> > > > > 17.06.2006
Donnerstag, 18. August 2022

Martin Stadtfeld, Andreas Zierhut

Martin Stadtfeld zu Gast bei den Moselfestwochen

Goldberg-Variationen frei nach Bach

Er ist ein Star, zweifellos. Alleine schon die Tatsache, dass auch ohne große Werbetrommel die Konzertsäle ausverkauft sind, belegt, dass Martin Stadtfeld bekannt und berühmt ist. Der junge Mann im schwarzen Designeranzug, der mit ernstem Gesicht aus der Garderobe kommt und in dem Moment, wo er sich dem Publikum zuwendet, ein freundliches Lächeln einschaltet, ist für einen Konzertveranstalter kein Risiko. Auch bei den Mosel Festwochen war das nicht anders. Freilich, die Kapazitäten im Festsaal der ehemaligen Zisterzienserinnenabtei sind begrenzt. Trotzdem fällt es auf, wenn vor dem Konzert mehr als sonst noch etliche Interessierte zur Abendkasse gehen und vergeblich nach einem Billett fragen.

Zwei Jahrzehnte ist es nun her, dass die Eltern ihren heute 26jährigen Filius fragten, ob er ein Instrument lernen möchte und er sich für das Pianoforte entschied, ausgelöst durch das fünfte Klavierkonzert von Ludwig van Beethoven. Ungefähr genauso lange dürfte es her sein, dass er sich an seinem aus einem Räumungsverkauf stammenden Instrument entschied, Konzertpianist zu werden (Stadtfeld über Stadtfeld). Nun – er hat es geschafft, er hat sich als Solist einen Namen gemacht - oder ist er ihm gemacht worden? Zugegeben, die gewonnenen Wettbewerbe sind sein Verdienst, da steckt kein Impresario, keine Werbeindustrie dahinter. Unumstritten aber waren seine Auftritte mit Bachschen Clavierwerken nicht. Frech wurde er genannt und seine Spielart 'gegen den Strich gebürstet'. Inzwischen gibt es Einspielungen mit Mozart und Rachmaninoff von ihm und die Presse nimmt es dankbar auf, schreibt, der Rebell sei erwachsen geworden. Auch an die ensemblebesetzte Kammermusik geht er inzwischen heran. Das aber bedeutet bei weitem nicht, dass er sein Aushängeschild, den großen Thomaskantor, beiseite gelegt hat.

Frech und gegen den Strich gebürstet

Für die Mosel Festwochen kam er mit BWV 988, den Goldberg-Variationen in die kleine aber feine Abtei, bei der man schon eine halbe Stunde vor Konzertbeginn Mühe hatte, noch einen Parkplatz zu finden. Alle wollen ihn erleben, den jungen Künstler, dessen Spielweise genauso ist wie seine Frisur, eben gegen den Strich gebürstet. Man will sehen und hören, wie Stadtfeld das eigentlich unmögliche möglich macht, denn eines sollte man nicht vergessen: der Schöpfer der Goldberg-Variationen schreibt ausdrücklich vor, sie seien auf einem 'Clavicimbal mit zwei Manualen' zu spielen. Mögen jetzt auch all diejenigen, in deren Ohren ein Cembalo nur eine zirpende, klanglose Drahtkiste darstellt, erschreckt aufstöhnen und sofort ins Feld führen, Pereira und Gould haben das 'Clavier' auch schon mit K geschrieben. Ein Kielflügel ist etwas anderes als ein Klavier und eine Interpretation dieser Schlaflieder für den Grafen Keyserlingk haben, wenn es sich wirklich um Bach handeln soll, auf einem Flügel nichts zu suchen.

