> > > > > 12.11.2006
Samstag, 24. August 2019

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Semperoper Dresden, Copyright: Tilman2007

Semperoper Dresden, © Tilman2007

Ballettpremiere in Dresden mit Perspektiven

Alles auf Hoffnung

‘Herbstnebel wallen bläulich überm Strom...’ singt ‘Der Einsame im Herbst’ zu Beginn des zweiten Satzes in Gustav Mahlers Abschiedsgesang ‘Das Lied von der Erde’. Der Herbst ist angebrochen, der Herbst im Herzen, der zu lange währt. Ein Herbstabend im November, wie er herbstlicher und herber kaum sein könnte, weht uns an, lässt uns die Kragen hoch schlagen und schnellen Schrittes vom windigen Platz vor der Dresdner Semperoper eilen. Der mit viel Spannung erwartete erste Premierenabend der neu formierten Balletcompany unter der Leitung von Aaron S. Watkin und seinem Hauschoreografen David Dawson ist zu Ende. ‘Wiedergeburt und Auferstehung’ sein Titel, bewusst unscharf, Spiritualitätslüsten im ästhetischen Revier dienend, oder gut und marketinggerecht auf herbstliche Grundstimmungen, wie Erinnerungen, Abschied, Tod und Sehnsucht nach Licht und Leben ausgerichtet?

Am Ende des dreiteiligen Abends eine Uraufführung, mit der sich David Dawson in Dresden bekannt macht, andernorts ist er das schon, namhafte Kompanien haben Arbeiten von ihm im Repertoire.

Mehr Mut zur Musik

Hier präsentiert er unter dem Titel ‘Das Verschwundene’ (The Disappeared) unter zwei dekorativen Bildelementen, die an stilisierte Herbstnebelschwaden erinnern, eine Meditation aus stillem Zeitfluss in melancholischem Blau. Dazu klingelt leise, von Streichern der Staatskapelle und Rodica Buica am präparierten Klavier so lebendig als nur möglich gespielt, der Satz ‘Silentium’ aus ‘Tabula Rasa’ von Arvo Pärt. Mit sechs Tänzerinnen und drei Tänzern in unterschiedlichen Zuordnungen entfaltet Dawson ein behutsames Bewegungsrepertoire, auf Sprünge wird zwar verzichtet, dafür gelingt es auf ganz unspektakuläre Weise eine eher empfundene als tatsächlich vorhandene Dimension der Höhe zu erreichen. Dem Anliegen, durch Tanz dem Schwinden von Zeit, dem Vergehen des Augenblicks in einem Fluss unaufhörlicher und unaufhaltsamer Neuschöpfungen von Augenblicken, von Lösungen und Ablösungen, Begegnungen und Abschieden, Bild zu geben, dienen in wunderbarer Fragilität, durch Behutsamkeit und Sensibilität ihrer individuellen Körpersprache Natalia Sologub, Bridget Breiner, Julia Carnicer, Britt Juleen, Andrea Parkyn, Raphael Coumes-Marquet, Victor Mateos-Arellano sowie als Paar vor allem Yumiko Takeshima und Jiri Bubenicek. David Dawsons Dresdner Einstieg macht Lust auf weitere Arbeiten des Choreografen mit diesem Ensemble. Bei dieser Kreation scheint es, bleibt die Idee noch vor der Auseinandersetzung mit einem Thema, dessen Untiefen und Schärfen angedeutet sind, an Mahlersche Dimensionen erinnern, aber in der kleinteiligen Musik Arvo Pärts weder Entsprechung noch Widerstand und Schärfe finden.

Poliertes Altgold, sehr symmetrisch

Yumiko Takeshima und Jiri Bubenicek sind auch das Solopaar in George Balanchines Choreografie ‘Thema und Variationen’ zur Musik des Finalsatzes aus Peter i. Tschaikowskys Orchestersuite Nr. 3, G-Dur, op. 55, in der Einstudierung durch Patricia Neary. Mag auch das Dekor kulissenhafter Festlichkeit in opulenter Ballsaalmelancholie, mit der optischen Hommage an die Semperoper für diesen Abend zwar erklärbar sein, aber dennoch nicht gänzlich überzeugen, vor dem tänzerischen Anspruch dieses Beitrages muss jede Kritik verstummen. Eine Abfolge von Glücksmomenten der Verbindungen von technischer Brillanz mit der Eleganz in jenen, Balnchine eigenen, wundersamen Bewegungen die Körper und Klänge verschmelzen lassen.

Zu besonderer Innigkeit finden die Solisten in ihren gemeinsamen Passagen, hier schwingt viel Zärtlichkeit. Ein wichtiges Kapitel der Tanzgeschichte wird in Dresden lebendig, Grundlagen und Begründungen für vieles, was Stil und Techniken der Gegenwart ausmachen sind hier in einem ästhetischen Erkenntnisprozess erster Güte zu sehen. Wenn es einer der Ansprüche von Aaron S. Watkin ist, auch Traditionen und Entwicklungen anhand von großen Würfen der Vergangenheit auf die Bühne der Gegenwart zu bringen, dabei genrespezifisch und angemessen der Individualität zeitgemäßer Tänzerpersönlichkeiten Spielraum zu geben, dann ist hier der Anfang gemacht, solchen Anspruch einzulösen.

Keine Symmetrie. Alles offen. Licht und Raum. Körper und Bewegung.

