> > > > > 14.01.2007
Sonntag, 28. November 2021

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Semperoper Dresden, Copyright: Tilman2007

Semperoper Dresden, © Tilman2007

Vesselina Kasarova in der Semperoper

Ein Weltstar singt Lieder

Ein Weltstar ist die bulgarische Mezzosopranistin ist seit ihrem Züricher Debüt von 1989. Sie ist auf den Opernbühnen und Konzertpodien der Welt zu Hause, renommierten Festivals verleihen ihre Auftritte zusätzlichen Glanz, ihre besondere Kunst belegen etliche CDs. DVDs zeigen dazu ihre spezielle Art der zelebrierten Bescheidenheit. Die Zahl ihrer Verehrerrinnen und Verehrer ist groß, aber kritische Stimmen gibt es auch. Im Rahmen der Konzertreihe „Weltstars zu Gast in der Semperoper“ machte Vesselina Kasarova am vergangenen Sonntag Station in Dresden. Das Publikumsinteresse hatte sich merklich gesteigert, und bei geschlossenem viertem Rang war das Haus fast ausverkauft.   


Dabei ist sie in Dresden keine Unbekannte. Zum vierten Mal kam sie jetzt hierher. Zunächst gab sie in einer konzertanten Aufführung die Partie des Romeo in Bellinis „I Capuleti e i Montecchi“ mit Lucia Alibert als Julia. Dann noch einmal, für mehrere Aufführungen sogar, im virtuosen Belcantofach, als Angelina in Rossinis „La Cenerentola“. Am Sonntag konnte sie Beifallstürme und Jubel für ihren zweiten Liederabend entgegen nehmen. Sie bedankte sich mit einer Arie aus „Ariodante“ und kehrte so zum Beginn des Konzertes zurück, das sie mit Joseph Haydns „Berenice che fai“ begann. In dieser ausladenden Gesangsszene mit ungewöhnlich großem und affektreichem Rezitativ, zwei gefühlsintensiven Arien, langsamer die erste, leicht temperamentvoller die nach kurzem Rezitativ folgende, beide fast frei von Koloraturen, ist die Opersängerin gefragt. Und als Opersängerin – so jedenfalls der Eindruck nach dem Dresdner Liederabend – gehört sie eher in die Höhenregionen der zu Weltstars erhobenen Sängerinnen denn als Interpretin von Liedern. Sie beherrscht es phänomenal, mit tiefen, dunklen Tönen, mit leisen, bis in die feinste Tongebung klingenden Passagen, auch mit Expressionen in heller Höhe, mit dem Farbreichtum ihrer Gestaltungskunst, die traurige Seelenlandschaft der tragischen Berenice zu gestalten. Hier deutet sich an, was in den Liedern stärker noch zu vernehmen ist, hier aber auch zumindest Skepsis hervorruft. Vesselina Kasarova gestaltet Stimmungsbilder. Sie setzt Ton an Ton, immer auf der dunklen Grundierung ihrer einzigartigen Stimme mit der sie Dank nahezu perfekter Technik das Auditorium durch ein Wechselbad der Gefühle führt. Sie ist eine Meisterin der Tonkunst, sie zelebriert die Schwermut. Die vier ausgewählten Lieder des sechsteiligen Zyklus „Les Nuits d´été“ (Sommernächte) von Hector Berlioz auf Gedichte von Théophile Gautier verwandelt sie in nächtliche Szenen unglücklicher Liebe. Das diese Lieder auch so etwas bergen wie eine leichten, aufreizenden Anklang, dass sie kleine Geschichten erzählen und nicht nur in malerischer Manier Tonfarben in der Linie einer Melodie zu Bildern fügen, bleibt anderen Interpretinnen vorbehalten. So bleibt diese Liedinterpretation eine der streitbarsten Varianten im Programm des Abends.


Die vielen Lieder von Antonin Dvorak sind hierzulande weniger bekannt. Dabei hat er fast 100 Lieder geschrieben. In seinen acht Liebesliedern, op. 83, eines verliebten jungen Mannes klingt sicher viel Melancholie mit. Wir befinden uns noch in der Romantik, die Liebe bleibt unerwidert und der Jüngling will sterben. Die Lieder besitzen aber auch, und das macht ihren großen Reiz aus, die narrative Kraft des Volksliedes, vermitteln minimale Handlungen, und sind nicht ganz so hoffnungslos und uneingeschränkt todestrunken, wie Vesselina Kasarovas vornehmlich klagende Interpretation vermitteln könnte. Auf mögliche andere Auffassungen weist das Programmheft hin. Die deutschen Übersetzungen der Texte wurden den Beiheften unterschiedlicher Einspielungen entnommen, so findet sich zu den Texten dieser Lieder der Hinweis auf eine Einspielung mit Magdalena Kozená. Einen guten Überblick und Eindruck vom Liedschaffen Dvoraks, dabei auch die acht Liebeslieder, vermittelt die Aufnahme mit der Mezzospranistin Bernarda Fink und dem Pianisten Roger Vignoles von harmonia mundi.     


Zum Abschluss, kurzfristig geändert, nicht fünf ausgewählte Lieder von Richard Strauss, sondern vier bulgarische Volkslieder in Arrangements von Krassimir Kyurkchiyski. Auch hier, in der üppig bearbeiteten Folklore, in Kasarovas Interpretation dazu, beherrscht dunkle Schwermut den Klang.
Charles Spencer nimmt den melancholischen Grundton des Abends auf, fasziniert mit der Tugend des Begleiters, dessen musikalische und gestalterische Kraft in der scheinbaren Zurücknahme am stärksten sein kann.           

                 
Der gesamte Abend ist letztlich die perfekte Inszenierung einer Folge von Impressionen aus Tönen. Freunde schöner Töne jubeln, Freunde schöner Lieder gehen weniger begeistert von dannen und erwarten fröhlich den nächsten Auftritt Vesselina Kasrovas in einer Operninszenierung.

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Kritik von Boris Michael Gruhl



Kontakt zur Redaktion


Liederabend Vesslina Kasarova: Dresden Semperoper

Ort: Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper),

Werke von: Joseph Haydn, Antonín Dvorák, Hector Berlioz

Mitwirkende: Vesselina Kasarova (Solist Gesang), Charles Spencer (Solist Instr.)

Detailinformationen zum Veranstalter Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper)

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