> > > > > 06.09.2006
Samstag, 29. Januar 2022

1 / 5 >

Semperoper Dresden, Copyright: Tilman2007

Semperoper Dresden, © Tilman2007

Der Rosenkavalier-Film von 1925

Eine zehnte Dresdner Strauss-Uraufführung

Neun seiner Opern hat Richard Strauss in der Dresdner Semperoper uraufführen lassen. Eine weitere, seinerzeit spektakuläre Uraufführung Richard Strauss’ sucht man meist vergebens in den Musiklexika. Am 10. Januar 1926 erlebte der Stummfilm „Der Rosenkavalier“ in der Regie von Robert Wiene und mit der Musik von Richard Strauss seine Uraufführung in der Dresdner Semperoper. Richard Strauss selbst dirigierte dabei die Sächsische Staatskapelle.

Gut 80 Jahre nach dieser Premiere war nun am Ort der Uraufführung - und mit dem selben Orchester - die mit viel Aufwand betriebene Rekonstruktion des Films zu erleben. Treibende Kraft hinter dem Projekt war der Fernsehsender ARTE, der in Zusammenarbeit mit dem Filmarchiv Austria eine handwerklich und künstlerisch absolut überzeugende Aufführungsfassung des erhaltenen Materials erstellt hat.

Eine Idealfassung

Die Idee zu diesem (vor allem auch geschäftlich lukrativen) Unternehmen scheint vom Rosenkavalier-Librettisten Hugo von Hofmannsthal zu stammen, der bereits 1923 ein Filmszenario entwirft, das romanartig die Vorgeschichte des „Rosenkavaliers“ erzählen soll. Die aus der Oper bekannten Personen sollen darin in neuen Episoden zu sehen sein; deutlich wird dabei auf Wiedererkennungseffekte eines bekannten Personals gesetzt. Richard Strauss scheint schnell von der Idee der medialen Verwertung der Erfolgsoper angetan zu sein. Man rechnet mit hohen Gagen und Tantiemen. Als Regisseur gewinnt man den ebenso erfahrenen wie populären Robert Wiene, der seit seinem ‚Cabinett des Dr. Caligari’ (1920) zu den wichtigsten Filmregisseuren der Zeit zählte.

Robert Wiene hat sich von Hofmannsthals Ideen jedoch rasch entfernt und entwickelte zusammen mit Ludwig Nerz ein eigenes, aufwendiges Drehbuch, das sich in den ersten zwei Dritteln deutlich an die Oper anlehnt, den letzten Akt der Oper (Wirtshaus) aber neu gestaltet. Er spielt nun auf einem abendlichen Wiener Maskenball auf dem die Paare nach mancherlei Intrigen zusammenfinden. Mozarts „Figaro“-Finale, der Maskenball aus dem „Don Giovanni“ und Verdis „Falstaff“ mögen hier mit Pate gestanden haben. Neu hinzu kommt neben Rückblenden auch die Figur des Marschalls, der, im Krieg weilend, am Ende der Oper zurückkehrt und die Verwechslungssituationen auflöst.

Robert Wiene scheint in diesem Projekt die Entscheidungshoheit gehabt zu haben. Weder hielt er sich an das Szenario Hugo von Hofmannsthals, das dieser bereits 1923 begonnen hatte, noch an die von Strauss und seinen Mitarbeitern eingerichtete Partitur. Augenscheinlich hatte Strauss die Musik auf eine frühere Drehbuchfassung hin erstellt, die nicht der letztendlich uraufgeführten Schnittfassung des Films entsprach. Nur so läßt sich erklären, dass 1926 bei der Uraufführung des Films immer wieder längere Schwarzblenden gezeigt werden mußten, bevor die Filmhandlung auf Signal des die Musik dirigierenden Strauss’ hin weitergehen konnte (etwa 40 Minuten mehr Musik als Film sollen das gewesen sein). Synchronprobleme waren es denn unter anderem auch, die den erhofften großen Kassenerfolg ausbleiben ließen. Der Film floppte und führte gar zum Ruin der Produktionsfirma.

Der jetzigen Rekonstruktion ist es erstmals gelungen auch das Finale des Films wieder herzustellen. Bis heute muß die letzte der acht Filmrollen (mit einer Spielzeit von ca. 15 Minuten) nämlich als verschollen gelten. Aus Standfotos, Programmheften und einem erhaltenen Trailer hat man dieses Filmfinale nun erstmals rekonstruieren können. Die Musik wurde entsprechend arrangiert und so hat man nun eine Spiellänge von 108 Minuten. Da schon 1926 keine verläßliche Fassung vorhanden war und auch zeitgenössische Filmkopien mit gekürzten Versionen überliefert sind, wird man darin eine Idealfassung erblicken dürfen, die es so freilich nie gegeben hat. Erstmals gibt es also eine quellenkritische und aufführungspraktisch zuverlässige Aufführungsfassung. Die Rezeptionsgeschichte des Films ist neu eröffnet.

