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Montag, 25. Oktober 2021

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Beethovenhalle Bonn, Copyright: Leonce49=Hans Weingartz

Beethovenhalle Bonn, © Leonce49=Hans Weingartz

Und ohne Biss: Gewandhausorchester und Chailly

Nobel bis ins Mark

Das Bonner Beethovenfest ist in vollem Gange. Mit ausgefallenen, spannenden und/oder prominent besetzten Konzerten lockt das Festival zahlreiche Besucher zu den unterschiedlichsten Spielstätten in Bonn und Umgebung. Zu Gast in diesem Jahr war auch das Gewandhausorchester Leipzig, in Bonn zum ersten Mal unter der Leitung von Riccardo Chailly – große Namen von denen man sich Großes versprach, und ersteinmal Reimann zu hören bekam. Selbstbewusst eröffneten Chailly und sein Orchester den Abend mit Aribert Reimanns 'Sieben Fragmente für Orchester in memoriam Robert Schumann'. Reimann selbst hat zu Robert Schumann ein recht besonderes Verhältnis, war es doch sein Onkel (ein Patensohn von Schumanns letztem behandelndem Arzt), der ihm die Krankenberichte aus der Zeit des Komponisten in der Nervenheilanstalt in Bonn hinterließ. Lange Zeit der Öffentlichkeit vorenthalten, machte Reimann diese Notizen in den 90er-Jahren über die Akademie der Wissenschaften Berlin zugänglich und brachte damit mehr Licht in die oftmals überspekulierten Todesumstände und Krankheitsbilder des großen Komponisten.

In seinen Fragmenten lässt Reimann dann allerdings recht wenig Schumann hören und beschränkt sich darauf, ein extrem düsteres und schweres Klangbild zu entwerfen. Dass man mit einem solchen Konzertauftakt in Bonn nicht gerechnet hatte, zeigte sich am sehr verhaltenen Applaus. Eine 'Frechheit', wie eine Konzertbesucherin im Anschluss meinte, war die Komposition allerdings keineswegs – eher ein Anstoß. Oder es hätte ein solcher sein können, wenn Chailly & Co sich dazu hätten durchringen können, das durchweg noble und gepflegte Klangbild zu durchbrechen, das den ganzen Abend bestimmte. Denn auch wenn sich Chailly als extravertierter Mann der großen Gesten gab, so kam von dieser Fülle an Anfeuerung doch nur wenig zurück. Ein Umstand der sich in Robert Schumanns Cello-Konzert a-Moll noch verschärfen sollte. Mit Truls Mørk saß ein wahrhaft emotionaler Instrumentalist vor dem Orchester, der so spielte, wie Chailly es seinen Mannen klar zu machen versuchte – und der dadurch die Diskrepanz nur noch erhöhte. In der Folge fanden Orchester und Solist nicht zusammen und fabrizierten ein richtiges, aber unspannendes Cellokonzert mit leidenschaftlichem Solo-Part und seltsam unbeteiligtem Klangkörper, jedoch wunderschön gestalteten Übergängen zwischen den einzelnen Sätzen.

Nach der Pause dann Beethovens 3. Symphonie, die ‚Eroica’. Betitelung hin, Napoleon her – wenn eine von Beethovens Neunen Feuer, Sturm und Einsatz braucht, dann diese. Und tatsächlich besserten sich die Leipziger hier, nachdem man für eine kurze Zeit im ersten Satz noch zueinander finden musste. Allerdings blieben die Musiker auch hier dem Stück einiges an Dynamik schuldig. Schuld daran trug allerdings auch die Bonner Beethovenhalle, die bekanntermaßen bei einem Orchester dieser Größe wie ein Kartondeckel agiert und per se schon mal Präsenzen raubt, wie ein kleiner Kompressor wirkt. Nichtsdestotrotz wird man sich wohl darauf allein in Leipzig kaum zurückziehen können. Dieser Beethoven war gut gespielt und definitiv die hörenswerteste Darbietung des Abends, hatte aber nicht die Klasse, die man von einem Orchester dieses Ranges erwartet, ob nun zu Recht oder nicht.

Kritik von Daniel Röder



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Gewandhausorchester Leipzig / Riccardo Chailly: Beethovenfest Bonn

Ort: Beethovenhalle,

Werke von: Aribert Reimann, Ludwig van Beethoven, Robert Schumann

Mitwirkende: Riccardo Chailly (Dirigent), Gewandhausorchester Leipzig (Orchester), Truls Mörk (Solist Instr.)

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