns auf Teil zwei und drei der Tetralogie.

 

Mehr erfahren über den Autor

Kritik von Boris Michael Gruhl



Kontakt zur Redaktion


Dresden, Semperoper: Richard Wagner, Die Walküre

Ort: Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper),

Werke von: Richard Wagner

Mitwirkende: Fabio Luisi (Dirigent), Willy Decker (Inszenierung), Sächsische Staatskapelle Dresden (Orchester), Hans-Peter König (Solist Gesang), Michaela Schuster (Solist Gesang), Jukka Rasilainen (Solist Gesang), Evelyn Herlitzius (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper)

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