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Freitag, 23. August 2019

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Semperoper Dresden, Copyright: Tilman2007

Semperoper Dresden, © Tilman2007

Kurt Moll mit einem Liederabend in der Semperoper

Große Liedkunst

‚Weltstars in der Semperoper’, heißt die erfolgreiche Reihe mit Liederabenden, die Semperoper-Intendant Gerd Uecker bald nach seinem Amtsantritt ins Leben gerufen hatte. Hier kann man in Dresden immer wieder auch international erfolgreiche Sänger und Sängerinnen hören, die sonst auf der Bühne der Semperoper nicht zu erleben wären.

Nun stand Kurt Moll zwar nicht zum ersten Mal auf jener Bühne, doch er war ein seltener, wenngleich stets gern gesehener Gast. Er ist einer jener Sänger, der das Attribut des Weltstars zu Recht trägt. Über vier Jahrzehnte lang hat er mit seinem unverwechselbaren Bass die internationale Musikwelt bereichert. Im Sommer nahm er bei den Münchner Opernfestspielen als Nachtwächter in Wagners „Meistersingern“ Abschied von der Bühne, in jener Rolle, mit der er einst, 1968, in Bayreuth debütiert hatte. Ein paar Liederabende gibt er noch, sein gefeiertes Auftreten in der ausverkauften Dresdner Semperoper gehört zu den letzten öffentlichen Auftritten des Ausnahmeinterpreten.

Liederabende von Bassisten sind eher ungewöhnlich, Kurt Moll hat hier immer wieder Neuland betreten und mit Interpretationen wie Schuberts ‚Winterreise’ als Bass Maßstäbe gesetzt. Mit Liedern von Mozart, Schubert und dem von ihm in Liederabenden immer wieder gepflegten Schostakowitsch, standen Werke dreier Jubilare auf dem Programm, Schumanns Liedkreis nach Gedichten Eichendorffs ergänzte es. Die Agilität von Kurt Molls dunklen, machtvollen Stimme erlaubt ihm auch heute noch eine schier unendliche Palette der Expression. Und an den wenigen Stellen, wo die Stimme nicht mehr ganz so anzusprechen scheint, wie die meisterhafte Technik Molls es haben will, siegt der Ausdruck, das Empfinden für den richtigen Tonfall, die Emphase oder die volksliedhafte Leichtigkeit.

Molls Talent, die Geschichten der Lieder lebendig werden zu lassen (Schubert), die Pointen treffsicher zu setzen (Schostakowitsch) und die Klaviatur der romantischen Stimmungen mit Begeisterung und Zurückhaltung zu bedienen (Schumann) zeugt von einer Schule des Liedgesanges, die an die ganz großen Interpreten des Genres anknüpft. Artikulation, Textverständlichkeit und dramatischer Aufbau klingen bei ihm so selbstverständlich, als gäbe es nicht Natürlicheres. Der Künstler Moll stellt sich in den Dienst der Kompositionen, gestaltet, vermittelt, teilt mit. Passionierte Unterstützung fand er dabei am Klavier von Stefan Irmer, der sensibel illustrierend ein gleichwertiger Partner war. In den Balladen Carl Loewes, die Kurt Moll als Zugabe sang, wurde noch einmal hörbar, was er mit seinem balsamischen, wendigen Bass der Musikwelt gegeben hat: auf das Publikum überspringende Sympathie für das Vorgetragene, herausragende künstlerische Interpretationen und ein einzigartiges, technisch brillant geführtes Stimmtimbre, das man vermissen wird.

Notwendige Nachbemerkung

Einzig störendes an diesem Abend war das wieder einmal in großen Teilen undisziplinierte Publikum der Semperoper. Keine (!) der 28 Lied-Nummern des Abends verging ohne störende Hustenanfälle, herunterfallende Garderobenmarken, Gespräche mit Sitznachbarn oder ähnliche Störungen. Anfangs wurde nach jedem einzelnen Lied vom halben Auditorium halbherzig applaudiert, bis eine couragierte Dame aus dem Publikum (!) aufstand und darum bat, doch die Liedgruppen nicht zu zerklatschen. Der allgemeinen Stimmung, ja der angemessenen Aufnahme von Kurt Molls Liedkunst diente das alles nicht. Nicht auszudenken wie begeistert ein fachkundiges Publikum in der angemessenen Atmosphäre diesen außergewöhnlichen Sänger gefeiert hätte. Es ist ein ständiges Thema in Dresdens Semperoper, die für viele Besucher in erster Linie eine touristische und keine künstlerische Station ist. Natürlich soll dieses Haus jedermann offen stehen, doch ist es dringend notwendig endlich Lösungen zu finden, wie man dem unerfahrenen Publikum vor Vorstellungsbeginn grundlegende Verhaltensmaßregelungen vermitteln kann.

Kurt Molls wahrscheinlich letztem Dresdner Auftritt war das nicht würdig.

Mehr erfahren über den Autor

Kritik von Uwe Schneider



Kontakt zur Redaktion


Liederabend Kurt Moll:

Ort: Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper),

Werke von: Wolfgang Amadeus Mozart, Franz Schubert, Dimitri Schostakowitsch, Robert Schumann, Carl Loewe

Mitwirkende: Kurt Moll (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper)

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