> > > > > 11.07.2006
Freitag, 19. August 2022

Giuseppe Verdi

Verdis

Ohne den Segen des Augustus

Moderne Regisseure nutzen gern die Video-Technik. Charles Roubaud musste mit seinen Projektionen von altägyptischen Hieroglyphen und Reliefs für Verdis Oper „Aida“ auf die Kulissenwand des Römertheaters im südfranzösischen Orange mit den Unebenheiten der Römersteine der 45 Meter hohen „Grand Mûr“ zurecht kommen. Dabei hatte er die in die zweitausendjährige Kulissenwand eingelasssene Augustus-Statue bereits so gelb-braun eingemauert, wie es am Ende unten den Protagonisten Radames und Aida widerfahren sollte.


Dennoch lokalisierte Roubauds Projektionsgeflimmere auf das gelbe Urgestein des zweimal bis auf den letzten seiner 10.000 Plätze besetzten „Théâtre Antique d’Orange“ reichlich wenig. Im übrigen beschränkte sich der aus Marseille stammende Roubaud auf eine fast statuarische Anordnung von Verdis Priester- und Palast-Szenen, wenn man von den tollwütigen Abrollern der Sklaventänze in ihren schwarzen Schleierfetzen absieht; die Gefangenen wirkten eher wie eine Mäusehorde als eingefangene äthiopische Krieger. Der Schwarz-Weiß-Kontrast mit den ganz in Weiß kostümierten Ägyptern griff am nachhaltigsten beim Triumph-Einzug des siegreichen Radames auf einer virtuellen Nil-Galeere, die Roubaud mit den um sich schlagenden schwarzen Äthiopier-Sklaven als bestem Einfall seiner Chorégies-Inszenierung suggerierte.


Die Abertausende strömen im Juli ohnehin nur des Belcanto wegen zu den „Chorégies“ genannten Festabenden in das stets sehenswerte, wenn auch unbequeme Römertheater. In diesem Jahr gibt es dort noch „Lucia di Lammermoor“ (mit Patrizia Ciofi und Rolando Villazón), 2007 „Madame Butterfly“ (Veronica Villeroel/Marco Berti) und den „Troubadour“ (Susan Neves/Roberto Alagna).


Diesmal hatte der in Orange stets als Lokalmatador gefeierte Roberto Alagna als Radames keinen ganz großen Abend: Zu zögerlich und schleppend ging er die Feldherrn-Partie an; gewiss, er sang gepflegt, kostete lyrische Kantilenen sanft, aber eben nicht passioniert genug aus. Locker verweilte er unter den lauten „Bravos“ seiner Anhänger auf tenoralen Spitzentönen.

Dafür wartete als Gegenspieler Amonasro Seng Hyoun Ko mit einer konturscharfen, wuchtigen Baritonstimme auf. Der Koreaner vermochte, mit seiner metallisch gehärteten Stimme dramatisch ungemein zu intensivieren und erreichte bei den Verfluchungen seiner Tochter Aida ungeheuere Wucht.


Ähnlich blieb bei den Frauenstimmen die Aida der Amerikanerin Indra Thomas mit ihrem zugegeben weich-beseelten Gesang der äthiopischen Sklavin dramatisch nicht ausladend genug. Die farbige Amerikanerin hat ihre Stärken im liedhaften Gospelgesang. Entsprechend feinsinnig geriet ihr die Aida-Partie. Der große, opernhaft-pathetische Gestus blieb diesmal zwar aus. Den hatte dafür als Amneris die andere Amerikanerin des in Orange versammelten Verdi-Ensembles, die Mezzo-Sopranistin Marianne Cornetti, zur Verfügung. Ausufernd und voller Leidenschaft gestaltete sie ihre Eifersuchtsgesänge. Sie sang die Königstochter in erregender Intensität und hielt ihre Leidenschaftsaufwallungen glänzend durch. Kraftvoll sang der junge Bulgare Orlin Anastassoff den Oberpriester, würdevoll der Pole Daniel Borowski den König.


Der Segen des Augustus fehlte diesmal auch etwas Michel Plassons zwar fast schon impressionistisch feinsinnigem, doch zu wenig energisch zupackendem Dirigat vor dem zwar kultiviert-homogenen, aber im Klangrelief doch flachen Orchestre National de Lyon. Mitunter fühlte man sich eher in einer Spieloper als im Dramatik-Getümmel einer Großen Oper. Gleichwohl erreichte der erfahrene Plasson geschlossene Klangbilder und sekundierte seinen Sängern höchst anpassungsfähig. Er koordinierte den großen Apparat mit einer Reihe südfranzösischer Theaterchöre (Toulouse, Avignon, Monte Carlo) und den leuchtenden Aida-Trompeten auf den Seitenemporen untadelig. Da brauchte Augustus nicht weg zu hören.

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Kritik von Prof. Kurt Witterstätter

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Ohne den Segen des Augustus: Verdis "Aida" im Römertheater von Orange

Ort: Chorégies d'Orange,

Werke von: Giuseppe Verdi

Mitwirkende: Michel Plasson (Dirigent), Orchestre National de Lyon (Orchester), Roberto Alagna (Solist Gesang), Orlin Anastassov (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Chorégies d'Orange

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