> > > > > 13.10.2006
Sonntag, 14. August 2022

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Semperoper Dresden, Copyright: Tilman2007

Semperoper Dresden, © Tilman2007

„Der Feuervogel“ & „Petruschka“ in der Semperoper

Hommage mit Hindernissen

So war es gedacht, als Hommage an Serge Diaghilew und ‘Les Ballets Russes’, an den Choreographen Michail Fokine. Die russische Wundertruppe besuchte Dresden mehrfach, und zwischen 1912 und 1927 wurden etliche der bis heute berühmten und tanzgeschichtlich bedeutsamen Choreographien gezeigt. Dabei waren so epochale Arbeiten wie ‘Schéhérazade’, ‘Giselle’, ‘L` après-midi d´ un Faune’ und auch ‘Les Sylphides’, also ‘Chopiniana’, damals in Dresden zu sehen. Die Aufnahme in Dresden war unterschiedlich, das Leger der Anhänger Dresdner Kunst des Ausdruckstanzes blieb kühl bis ablehnend. Fokine machte aber auch keinen Hehl daraus, dass er mit deren Mitteln, geballten Fäuste und angewinkelten Armen, nicht gewillt war sich anzufreunden.


Als der langjährige Dresdner Ballettschef, Valadimir Derevianko, am 29. Juni 2005, seine Hommage an Diaghilew herausbrachte, zwischen die beliebten Handlungsballette ‘Petruschka’ und ‘Der Feuervogel’ mit den Musiken von Igor Strawinsky seine Version der ‘Chopiniana’, als einen Traum reinster Tanzästhetik in weiß zu den von Alexander Glasunow und Maurice Keller instrumentierten Klavierstücken Chopins setzte, erntete er viel Zustimmung. Der dreiteilige Abend wurde inzwischen sieben mal gegeben, und wurde jetzt unter der Direktion des Dresdner Balletts von Aaron S. Watkin, in neuer Einstudierung, nunmehr zweiteilig, ohne weißen Mittelteil, herausgebracht. Demnächst wird es einen mehrteiligen Abend mit dem Titel ‘Himmlisch weiß’ geben, und darin ‘Les Sylphides’/’Chopiniana’, aber in einer Einstudierung von Aaron S. Watkin nach Fokine.
Zur Wiederaufnahme war das Opernhaus so gut wie ausverkauft. Überhaupt, das Ballett erfreut sich großer Beliebtheit. Leider geriet dieser Abend zu einer Hommage mit Hindernissen. Der rechte, große Atem des Tanzes und der Musik wollten sich erst im zweiten Teil einstellen. Hier fanden auch der Dirigent David Coleman und die Staatskapelle besser zusammen, schon das Vorspiel entwickelte suggestive Kraft und wesentlich besser als im ersten Teil, mit der Burleske ‘Petruschka’, gelang die Koordination zwischen Bühne und Orchester. Die große Line der Feuervogelkomposition schien Orchester und Dirigent besser zu liegen als Strawinskys kleinteiligere Episodenkomposition zu ‘Petruschka’. Dynamischer, ein wenig auch die Urkraft des späteren ‘Le Sacre’ ankündend, ist seine Musik zum ‘Feuervogel’ allemal.


Hier, wie in ‘Petruschka’, wird in Dresden die originale Choreographie von Fokine in der Rekonstruktion von Andris Liepa gegeben. Liepa kommt aus Riga. In den Werkstätten der Lettischen Nationaloper wurden auch die Bühnenbilder und Kostüme nach den Originalzeichnungen von Alexander Benois, ‘Petruschka’ sowie Alexander Golowin und Léon Bakst, ‘Feuervogel’ unter der Leitung von Anna und Anatoly Nezhny angefertigt. Die Ergebnisse sind optisch grandios geraten. So gibt es ‘Der Feuervogel’ als opulente Märcheninszenierung mit großen Ensembles, deren Ausdruckskraft noch ein höheres Maß an Präsenz, kraft nötiger Exaktheit, gewinnen wird, und so berührenden wie exzellent und technisch höchst anspruchsvoll getanzten Soloszenen, in üppiger Ausstattung, als Augen- und Ohrenweide. Olga Melnikova tanzt mit bewundernswürdiger Spitzenkunst die Titelrolle, dem Iwan Zarewitsch schenkt der hochgewachsene Dimitry Semionov jünglingshafte Eleganz des russischen Märchenhelden, und Séverine de Cussac hat die mädchenhafte Anmut für die Partie der schönen Zarewna.    

Welche Freude, im ersten Teil die Petruschkabühne mit dem Jahrmarkt, den Wunderräumen bei Petruschka und beim Mohren, vor allem den Zwischenvorhang mit dem poetischen Verweis auf die Verbindungen zwischen Himmel und Erde in der Tanzkunst, zu sehen. Welch berührendes Tanzglück, Katherina Markowskaya als zerbrechliche Ballerina, Oleg Klymyuk als fremdartigen Mohren und vor allem Jirí Bubenicek als liebestraurigen Verlierer Petruschka in der tragischen Burleske zu erleben. Eigentlich besticht dieses Kleinod mit seinen deutlichen Bezügen alten Ballettpantomime als Beispiel einer fast vergessenen Tugend, kleine Geschichten von tiefen Dimensionen kunstvoll, doch einfach zugleich, zu erzählen.

Um aber diese Tiefe der melancholischen Geschichte vom Tod einer Holzpuppe, die kraft unserer Fantasie zum Leben erweckt werden konnte, und eben zugleich unsere Fantasien am Leben erhält, zu erreichen, fehlte es an diesem Abend vor allem an Genauigkeit, an Präsenz, an der Kraft der wirbelnden und quirligen massen- und Volksszenen beim Jahrmarkstreiben. Da gab es zu viel ungerichteten Aktionismus, der zum inhaltslosen Gewusel wurde. So fielen die Szenen der Gruppen und die der Solisten auseinander, Spannung, vor allem die Berührungen, die diesem Stück eigen sein müssen, blieben aus. Das bunte Treiben erhielt zu wenig Farben. Weitere Aufführungen wird es Anfang Dezember geben, und wir dürfen die begründete Hoffnung haben, dass noch ein paar Proben dazu beitragen werden, die heiteren und melancholischen Züge dieses liebenswürdigen Kleinods der Tanzgeschichte brillant ins rechte Licht zu setzen.

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Kritik von Boris Michael Gruhl



Kontakt zur Redaktion


dresden SemperOper ballett : Strawinsky, Der Feuervogel & Petruschka

Ort: Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper),

Werke von: Igor Strawinsky

Mitwirkende: David Coleman (Dirigent), Sächsische Staatskapelle Dresden (Orchester)

Detailinformationen zum Veranstalter Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper)

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