> > > > > 27.08.2006
Mittwoch, 17. August 2022

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Semperoper Dresden, Copyright: Tilman2007

Semperoper Dresden, © Tilman2007

Ballett in Dresden geht kräftig in die Saison

Power unter goldnen Kirschen

Das ist ein Anfang! Der ist gelungen. Dabei ist nichts Neues im ersten Dresdner Ballettabend zum Beginn der Direktion Aaron S. Watkins und seinem Team zu sehen, dennoch weht kräftiger, frischer Wind. Die große Kompanie ist weitestgehend neu besetzt, demzufolge erleben wir doch Neues an diesem Startabend, es gibt viele Dresdner Rollendebüts.
Aaron S. Watkin zeigt Sensibilität und feines Gespür dafür, wie Erneuerungen möglich sein könnten. Er stellt drei Choreografien zusammen, die bereits zu sehen waren, die sich bewährt haben, die in Beziehungen zu Dresden und vor allem zu Anlässen stehen, die über die Stadt im sächsischen Elbtal hinaus von Belang sind. Robert Schumanns 150. Todestag, Mozarts 250. Geburtstag und die Ankunft William Forsythes im Hellerauer Festspielhaus, das in wenigen Tagen eröffnet wird.
Dieser Abend bringt drei Werke neoklassischer Richtungen in Beziehungen zueinander, zeigt Verbindungen, Veränderungen, Variationen, Abschiede und Anfänge. Der Abend weckt Hoffnungen, macht Lust auf mehr und erfährt am Ende eine in Dresden lange nicht erlebte begeisterte Aufnahme in der zweiten Vorstellung, am 27. August.

Charmant und ernsthaft   

Der Choreograf Uwe Scholz, 2004 im Alter von nur 45 Jahren verstorben, konnte die Kraft seiner spirituellen Körpersprache in der Auseinandersetzung mit symphonischen Werken am besten entfalten. Ein Beispiel seiner symphonischen Kunst der Choreografie ist ‘Symphonie Nr. 2’ mit der Musik von Robert Schumanns 2. Sinfonie C-Dur op. 61, 1990 für das Zürcher Ballett kreiert.
Was mit einem zärtlichen Dialog zweier Tänzerinnen, Olga Melnikova und Britt Juleen, beginnt, entwickelt sich, wenn die Partner Oleg Klymyuk und Raphael Coumes-Marquet, sowie weitere zehn Paare dazu kommen, zum Spiegel der Musik im steten Wechsel von Dunkel und Licht, Erde und Himmel, Schwerkraft und Flug. Aus gebrochenen, zu Boden ziehenden, Bewegungen heraus schwingen sich die Tänzerinnen und Tänzer immer wieder empor und die Höhensehnsucht findet ihren Ausdruck in für Uwe Scholz so typischen Bildern mit zum Flug erhobenen Frauen.          

           
Schumanns zweite Sinfonie, forsch und klangschön von der Staatskapelle unter der Leitung von Klauspeter Seibel gespielt, gehört sicher nicht zu den ganz großen Werken ihrer Gattung. Vieles bleibt im Ansatz, und der finale Siegesmarsch etwas einförmig. Die Körpersprache und die Musikalität des Tanzes aber in der so exakten wie von schmiegsamer Eleganz gezeichneten Darbietung der Dresdner Kompanie geben den Klanglandschaften die Dimensionen bewegter Landschaften dazu. Höhepunkt des Musizierens und des Tanzes ist der wundersame dritte Adagiosatz über ein Thema von Bach. Von erhabener Schönheit die Innigkeit der Solopaare zum verhaltenen Gesang der Violinen mit ebensolcher Orchesterbegleitung.

Mozart, Männer, Frauen, Degen und Kostümattrappen

Zu den beiden langsamen Sätzen aus den Klavierkonzerten A-Dur KV 488 und C-Dur KV 467 schuf Jiri Kylián 1991, anlässlich des 200 Todestages Wolfgang Amadeus Mozarts, seine Choregografie ‘Petite Mort’ für die Salzburger Festspiele. Der ‘kleine Tod’, so die Übersetzung des Titels bedeutet im Französischen Orgasmus. Kyliáns Ballett ist alles andere als orgiastisch, eher zerbrechlich und von Vergänglichkeit geprägt. Wie melancholische Torsi wirken die ihrer schützenden Umgebung beraubten Konzertsätze, wie Widersinn wirken zuweilen die Aggressionen der sechs Paare, die Gesten des Kampfes wenn sie jäh umschwingen können in Erschöpfung und Zartheit. Zunächst sechs selbstverliebte Männer im kämpferischen Spiel mit ihrer Hieb- und Stichwaffe, einem Degen, der sich sowohl gegen sie selbst richten kann als auch der Kontrolle entglitten beunruhigende Spiele mit seinen Herren treiben kann. Wenn die Frauen hinzu kommen werden die Varianten im Spiel mit der Waffe reicher, in elastischen Biegungen lassen sich Partnerinnen um spielen und binden. Es ist, welch Aberwitz, als kämen Männer und Frauen erst in der so zarten wie musikalischen Innigkeit zueinander, wenn die Waffen abgelegt sind und am Ende auch jede Art eitler Hüllen menschenleer über die Bühne rollen. Eine getanzte Vision in der, und das wird keinen Moment verleugnet, Mozarts Musik solche Momente überwundener Unüberwindlichkeiten durch die kostbare Zerbrechlichkeit des flüchtigen Tanzes uns fühlen lässt.

Für die sechs Paare kann das Dresdner Ballett mit exzellenten Tänzerinnen und Tänzern aufwarten, sympathisch in ihrer jeweiligen Individualität und der sie vereinenden eleganten Technik. Zur Staatskapelle mit Klauspeter Seibel gesellt sich Wolfgang Manz am Klavier.     

 

Power unter goldnen Kirschen

Die Früchte hängen hoch. Groß sind sie nicht, aber golden. William Forsythes ‘In the Middle, Somewhat Elevatet’ spielt wohl auf diesen schönen Scherz an, dass da hoch über der leeren schwarzen Bühne ein goldenes Kirschenpaar hängt, dieweil auf der Erde sechs Frauen und drei Männer sich in coolen Balz- und Platzhirschritualen gefallen. Allein, zu zweit, als Gruppe preschen sie aus der Ruhe in die Dynamik, bricht mitunter für Sekunden Energie vulkangleich aus den Körpern. Das klassische Tanzrepertoire findet sich in ungewöhnlichen Kombinationen und Verwandlungen, erfährt Brechungen und immer wieder Antrieb durch die ganz und gar nicht klassische Energie der elektronischen Klangkaskaden von Thom Willems. Forsythes Tanz führt immer stärker von der Mitte des Körpers weg, als wäre die Verunsicherung, der ein Tänzer ausgesetzt ist, stärker geworden. Diese Verlagerung provoziert ein höheres Maß an Interaktionen, was wiederum für die Zusehenden immer spannender wird, je stärker die höchst individuelle Erzählweise Forsythes in der Auseinandersetzung mit Tänzerpersönlichkeiten geschieht. So gewinnt dieser abschließende Teil des Abends immer mehr an Wucht der solitären und Kollektiven Bewegungen. In der Auseinandersetzung mit der Klangkraft, mit dem leeren Raum und dem so hoch gehängten Glücks- und Sinnlichkeitssymbol benützen die Tänzer eine Unmenge an Zitaten der Ballettgeschichte, entgehen aber jeglicher Art von Historisierung, weil nicht Nachahmung sondern Auseinandersetzung entscheidender Antrieb ist.


Das fulminante Finale nimmt die Energien beider vorangegangener Teile des Abends auf und gelangt so einer emotionalen Einbeziehung der Zuschauer, Ablehnung einbegriffen. Die Zustimmung aber überwiegt, und das begeisterte Klatschen, Trampeln und Jubeln mag bedeuten: Das geht mich an. Das geht los. Da gehe ich wieder hin.

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Kritik von Boris Michael Gruhl



Kontakt zur Redaktion


Dresden, Semperoper: BallettDresden, Premiere

Ort: Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper),

Werke von: Wolfgang Amadeus Mozart, Robert Schumann

Mitwirkende: Kiri Kylián (Choreographie), Klauspeter Seibel (Dirigent), Sächsische Staatskapelle Dresden (Orchester), Wolfgang Manz (Solist Instr.)

Detailinformationen zum Veranstalter Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper)

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