Komödie mit Musik

Der Film selbst, mit bekannten Schauspielern der Stummfilmzeit und dem führenden Ochs-Sänger der Zeit, Michael Bohnen, besetzt, ist eine handwerklich, auch heute noch amüsante, gut gearbeitete Komödie, setzt auf Wiedererkennung mit der Oper und ist ästhetisch gesehen zunächst ein aufwendiger Historienfilm. Die von der avancierten Presse in Robert Wiene gesetzte Hoffnung, hier gewagtes und neues in der Filmsprache zu entwerfen, wurde enttäuscht. Statt dessen gibt es gutes Filmhandwerk zu sehen, das sich auf das Konservieren einer Atmosphäre beschränkt, die die Ausstattung Alfred Rollers dem Werk seit seiner Uraufführung gegeben hatte. So findet sich denn auch der Name Rollers als Ausstatter des Films wieder. Das macht den Film zugleich zum interessanten Dokument einer verlorenen Aufführungsästhetik.

Mag der Film unter cinematographischen Aspekten konventionell ausgefallen sei, so lag das Revolutionäre an der neuen, handlungstragenden Rolle der Strauss’schen Musik, die von Anfang an, sozusagen als Hauptakteur, in die Wirkung mit eingeplant war. Strauss’ Arrangements des Musikmaterials gleicht dem Verfahren der Schnittechnik. Motive und Episoden der Rosenkavalier-Musik werden neu zusammengestellt, die Singstimmen in die Orchesterstimmen gelegt. Bekannte Wort-Musik-Verbindungen bekommen in Verbindung mit den Filmbildern mitunter neue Zusammenhänge (womit freilich auch spielerisch umgegangen wird). Es kommt Strauss, wie er mehrmals betonte, auf die Atmosphäre und den Grundgehalt einer Szene an, nicht jedoch um die Eins zu Eins Umsetzung der Oper in den Film. Das Ergebnis ist, angereichert mit Material aus einigen anderen, weniger bekannten Kompositionen Strauss’ und etwas Originalmusik, eine neue Musikdramaturgie für das noch relativ neue Populärmedium Film. In Strauss’ Konzept hierfür wird die Musik zum primär bestimmen Element, dem die Filmbilder folgen. Das funktioniert aber nur dann, wenn der Film exakt zur Musik passend aufgeführt wird. Darin lagen 1926 jedoch die wesentlichen Probleme begründet, denn Strauss hat – konsequenter Weise - seine Musikfassung eben nicht mehr dem fertigen Schnittfassung des Films von Robert Wienes angepaßt. Nach Strauss’ Vorstellungen hätte Wiene sich seiner Musik unterordnen müssen.

Exemplarische Wiedergabe

In Dresden konnte man nun jedoch, dank der hervorragenden Re-Konstruktion einer Idealfassung, eine exemplarische Wiedergabe erleben. Der mit Stummfilmmusiken bestens erfahrene Frank Strobel sorgte am Pult der Sächsischen Staatskapelle mit klaren Bewegungen für die nötige Synthese aus Präzision der Synchronität von Musik und Film einerseits und dem bekannten aufblühenden Straussklang des Traditionsorchesters andererseits. Das führte zu straffen, flotten Tempi und einer überzeugenden, sehr stringenten Musikführung.

1995 war in Dresden der Versuch einer Aufführung des Films mit der Filmmusik noch in der Probenphase gescheitert, nun jedoch war die Staatskapelle bereits sich auf die Verbindung von traditionell überlieferter Aufführungspraxis der Opernmusik und den notwendigen ästhetischen und klanglichen Bedingungen der Filmmusik einzulassen. Die Erkenntnis, dass es sich hier um zwei völlig verschieden funktionierende Gattungen handelt, war Grundlage des Erfolgs.

Das Ergebnis war, von einigen kleineren Unsauberheiten einmal abgesehen, phänomenal. Tatsächlich entstand hier nämlich ein eigenes Kunstwerk, das nicht nach der Tradition der Oper schielte. Die klangsinnliche Plastizität und Bildhaftigkeit, die die Musik an diesem Abend im Zusammenhang mit den Filmbildern gewann, wurde Teil des künstlerischen Gesamtkonzeptes. Hier wurde der Idealfall eines Zusammenspiels von Musik und Film erfüllt, der den Aufführungen von 1926 offenbar versagt worden war.

Nur so konnte die Musik tatsächlich zum selbständigen Akteur dieses Gesamtkunstwerks werden, dass das Publikum in der Semperoper zu minutenlangen stehenden Ovationen für diesen Abend veranlaßte. Man kann nur hoffen, dass diese Aufführung in Dresden regelmäßig wiederholt werden wird und einen festen Platz im Repertoire der Semperoper findet.

ARTE wird den Film am 29. Dezember im Abendprogramm ausstrahlen. Eine DVD-Veröffentlichung ist geplant.

Mehr erfahren über den Autor

Kritik von Uwe Schneider



Kontakt zur Redaktion


Der Rosenkavalier (Film): Regie: Robert Wiene, Musik: Richard Strauss

Ort: Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper),

Werke von: Richard Strauss

Mitwirkende: Sächsische Staatskapelle Dresden (Orchester)

Detailinformationen zum Veranstalter Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper)

Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel.

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.


Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (1/2022) herunterladen (3500 KByte) Class aktuell (3/2021) herunterladen (2500 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

"Wir gehen auf eine Reise mit dem Publikum, eine Reise in ein phantastisches Land"
Das Klavierduo Silver-Garburg über Leben und Konzertieren im Hier und Heute und eine neue CD mit Werken von Johannes Brahms

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich