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Sonntag, 25. August 2019

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Beethovenhalle Bonn, Copyright: Leonce49=Hans Weingartz

Beethovenhalle Bonn, © Leonce49=Hans Weingartz

Die Deutsche Kammerphilharmonie ohne Järvi

Gar nicht kopflos

Paavo Järvi ist zum zweiten Mal Vater geworden. Herzlichen Glückwunsch. Da heißt es natürlich auf zu Frau und Kind, auf nach Cincinnati - oder eben: weg aus Bonn. Und so musste die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen, deren künstlerischer Leiter Järvi seit zwei Jahren ist, am vergangenen Freitag ohne ihren Dirigenten auskommen. Das ist für ein Kammerorchester zunächst einmal nichts umwerfend außergewöhnliches, zumal die Bremer des Öfteren ohne Mann am Pult zu sehen sind. Im Publikum indes hatte man sich augenscheinlich auf den berühmten Esten gefreut. Beethovenfest Intendantin Ilona Schmiel versprach nichtsdestotrotz ein ‚unvergessliches Konzert’ und – sollte Recht behalten. Die musikalische Leitung übernahm Konzertmeister Florian Donderer vom Violinenpult aus.

Auf dem Programm stand im ersten Teil Beethovens Violinkonzert D-Dur mit der jungen georgischen Geigerin Lisa Batiashvili. Maßgebend für die Interpretation des Konzerts war vor allen Dingen die schier unglaubliche Exaktheit des Orchesters, die ein enorm druckvolles Spiel zur Folge hatte. Die Transparenz eines Kammerorchesters gepaart mit der Durchschlagskraft eines sinfonischen Klangkörpers legte den Nährboden für das fesselnde Violinenspiel der Solistin. Lisa Batiashvili verfügt über einen prinzipiell recht schlanken und grazilen Ton, von ungeheurer Ausdruckskraft und Intonationssicherheit. Sie füllte den technisch zwar anspruchsvollen, aber nicht virtuos extrovertierten Geigenpart mit Leidenschaft und Hingabe, brillierte vor allem in ruhigen Passagen durch ein- nicht aufdringliches Vibrato und war doch auch in der Lage, die expressiven Höhepunkte des Werks mit der nötigen Agressivität zu gestalten. Dabei blieb sie jedoch immer ganz die gesittete Dame, die sich zwar immer mal wieder an der Grenze zum rauen Strich bewegte, diese aber nie überschritt. Ich persönlich hätte mir an manchen Stellen etwas mehr Zupacken, ein wenig mehr Biss erhofft. Dass die Batiashvili durchaus in der Lage ist, dieses Quäntchen mehr zu geben, zeigte sie eindrucksvoll in den Kadenzen von Alfred Schnittke. Schnittke verstand es wie kaum ein zweiter, aus der Tonsprache einer bestimmten Epoche kaum merklich aber konsequent Linien und Formen des zwanzigsten Jahrhunderts zu entwickeln. Lisa Batiashvili spürte dieser Metamorphose nach und erging sich hingebungsvoll in den Kaskaden und äußerst virtuosen Linien. Dafür gab es schon zur Pause Standing Ovations vom Bonner Publikum, dem wohl zu diesem Zeitpunkt schon Järvis Fernbleiben nicht mehr so wichtig erschien.

Für Strawinskis ‚Apollon Musagete’ hätte man sich noch am ehesten einen musikalischen Leiter gewünscht. Die elegischen, zuweilen fast meditativen Bilder, die Strawinski in seine Ballettmusik komponierte, erfordern einen größeren Zusammenhalt im Orchester als man ihn vom ersten Pult aus leisten könnte. Die reine Streicherbesetzung kam zwar nicht ins Schwimmen, blieb dem Werk allerdings den großen Bogen schuldig. Ganz anders dagegen Beethovens 8. Sinfonie! Eines der großen Projekte der Kammerphilharmonie ist es, unter Järvi sämtliche Beethoven-Sinfonien einzuspielen und aufzuführen. Die achte konnte Järvi jetzt zwar nicht live miterleben, aber er hätte gewiss seine Freude an den Musikern gehabt, die sich mit Frische, Energie und mitreißender Lebendigkeit in das Werk stürzten. Dabei ging man mit Tempi ans Werk, die selbst ein Roger Norrington als zügig bezeichnen würde und brachte frischen Wind in die Komposition, die man gerne viel öfter im Konzert hören würde. So feurig und druckvoll kommt Beethoven selten daher. Ohne Paavo Järvi sind die Musiker der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen zwar ohne künstlerischen Kopf, aber deshalb noch lange nicht kopflos. Da hielt es auch den Saal erneut nicht mehr auf den Sitzen – Zugabe inklusive. Und falls Paavo Järvi noch ein drittes Mal Nachwuchs plant, kann man dem in Bremen ganz entspannt entgegen sehen.

Kritik von Daniel Röder



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Deutsche Kammerphilharmonie Bremen: Konzert beim Beethovenfest Bonn

Ort: Beethovenhalle,

Werke von: Ludwig van Beethoven, Igor Strawinsky

Mitwirkende: Deutsche Kammerphilharmonie Bremen (Orchester), Lisa Batiashvili (Solist Instr.)

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