Eines darf nicht unerwähnt bleiben: Stadtfelds Spiel krankte an einer technischen Voraussetzung, die der Konzertveranstalter zu verantworten hat, nämlich am Instrument. Vor der prächtigen Kulisse eines Barockaltares steht in Machern ein Steinwaybolide, dessen Alter schon dreistellig ist. Mit viel finanziellem und handwerklichem Aufwand ist er vor gar nicht allzu langer Zeit restauriert worden, mit überaus mäßigem Erfolg. Mulmende Bässe und scheppernder Diskant sind das Ergebnis, mit dem sich führende Pianisten, die beim Moselfestival eingeladen werden, herumschlagen müssen. Manchmal kann man den Eindruck haben, der äußerlich prächtig aussehende Flügel sein kein Rassepferd, mit dem eine kundige Hand jeden Parcours grandios durchlaufen kann, sondern eher ein störrischer Esel, dem man die Noten einhämmern muss, damit sie sich einigermaßen in die Musik verwandeln, die erklingen soll. Eine Tatsache, die man nicht übersehen darf, wenn man Stadtfeld gerecht werden will.

Dafür bin ich noch nicht reif genug

Technisch gesehen kann man, mit Berücksichtigung des Flügels oder gerade deshalb, gegen Stadtfelds Können nicht das geringste sagen. Er ist ein bravouröser Virtuose, dessen Finger über die Tasten fliegen und man kann schon fast froh sein, dass auch bei ihm die Trefferquote nur bei 99,5% liegt. Wenn es, bedingt durch das fehlende zweite Manual auf der Klaviatur eng wird, hat man sorge, er könnte sich die Finger verknoten. Passiert aber nicht.
Musikalisch betrachtet sieht die Sache ganz anders aus. Da muss man sich weiß Gott nicht nur wegen des nahezu im Dauerbetrieb befindlichen Pedals fragen, ob die Konzertüberschrift nicht besser geheißen hätte: Martin Stadtfeld, Goldberg-Variationen nach einer Vorlage von Johann Sebastian Bach. Um die Probleme zu meistern, die das fehlende zweite Manuale mit sich bringt, verlegt er kurzerhand Stimmen vom Bass in den Diskant und umgekehrt, verirrt sich in die höchsten und tiefsten Lagen des Flügels, auf Tasten, die sich bei einem Cembalo längst außerhalb der Klaviaturbacken befinden würden. Er dehnt in langsamen Teilen, er rast bei den schnellen. Nicht nur einmal möchte man ihm das Studium von Johann Matthesons 'Der vollkommene Capellmeister' empfehlen, damit er ein Gespür für die barocke Klangsprache bekommt, damit er begreift, dass es auch und gerade bei Bach um den Affekt und nicht den Effekt geht. Unwillkürlich muss man beim Spiel dieses jungen Pianisten an die große Mitsuko Uchida denken, die in einem Interview anlässlich ihres 60. Geburtstages gefragt wurde, warum sie noch nie Bach eingespielt habe, wenn er doch ihr Lieblingskomponist sei? Die kurze und knappe Antwort lautete: 'Dafür bin ich noch nicht reif genug.'

Häufig hat die Presse, immer auf der Suche nach dem Superlativ, Stadtfeld als den neuen Gould bezeichnet. Das mag für ihn ehrenvoll sein, ihm schmeicheln. Das sollte aber kein Grund sein, den großen Pianisten unbedingt zu imitieren. Wenn Stadtfeld meint, er müsse, gleich dem Vorbild, eine Sitzposition vor dem Instrument einnehmen, bei der jeder Orthopäde ein schmerzverzerrtes Gesicht bekommt, ist das seine Sache. Dass er sich aber bei seinem Spiel auch noch singender Weise mit einem Tonumfang von ungefähr einer Sekunde selbst begleitet, ist für das Publikum gelinde gesagt eine Zumutung.

Kritik von Gerhard W. Kluth



Kontakt zur Redaktion


Mosel Festwochen: Klavierabend mit Martin Stadtfeld

Ort: Kloster Machern,

Werke von: Johann Sebastian Bach

Mitwirkende: Martin Stadtfeld (Solist Instr.)

Detailinformationen zum Veranstalter Mosel-Musikfestival

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