Wie weit und wie nah zugleich der Weg von George Balanchine zu William Forsythe ist und partiell auch zu David Dawson führt der Mittelteil des Ballettabends vor Augen. Furios, verstörend, dabei das Publikum – bei vereinzelter Ablehnung und mehrheitlicher Zustimmung – in den Bann ziehend, fegt Forsythes Arbeit ‘Enemy in the Figure’ auch die letzten Körnchen noch so edlen oder traditionsgeheiligten Staubes von der Bühne. In ihren Ansätzen erkennen wir sie schon, die Vorbilder, in chorischen, dekorativen Synchronmotiven, die brillanten Soli, die Beziehungen in spannungsvollen Begegnungen, jetzt endgültig frei vom Regelwerk des Pas de deux und aller Verwandten. Die scharfen Signale und Klangflächen elektronischer Intensität und Direktheit von Thom Willems schlagen sich in den Opernraum, nehmen alle Weihe und vermitteln zugleich neue Qualitäten der Würde, die aus der Annahme der Gegenwart entstehen ohne sie auch nur im geringsten abzubilden oder illustrierend nachklingen zu lassen.

Zudem blicken wir in einen Raum, der sich durch den Wechsel des Lichtes niemals in seiner Gänze erfassbar macht, der in Teilen für uns unsichtbar bleibt, in den Menschen hineingeworfen werden, aus dem sie verschwinden, den sie durchlaufen, der sie entlässt und zurück fordert, mit dessen Materialien sie umgehen, sie verändern können, oder an der Unbewegbarkeit des Unverständlichen scheitern müssen.

Und so wie sich Klang und Raum der Beherrschung und Zähmbarkeit entziehen, uns immer wieder im Zustand der Annäherung und Hinlänglichkeit, in der Vorläufigkeit lassen, was natürlich mit Schmerz und Auflehnung verbunden ist, bleiben die exzellenten Tänzerinnen und Tänzer auch Rätsel und weder festzulegende noch in der intimen Direktheit zu erkennende Charaktere. Forsythe weiß um den Unterschied zwischen dem Sichtbaren und dem Erkennbaren, zwischen den kollektiven Vorgängen des Sehens und denen der Intimität des Augenblicks vorbehaltenen der Erkenntnis.


Tänzerisch verwirrt und beglückt zugleich ein Vexierspiel aus rasanten Tempi und Momenten der stillen Verharrung. In den expressiven Sprüngen und Drehungen in Höchstgeschwindigkeit vermischen sich Artistik und Rausch, archaisch-beschwörende, an Riten erinnernde Bewegungen in so märchenhaften wie clownescen Kostümen, allein oder in direkten und indirekten Korrespondenzen ausgeführt, Kampf oder Allianzen mit Materialien und Gegenständen auf der Bühne, lassen Zeitschichten und Erinnerungen an Erfahrungen mit Religionen, Kindheit, Enge und Weite, Fantasien und deren Verluste aufkommen, Angst und Befreiung von Angst eingeschlossen.

Die fulminante Befreiung der Bewegung, die diese Choreografie beherrscht, erfährt immer wieder Brechung und Beschränkung, wenn plötzlich in großen, raumgreifenden Bewegungen Tänzerinnen und Tänzer, als würden sie ihre Arme zurück holen an den Körper, sich Ritualen der Selbstbeschränkung unterwerfen um im nächsten Moment mit noch größerer Vehemenz deren Fesseln abzuschleudern. Erzittern, Erschrecken, Verstörung und Verunsicherung in den nicht zählbaren Facetten einer Zartheit aus Gewalt und Leidenschaft im Spiegel der Persönlichkeiten einer Gruppe großartiger Tänzerinnen und Tänzer. Ana Presta, Muriel Romero, Leslie Heylmann, Hiroko Asami, Andrea Parkyn, Anna Merkulova, Raphael Saada, Randy Castillo, Fabian Voranger, Gorge Hill und Jóan Vallejo werden mit William Forsythe und dem Einstudierungsteam Ana Catalina-Roman, Alan Barnes, Tim Couchman und Ayman Harper stürmisch gefeiert.

Eine Zugabe am Anfang

Ganz im Zeichen technischer Brillanz gab es als Premierenzugabe am Beginn des Abends ‘Grand Pas Classique’ von Aaron S. Watkin nach Victor Gsovskys Bravurchoreografie für eine Meisterin und einen Meister klassischer Spitzenkunst, der Sprungkraft und Drehungsgeschwindigkeit, sowie dem Gespür für die Raffinesse des Synchronen auf der Grundlage gleichzeitiger Herzschläge.

Nichts zu deuteln an der atemberaubenden Darbietung durch Elena Vostrotina und Dimitry Semionov in bester klassischer Manier. Die Musik dazu von Daniel-Francois-Esprit Auber dient zwar dem Zweck der Betanzung könnte aber in der Wiedergabe durch die Mitglieder der Staatskapelle unter der Leitung von David Coleman stärker der Bedeutung des dritten Vornamens vom Komponisten verpflichtet sein.Das kann sich ändern, denn ab April 2007 gehört diese Choreografie zum Ballettabend ‘Freudentänze’, was ja sehr hoffen lässt.

                                    

Mehr erfahren über den Autor

Kritik von Boris Michael Gruhl



Kontakt zur Redaktion


Sächsische Staatsoper Dresden, Semperoper: Premiere "Wiedergeburt und Auferstehung"

Ort: Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper),

Werke von: Arvo Pärt, Peter Tschaikowsky

Mitwirkende: George Balanchine (Choreographie), William Forsythe (Choreographie), Aaaron S. Watkin (Choreographie), Sächsische Staatskapelle Dresden (Orchester)

Detailinformationen zum Veranstalter Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper)

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