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Mittwoch, 11. Dezember 2019

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Semperoper Dresden, Copyright: Tilman2007

Semperoper Dresden, © Tilman2007

Neumeiers Nussknacker wie neu in Dresden

Der Traum vom Tanz

So richtig erschließt sich John Neumeiers Choreografie des Ballettklassikers ?Der Nussknacker? mit der Musik von Peter Tschaikowski erst zu Beginn des zweiten Bildes. Hier bricht Neumeier auch am konsequentesten mit den tradierten Vorlagen. Marie das Kind, an der Schwelle zur jungen Frau, klettert mit Drosselmeier, dem strengen, kauzigen aber ganz und gar nicht bösherzigen Ballettmeister aus dem Orchestergraben auf die Bühne. Die ist jetzt leer geräumt von allem tapezierten Kulissenzauber mit Plüsch und Paradeuniformen der schmucken jungen Kadetten aus der schönen alten Ballettpantomime, und gibt den Blick frei in einen nahezu weißen Arbeitsraum mit Ballettstange. Also aus der Musik kommend, in den so mühseligen wie schmerzhaften Prozess der Transformation von Klang und Bewegung, durch Arbeit und Übung, hin zum abschließenden Fest, das uns dann in der überreichen Tanzfreude einer exzellenten Gala zu glücklich beschenkten Menschen macht, die gleich dem Kind Marie den Raum des Theaters anders verlassen, als sie ihn betreten haben. John Neumeier schuf seine dreiteilige Fassung des Balletts mit den Akten ?Maries Geburtstag?, Maries Traum ? Die Probe? und ?Maries Traum ? Die Vorstellung? 1971 für seine damalige Compagnie in Franfurt am Main. Zuvor schon hatte John Cranco ? allerdings weniger erfolgreich ? das Stück als einen Passageritus inszeniert und aus dem Kind über Nacht eine Frau werden lassen. Neumeiers hochmusikalische und ebenso poetische Fassung kam in Dresden 1997 auf die Bühne, nach fast 10 Jahren und annähernd 100 Vorstellungen erweist sich die Version des junggeblieben Altmeisters jetzt in glänzender Neueinstudierung als funkelndes Juwel im Repertoire der Dresdner Compagnie. Der Meister kam aus Hamburg, gab der Einstudierung letzten Schliff und konnte dabei mit der von Ballettdirektor Aaron S. Watkin neu formierten Truppe ein exzellentes Ergebnis erreichen. Jetzt ? so der Eindruck nach der gefeierten Wiederaufnahmevorstellung ? hat sich ein Ensemble zusammengefunden, das internationalen Vergleichen stand hält.


Brillant und augenzwinkernd als Hommage an die Ästhetik der Entstehung dieses Erfolgswerkes der Tanzgeschichte das erste Bild, der Geburtstag Maries im großbürgerlichen Milieu. Wobei es Neumeier so wunderbar gelingt durch die übermütige Kadettentruppe mit dem schmucken Anführer aller möglichen Militanz zugunsten revuehafter, springlebendiger Tanzfreude ein total friedliches Adieu zu sagen.


Ein Tanzereignis der Sonderklasse ist hier wie in allen weiteren Bildern Katherina Markowskaya als Marie. Sie tanzte die Partie zur Dresdner Premiere 1997, jetzt hat sie zu aller Leichtigkeit mit der sie jeden technischen Anspruch meistert, ganz schmiegsamen und weichen Charme fließender Fugbewegungen hinzugewonnen. Markowskaya nimmt uns mit in den pubertären Konflikt aus verzauberter Schwärmerei und erotischer Verwirrung angesichts der Erscheinung  Günthers, Kadettenanführer und Freund ihrer großen Schwester Lousie, der Ballerina, und dem skurrilen Drosselmeier, geheimnisvoll und theatralisch, unnahbar und anziehend zugleich, Vertreter anderer Welten, unbekannter Räume. Von Günther bekommt Marie den Nussknacker, von Drosselmeier die Ballettschuhe geschenkt.


John Neumeier, der tanzende Theatermagier mit der Spiritualität der Lebensfreundlichkeit und der Fantasie des wissenden Träumers, führt das Kind Marie in recht realer Traumwelt mit dem Mann aus Holz im Arm und den Tanzschuhen an den Füßen dahin, wo unter Schweiß und Tränen jene Augenblicke entstehen, die uns glauben lassen, dass die Schwerkraft doch zu überwinden sei. Natürlich gelingt der Traum von Fliegen, gehoben und getragen von den starken Armen Günthers, dem Jirí Bubenícek noch beim gewagtesten Sprung, in der technisch  meisterlich gelungenen Drehung, in den solistischen und paarweisen Passagen des Grand Pas de deux, gänzlich natürliche Ausstrahlung zu geben vermag. Wie Natalia Sologub als Ballerina technische Meisterschaft und tänzerischen Charme in atemberaubenden Passagen vereint, lässt in entzückter Verblüffung so manchen Mund der begeisterten Gäste im restlos ausverkauften Opernhaus für Momente offen stehen.               

           
Verblüffung, Begeisterung, Staunen und Schmunzeln dann, wenn im dritten Bild Meister Drosselmeier seine Traumballette präsentiert, die Gruppenbilder und die solistischen Divertissements in einer Gala von zehn Glanzstücken, in denen das Ensemble mit den Solistinnen und Solisten auf Spitze oder flotter Sohle immer wieder Kunststücke und Höhenflüge präsentiert, zwischen dem großen fast weißen Bild eines blühenden Gartens und dem finalen ?Ballabile? des ganzen Ensembles ein Feuerwerk der Ballettkunst. Da ist auch nicht ein winziges Staubkörnchen zu finden, wenn klassischer Tanz sich als ziemlich zeitgemäße Kunst aus Beherrschung und Maß, aus Musikalität und körperlicher Präsenz, aus Ästhetik und Ritual präsentiert. Raphael Coumes-Marquet ist der Drosselmeier dieser Aufführung, ein einsamer Zauberer und vor allem ein großartiger Tänzer. Ein Träumemacher. Ein Kunstanstifter. Aber eben erst die Arbeit, dann das Fest.


Am Pult der Staatskapelle steht Davor Krnjak. Im Verlauf des Abends wird der Klang immer geschmeidiger, feingliedrig auch. So ein Ballett ist ja nicht ohne Probleme, die Spannung soll gehalten werden bei einer Abfolge von unterschiedlichen, zumeist noch sehr knappen Stücken. Das gelingt aber. Mehr noch, die poetische Grundstimmung des Werkes verbindet alle Teile.
Dann ist der Traum vom Tanz zu Ende und das Publikum begeistert.             

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Kritik von Boris Michael Gruhl



Kontakt zur Redaktion


Dresden, Semperoper: dresdenSemperOperballett

Ort: Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper),

Werke von: Peter Tschaikowsky

Mitwirkende: Jürgen Rose (Bühnenbild), John Neumeier (Choreographie), John Neumeier (Inszenierung), Jürgen Rose (Kostüme), Sächsische Staatskapelle Dresden (Orchester)

Detailinformationen zum Veranstalter Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper)

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