> > > > > 21.08.2006
Freitag, 23. August 2019

Wolfgang Amadeus Mozart

Andreas Staier präsentiert seinen Mozart

Türkischer Honig ganz ohne Süße

Andreas Staier eilt der Ruf eines Ausnahmekönners voraus. Ob als Solist oder Liedbegleiter, sein Können ist vielfältig auf Tonträger dokumentiert. Ein Live-Konzert des Cembalo- und Hammerklavier-Tausendsassas versprach Außergewöhnliches.

Verhaltener Beginn, fulminante Steigerung

Am Beginn stand die Sonate in Es-Dur KV 282: Gewiss eine unterschätzte Perle in Mozarts Sonatenschaffen, unkonventionell mit einem groß angelegten Adagio-Satz am Beginn und zwei Menuetten, die unterschiedlicher kaum sein könnten und überraschende Stimmungswechsel aufweisen. Andreas Staier gestaltete den ersten Satz schlicht, ohne Manierismen, im Anschlag fast schon cembalomäßig. Der Beginn war verhalten, Staier schien ein wenig Aufwärmzeit zu brauchen.

Alle Möglichkeiten des Hammerflügels, eines Walter-Nachbaus aus der Werkstatt von Robert Brown (2005), demonstrierte Staier dann in den Variationen über ‚Unser dummer Pöbel meint’ KV 455: Er zeigte, dass Mozart aus dem schlichten Thema alles herausholte, richtige Charaktervariationen schuf – dynamisch und tempomäßig wurden Extrembereiche nicht gescheut, die Variationen gerieten zu einer pianistischen ‚Teufelstriller-Sonate’. Immer wieder nutzte Staier effektvoll die Registrierungsmöglichkeiten des Walterflügels, etwa den Moderatorzug.

Die Sonate in F-Dur KV 332 lotete Staier in all ihrer Vielgestaltigkeit und Tiefe aus: Im ersten Satz scheinen Opernfiguren in einem Ensemble in Wettstreit zu treten – Staier hob die Themen scharf voneinander ab. Mozarts Sarkasmus wurde selten so deutlich wie im Schluss des atemberaubend schnellen Presto-Finales, in dem Mozart den Hörer mehrfach in die Irre führt. Ein konventioneller Sonatenschluss im Sinne der Musikästhetik des 18. Jahrhundetrts ist das allemal nicht und Andreas Staier zeigte Mozarts Hang zum Unkonventionellen exemplarisch auf. Deutungsversuche waren dem Hörer überlassen...

Die c-Moll-Fantasie: Exemplarisch

Der zweite Teil des Innsbrucker Konzertes begann mit Mozarts wohl großartigstem und düsterstem Klavierwerk, der c-Moll-Fantasie KV 475. Mit hörbarer Lust an den herben Kontrasten, den unvorhersehbaren Modulationsgängen und dem musikalischen Reichtum dieses Monuments legte Staier seine ganze Erfahrung auf die Wagschale. In der populären A-Dur-Sonate gab Staier dem Menuett ungewohntes Gewicht und hob die einleitenden Variationen wiederum deutlich voneinander ab.

Effektvoll, ungerwohnt, überzeugend: Das Rondo alla turca

Im abschließenden Rondo ‚alla turca’ überraschte Staier mit Effekten: Den Beginn gestaltete er ‚wie von Ferne’, um dann umso wirkungsvoller mit der hohl lärmenden ‚türkischen Musik’ hereinzubrechen. Artikulatorische Nuancen und rhythmische Verschiebungen sorgten für kontinuierliche Überraschung und höchstes Hörvergnügen. Dass die allzu bekannte ‚Alla turca’ kein Virtuosen-Schaustück darstellt, sondern vor allem ironisch bis sarkastisch die ganze Hohlheit des ‚Kriegslärms’ karikiert, konnte man bei Staier eindrucksvoll als Hörer nachvollziehen. Dass das Stück gleichzeitig einen idealen Kehraus für das Innsbrucker Konzert darstellte, ist klar – die Zugabe, die Allemande aus dem Händel imitierenden und doch zutiefst Mozartischen Suitenfragment KV 399, führte dann zurück in intimere Klangwelten.

Ein Höhepunkt der Innsbrucker Festwochen

Andreas Staier hat in Innsbruck wohl auch noch die letzten Hammerklavier-Verächter überzeugt, dass die Mozart’sche Claviermusik auf diesem Instrument vollkommen und in reicher Differenzierung dargestellt werden kann. Ein Höhepunkt der Innsbrucker Festwochen!

Mehr erfahren über den Autor

Kritik von Dr. Franz Gratl



Kontakt zur Redaktion


Die Kunst der Enttäuschung von Hörerwartungen: Andreas Staier solo bei den Innsbrucker Festwochen

Ort: Schloss Ambras,

Werke von: Wolfgang Amadeus Mozart

Mitwirkende: Andreas Staier (Solist Instr.)

Detailinformationen zum Veranstalter Innsbrucker Festwochen

Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel.

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.


Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (7/2019) herunterladen (2731 KByte) Class aktuell (2/2019) herunterladen (4851 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Antonín Dvorák: String Quartet B 57 in E major op.80 - Finale. Allegro con brio

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

 4442 im Portrait Musik ohne Grenzen
Programme abseits der Konventionen beim Festival Printemps des Arts de Monte-Carlo

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich