> > > > > 31.05.2006
Donnerstag, 28. Oktober 2021

Nikolaus Harnoncourt, eMusici.com GmbH

Nikolaus Harnoncourt und der Concentus Musicus Wien

Von zelebrierenden Streichern und garnierenden Bläsern

Authentisch und historisch, puritanisch und unverfälscht. Was hat man in den vergangenen Jahrzehnten den Interpretationen eines Nikolaus Harnoncourt, dem großen Musiker aus Berlin (dort hat der Österreicher nämlich im Jahre 1929 das Licht dieser Welt erblickt) nicht für Prädikate zugedacht. Vergöttert wurde er oder verteufelt, oder gar beides. Nicht wenige, die zu Anfang vor ihm knieten, seine Art des Musizierens als die einzige ansahen, wandten sich später dann ab, weil es neue Gurus am Firmament der Authentizität gab, neue Meister, die noch historischer, noch unverfälschter waren. Und Harnoncourt selber. Er hat das einzige getan, was wirklich zählt, vor dem man, abseits von Phrasierungsfragen und allen anderen musikwissenschaftlichen Diskursen, Respekt haben muss: er ist sich treu geblieben. Wer das nicht glauben will, der ist nicht in der Philharmonie in Luxemburg gewesen, als der Concentus Musicus Wien zusammen mit dem Arnold Schönberg Chor unter seiner Leitung Wolfgang Amadeus Mozarts „La Betulia Liberata“ aufführte.

Mit Gefolgschaft und Zuneigung

Es gibt viele Sorten von Dirigenten, viele verschieden Charaktere in dieser Spezies Mensch. Diktatoren findet man genauso wie konziliante, es gibt Choleriker und es gibt die liebevollen. Nur sehr selten aber gibt es Dirigenten, bei denen man den Eindruck haben muss, zwischen dem Ensemble und dem Taktangebenden Menschen am Pult besteht eine tiefe, eine sehr tiefe Freundschaft. Wenn Harnoncourt seine Hand zum Dirigat erhebt, lenkt und leitet er die Musiker durch die Komposition, lädt sie ein, das Werk mit ihm zu erforschen. Harnoncourt weiß, wie man Menschen führen muss und sie danken es ihm mit Gefolgschaft und mit Zuneigung. Selten hat man ein Orchester gesehen, das mit soviel Einsatzfreude, mit soviel Energie von der ersten bis zur letzten Note bei der Sache war, trotz einer, für die frühen mozartschen Verhältnisse äußerst opulenten Aufführung von über zwei Stunden.

Die Nummer 118 im Köchelverzeichnis ist das einzige, heutzutage fast vergessene Oratorium, das der damals noch jugendliche Salzburger hinterlassen hat. Entstanden ist es nach seiner ersten Italienreise im Jahre 1771 im Auftrag von Don Giuseppe Ximenes, Fürst von Aragon, der für die Karwoche Kompositionen benötigte, die sich mit religiösen Themen befassten. Inhalt des von Pietro Metastasio verfassten Librettos ist die Geschichte der Judith aus dem Alten Testament, die ihre belagerte Heimatstadt Bethulien dadurch rettet, dass sie kurzerhand den feindlichen Feldherrn Holofernes in seinem eigenen Lager köpft. Aufgeführt wurde das Oratorium zu Mozarts Lebzeiten nicht, aber der Komponist war sich wohl durchaus darüber im Klaren, dass er hier im zarten Alter von 15 Jahren etwas nicht gerade unbedeutendes geschaffen hatte. Immerhin hatte er ins Auge gefasst, sich mit diesem Opus im Jahre 1784, also 13 Jahre oder auch rund 350 Werke später, bei der Wiener Tonkünstler-Sozietät vorzustellen. Letztlich jedoch wählte er dann ein anderes Werk, weshalb KV 118 für sehr lange Zeit keine Aufmerksamkeit geschenkt wurde.

In Musik umgesetzte Empathie

Was Harnoncourt im nahezu ausverkauften Grand Auditorium der akustisch wie architektonisch genialen Luxemburger Philharmonie anzubieten hatte, war ein Hochgenuss auf der ganzen Linie. Exquisit zelebrierten die Streicher des Concentus ihre Parts, die Bläser garnierten diesen Unterbau mit Akkuratesse. Musikalische Empathie beschreibt wohl am besten das agieren dieses Klangkörpers, der jede Gefühlsregung des Textes aufnahm und in unglaublich kultivierter Weise in Musik umsetzte. Einfach großartig. Gleiches galt für den Arnold Schönberg Chor und man musste sich angesichts der Tatsache, dass Mozart ihm nur vier wirkliche Gelegenheiten des Mitwirkens gab, tatsächlich fragen, wer denn nun mehr zu bedauern sei: die Sängerinnen und Sänger, die mit Engelsgeduld auf ihren nächsten Einsatz zu warten hatten, oder das Publikum, dem der chorische Hörgenuss nur so selten vergönnt war.

Von allerfeinster Qualität war auch das Solistensextett, ohne jeden Zweifel angeführt von der Altistin Marijana Mijanovic in der Titelrolle der Giuditta. Sie besitzt eine Stimme, die verzaubert, die verwirrt. Wenn man die Augen schloss, war es schwer zu entscheiden, ob da nun ein Alt oder ein Altus auf der Bühne stand. Adäquat dazu der Tenor Jeremy Ovenden in der Rolle des Ozia, Fürst von Betulia. Nachdem er sich in sehr kurzer Zeit auf den Raum eingestellt und sich freigesungen hatte, brillierte er schwerelos in atemberaubenden Höhen. Komplettiert wurde dieses Klanggebilde durch Luba Orgonasova als die adelige Amital mit weichem, dunkel koloriertem Sopran und dem gravitätisch daher schreitenden Franz-Josef Selig (Bass), der Achior, den Fürsten der Ammoniter, verkörperte. Es entspricht Harnoncourt, der bekannter Maßen nichts dem Zufall überlässt, dass auch die beiden kleineren Rollen des Cabri und des Carmi (beide Anführer des Volkes) mit den Sopranistinnen Eva Liebau und Elisabeth von Magnus eine exzellente, fast schon luxuriöse Besetzung erfuhren.

Mit standing Ovations und immer wieder aufkommenden Bravos dankte man dem Altmeister der Alten Musik.

Kritik von Gerhard W. Kluth



Kontakt zur Redaktion


Mozart: La Betulia Liberata

Ort: Philharmonie,

Werke von: Wolfgang Amadeus Mozart

Mitwirkende: Arnold Schönberg Chor (Chor), Nikolaus Harnoncourt (Dirigent), Concentus Musicus Wien (Orchester), Marijana Mijanovic (Solist Gesang), Jeremy Ovenden (Solist Gesang), Luba Orgonasova (Solist Gesang), Franz-Josef Selig (Solist Gesang), Elisabeth von Magnus (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Mosel-Musikfestival

Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel.

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.


Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (10/2021) herunterladen (3200 KByte) Class aktuell (3/2021) herunterladen (7642 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

"Wir gehen auf eine Reise mit dem Publikum, eine Reise in ein phantastisches Land"
Das Klavierduo Silver-Garburg über Leben und Konzertieren im Hier und Heute und eine neue CD mit Werken von Johannes Brahms

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich