> > > > > 20.08.2006
Montag, 26. August 2019

Wolfgang Amadeus Mozart

Jacobs nähert sich in Innsbruck Mozarts Sinfonik

Jupiter vom postromantischen Podest gestoßen

In verstärktem Maß widmet sich René Jacobs seit einiger Zeit auch dem symphonischen Repertoire; wie seine Operneinspielungen wurde auch die Aufnahme mit Haydn-Sinfonien (auch mit dem FBO, harmonia mundi) enthusiastisch aufgenommen. So gestochen scharf und kristallklar, schlank und deutlich in der Gegenüberstellung verschiedener Klanggruppen das Ergebnis seiner Dirigate auch stets ausfällt, so eigentümlich, geradezu irritierend ist seine Schlagtechnik. Wie das Orchester aus seinen Bewegungen schlau wurde, das wollte mir trotz intensiver Beobachtung nicht eingehen. Das deutet in jedem Fall auf akribische Probenarbeit im Vorfeld hin.

Respektlose Repertoireerweiterung, ungeheuer spannende Interpretationen

Nun nähert sich Jacobs also zum ersten Mal den späten Sinfonien Wolfgang Amadé Mozarts – und er tut es wieder einmal ohne Respekt, mit vollem Einsatz und auf der Suche nach dem ‚Binnen-Drama’. Langweilig wurde einem an diesem Abend nie, dafür sorgte eine detailgenaue, in ihren Konturen geschärfte und rundum spannende Aufführung, dafür sorgten auch die bei Jacobs gewohnt an der Obergrenze angesiedelten Tempi. Die Binnensätze von KV 504 und KV 551 sind Andante überschrieben (in KV 551: Andante cantabile). Andante bedeutete im 18,. Jahrhundert ein gehendes, keineswegs langsames Tempo. Jacobs ging an diese Sätze forsch heran, setzte verschiedene Ausdruckssphären überdeutlich voneinander ab, zeigte in der Jupitersymphonie jene geradezu romantischen Stimmungswechsel auf. Forte-Schläge und Fortepiani gerieten niemals grob, hatten immer Substanz und Klang. Schön gelang die harmonisch kühne Adagio Einleitung der Prager Symphonie. Trotz Beachtung der Wiederholungszeichen geriet der erste Satz dieser Sinfonie keineswegs zu lang. Das Presto-Finale bot dem Freiburger Barockorchester die Möglichkeit zur Präsentation seiner exorbitanten, alle Instrumentengruppen betreffenden Virtuosität und rhythmischen Exaktheit. Jacobs führte vor Ohren, wie die Pauke (exzellent: Charlie Fischer) in der Sinfonik des 18. Jahrhunderts quasi als Rhythmusgruppe fungierte. Die revolutionäre Sprengkraft der Musik Mozarts wurde erlebbar, die Prager Symphonie als legitime Schwester des Dreigestirns von 1788 (KV 543, KV 5550, KV 551) rehabilitiert.

Jupiter vom postromantischen Podest gestoßen

Es scheint René Jacobs ein Anliegen gewesen zu sein, Ein Monument wie die Jupiter-Symphonie ‚gegen den Strich zu bürsten’. Was passierte da etwa im ersten Satz dieser vermeintlich bekannten Jupiter-Symphonie? Was waren da für eigentümliche Accelerandi zu hören? Das buffoneske Thema, das Mozart auch in der Konzertarie ‚Un bacio di mano' verwendete, wurde in seiner Fortführung jeweils zu einem Affentempo hochgepeitscht. René Jacobs verfügt über eine in seinen Kreisen eher ungewöhnliche Eloquenz und hat wohl auch für dieses aufführungspraktische Detail eine Erklärung, aber die Wirkung war nicht überzeugend. Was wurde da im sehr schnell musizierten Menuett für ein Nebeneinander von Charakteren vorgeführt? Als die ersten Takte des Finales erklangen, fürchtete ich um die Gesundheit der Musikerinnen und Musiker: Würden die Mitglieder des Freiburger Barockorchesters bei diesem ‚Affentempo’ mithalten können? Sie konnten – und das mit Bravour. Da wurde sogar noch feinsinnig artikuliert, die rasanten Läufe gelangen ohne gröbere Patzer. 

Virtuosinnen und Virtuosen am Werk

Das Freiburger Barockorchester spielte in gewohnter Manier groß auf: Mit kräftigen Akzenten, ausgedünntem Streicherklang, klarer Linienführung und vibratoarmer Tongebung. Nicht optimal disponiert waren an diesem Abend die Hörner: Verwackelte Einsätze im langsamen Satz der Prager Symphonie waren unüberhörbar, auch in der Jupitersymphonie lief nicht alles glatt. Die Holzbläser erfreuten durch differenzierte Artikulation selbst in extrem schnellen Passagen (zum Beispiel Prager Symphonie, Finale!). Die Fagotte schienen Buffo-Geplapper à la Leporello zu imitieren, die Oboen durften gelegentlich solistisch glänzen.

Konzertarien und die Titus-Ouverture – mehr als nur Lückenbüßer

Das Programm wurde komplettiert durch drei Konzertarien für Sopran (zwei fix programmierte: ;Misera, dove son? – Ah non non io che parlo' KV 369 und 'Basta, vincesti – Ah, non lasciarmi, no' KV 486a und eine Zugabe: 'Vado, ma dove?' KV 583). Rosemary Joshua sang mit klarem Sopran und technischer Perfektion sowie subtiler Verzierungskunst, wirkte auf mich aber etwas unterkühlt. Am Beginn stand die Ouverture zu Mozarts letzter Oper ‚La clemenza di Tito’ – in der Innsbrucker Aufführung als dramatisches Einleitungsstück zu einem konfliktreichen Operndrama präsentiert. Jacobs’ spannender Titus ist ja vor kurzem auf CD erschienen.

Der scharfe, Traditionen bewusst hinterfragende Blick auf den Mozart-Olymp, den Jacobs in Innsbruck präsentierte, wird auch in einer wohl noch im Mozartjahr erscheinenden CD-Einspielung nachzuhören sein.

Mehr erfahren über den Autor

Kritik von Dr. Franz Gratl



Kontakt zur Redaktion


Revolution im postromantischen Mozart-Olymp: Eine neue sinfonische Expedition von René Jacobs

Ort: Congress Innsbruck,

Werke von: Wolfgang Amadeus Mozart

Mitwirkende: René Jacobs (Dirigent), Rosemary Joshua (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Innsbrucker Festwochen

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