> > > > > 18.08.2006
Montag, 26. August 2019

René Jacobs

Ehrenrettung für die geschmähte Wiener Fassung

Don Giovanni in Innsbruck: Modern, nicht modisch

Wann hat man schon Gelegenheit, innerhalb von wenigen Tagen die Prager und die Wiener Fassung des Don Giovanni zu erleben? Unter der Leitung von René Jacobs boten die Innsbrucker Festwochen im Mozartjahr dieses Zuckerl.

Zwei Fassungen, die keine Fassungen sind

Im Vorfeld hatte Jacobs schon verraten, dass sein Team und er selbst inzwischen die vielfach geschmähte Wiener Fassung favorisieren würden. In einem wissenschaftlichen Symposion, das die Innsbrucker Aufführungen umrahmte, betonte Jacobs zudem, dass es historisch nicht korrekt sei, von zwei ‚Fassungen’ zu sprechen: Im 18. Jahrhundert galt für Opern ein offener Werkcharakter, die jeweilige Aufführung mit ihren Gegebenheiten (Sänger, Orchester, Bühne,...) bestimmte über das Werk, Arien wurden durch andere ersetzt, wenn sie den Sängern ungelegen waren, lokale Traditionen wurden berücksichtigt, die Instrumentation je nach vorhandenen Musikern adaptiert und so weiter....

Jacobs’ Plädoyer für die ‚Wiener Fassung’

In der Wiener Fassung (der Bequemlichkeit halber wollen wir diesen Terminus weiter verwenden) singt Don Ottavio im ersten Akt, an dramaturgisch sehr glücklicher Stelle, als Reaktion auf Donna Annas ‚Or sai chi l’onore’ seine empfindsame Arie ‚Dalla sua pace’, während seine Aria ‚Dalla sua pace’ in der Prager Fassung die rasante Handlung des zweiten Aktes für einige Minuten zum Stillstand bringt (auch dies hat seinen Reiz): Ein Highlight der Wiener Fassung ist Elviras Arie ‚Mi tradì quell’alma ingrata’ mit dem vorausgehenden großen Accompagnato – mit diesem berührenden Lamento wird die Figur in ihrem tiefen Konflikt zwischen Rache und Liebe noch plastischer. Schließlich enthält die Wiener Fassung das höchst umstrittene Buffo-Duett zwischen Zerlina und Leporello ‚Per queste tue manine’: René Jacobs hat vollkommen recht, wenn er dieses Stück gegen die ‚Mozart-Liebhaber’ vehement verteidigt, denn musikalisch steht es durchaus auf dem gleichen Niveau wie der Rest der Oper, zudem sorgt diese komische Szene für eine ausgeklügelte Balance zwischen Komischem und Tragischem, ganz im Sinne des ‚Dramma giocoso’. Was die Scena ultima, das lieto fine betrifft, so gibt es zwar Indizien im Wiener Aufführungsmaterial, dass dieser Schluss in der Wiener Aufführung weggelassen wurde, aber keine eindeutigen Belege. Jacobs hat die Szene daher belassen – wiederum gebe ich ihm recht, denn die Höllenfahrt hat keine überzeugende Schlusswirkung und die angesprochene Balance des Dramma giocoso wird durch das buffoneske, musikalisch wiederum keineswegs schwache Finale bekräftigt.

Jugendliche Stimmen, akzentuiertes Orchesterspiel

Die Innsbrucker Aufführung war geprägt von jugendlichem Überschwang. Die Tempi waren fast durchgängig schneller als gewohnt, das Orchester setzte scharfe Akzente, erfreute aber auch durch einen optimal disponierten Holzbläserklang, annähernd perfekt intonierende Hörner und flexible, virtuose Streicher. Es ist schon erstaunlich und wohl auf akribische Probenarbeit zurückzuführen, wie das Freiburger Barockorchester die bisweilen eigentümlich ungelenken Dirigierbewegungen von René Jacobs in exaktestes, rhythmisch genaues Orchesterspiel umzusetzen versteht... Ich konnte selbst erleben, dass Opernbesucher, die von traditionellen Hörerfahrungen ausgingen, über den ruppigen, wilden Orchesterklang von Jacobs entsetzt waren – und gleichzeitig die jungen Sänger lobten.

Das Sängerensemble bestach nicht nur insgesamt durch hohes gesangliches Niveau, sondern auch durch überzeugendes Spiel. Allen voran der junge Norweger Johannes Weisser als Don Giovanni: Agil, unbändig, stimmlich außerordentlich flexibel, mit jugendlicher Baritonstimme. Seine Verzierungskunst ist faszinierend, wirkt natürlich. Sein Buffo-Alter Ego ist Marcos Fink als Leporello: Ein grandioser Komiker, auch stimmlich bestens ausgestattet, bewundernswert im raschen Parlando, das seine Rolle immer wieder erfordert.

Svetlana Doneva geht in ihrer Rolle als Donna Anna voll und ganz auf, singt berührend und technisch perfekt. Alexandrina Pendatchanska hat als Elvira in der Wiener Fassung an Profil gewonnen, wirkt als unglücklich Liebende überzeugender. Hinreißend als Sängerin und in ihrer Bühnenpräsenz wieder Sunhae Im: Mit Nikolay Borchev als Masetto bildet sie ein profiliertes Buffo-Paar. Werner Güra lässt in ‚Dalla sua pace’ seine edle Tenorstimme aufblühen und gibt den empfindsamen Bräutigam überzeugend. Mit Alessandro Guerzoni war in Innsbruck ein Komtur zu erleben, der auch menschliche Züge hatte: Kein kontinuierlich schreiender, hohler Geist war zu hören. Zu Hilfe kam ihm das rasche Tempo im Finale, das es ihm erlaubte, zu phrasieren.

Ein Don Giovanni für heute

Das Bühnenbild von Vincent Lemaire, eine Kuppelkonstruktion, erwies sich akustisch als äußerst tückisch. Regisseur Vincent Boussard verzichtete auf Regie-Mätzchen, Christian Lacroix entwarf die Kostüme – am 18. Jahrhundert orientiert, aber mit modernem ‚Touch’, bisweilen vielleicht an der Grenze des guten Geschmacks. Unterwäsche gab’s Gott sei Dank einmal keine zu sehen – fast schon eine Sensation in zeitgenössischen Don Giovanni-Inszenierungen. Trotz der Vermeidung von ‚Modernismen’ war der Innsbrucker Don Giovanni modern, erfrischend, unkonventionell: Jacobs bewies, dass ein ‚back to the roots’, das Umgehen von Aufführungstraditionen und psychologisierendem Überbau Mozart-Opern gut tut.

Mehr erfahren über den Autor

Kritik von Dr. Franz Gratl



Kontakt zur Redaktion


Ein Don Giovanni für unsere Zeit: Jacobs' Plädoyer für die 'Wiener Fassung'

Ort: Tiroler Landestheater (TLT),

Werke von: Wolfgang Amadeus Mozart

Mitwirkende: René Jacobs (Dirigent), Freiburger Barockorchester (Orchester), Alessandro Guerzoni (Solist Gesang), Sunhae Im (Solist Gesang), Werner Güra (Solist Gesang), Nikolay Borchev (Solist Gesang), Johannes Weisser (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Innsbrucker Festwochen

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