> > > > > 15.07.2006
Donnerstag, 18. August 2022

Gioacchino Rossini

Lieder von Rossini und Carafa in Wildbad

Defiges und Zotiges

Davon kann man natürlich nie genug bekommen: Konzerte im kleinen Kurtheater von Bad Wildbad, in denen der prachtvoll restaurierte historische Innenraum mit perlenden Koloraturkaskaden erfüllt wird, Konzerte, bei denen man in der sonnendurchfluteten Pause Sekt am Ufer des sanft rauschenden Flüsschen Enz serviert bekommt und Konzerte, in denen man in zwei nachmittäglichen Sommerstunden weitgehend unbekannte Belcanto-Köstlichkeiten entdecken (und genießen) kann.

So taten sich sechs Solisten des diesjährigen Wildbader Festivals zusammen, um in einer Matinee Arien und Ensembles von Rossini und seinem langjährigen Freund und Kollegen Michele Carafa (1785-1872) zu präsentieren, unter dem Titel ‚Deftiges und Erotisches’. Begleitet wurde das Ganze von Michele d’Elida am Klavier, mit federnden Rhythmen und viel Poesie in den lyrischen Passagen. (Bravo!)

 

Süßlicher Reigen

Das Deftige am Programm waren die vier kurzen ‚Rotlicht-Lieder’ von Rossini, bei denen sich vor allem die italienischen Solisten köstlich amüsierten (was eine Freude war anzusehen). Im Publikum lachten eigentlich nur jene, die genug Italienisch konnten, um die sehr brutalen Zoten tatsächlich zu verstehen, denn in der deutschen Übersetzung waren sie nur bedingt nachvollziehbar. Ein Beispiel: „S’io dico ‚T’amo, o cara’,/ tu mi rispondi: ‚Pazzo!’/ Cosi mi rompi il ca… ca… capo/ e il povero mio cor.” – Hier reimt sich selbstverständlich ‘capo’ nicht auf ‘pazzo’, sondern man denkt bei ‘pazzo’ sofort an ‘cazzo’, wobei letzteres das vulgäre Wort für Penis ist. Von Rossini insgesamt als süßlicher Reigen in Töne gesetzt. Harmlos daherkommend (wenn man den Text nicht versteht), darum aber umso unverhoffter und komischer (wenn man den Text versteht). Von den sechs Wildbader Solisten wurden die knappen Gesänge mit dem passenden Understatement und verschmitzten Lächeln dargeboten.

Idealer italienischer Koloraturtenor

Waren diese ‚Rotlicht-Lieder’ eher eine Petitesse, so bot das Programm drumherum auch anspruchsvollere Liedkompositionen, die daran erinnerten, dass Italien eine eigene, andere Lied-Kultur hat als Deutschland und Österreich – in der es weniger um Innigkeit und Seelenvolles geht, sondern mehr um galante Gefühle und melodiereiche, teils hintergründige Unterhaltung. (Was durchaus sympathisch ist.) Beispielsweise das Duetto ‚Li martinari’ über zwei Seemänner, die wie ein Echo miteinander über Stürme, Liebe und das Meer singen. In diesem ersten Lied des Programms beeindruckte der Tenor Filippo Adami mit seine ideal platzierten Belcanto-Stimme, die ohne Mühe trägt und gleichfalls ohne Mühe in die höheren Regionen des Notensystems vorzudringen weiß. Der 25-jährige Adami überwand seine Anfangsnervosität schnell und bot am Ende des Konzerts mit Carafas mörderischer Szene und Arie ‚La mia pace io già perdei’ (dt.: Meine Ruhe habe ich schon verloren) eine Leistung, die man als schlicht sensationell bezeichnen muss. Da Adami neben seiner strahlenden Stimme über ein schlankes südländisches Äußeres und eine sehr sympathische Bühnenpräsenz verfügt, darf man hier eine große internationale Karriere prophezeien. Er ist der ideale italienische Koloraturtenor – in der Tradition eine Tito Schipa und Juan Diego Florez. Wenn er lernt, vokal noch etwas mehr zu ‚schmachten’, ist er der Superstar von Morgen.

Erste Wahl für Casting Direktoren

Neben diesem aufgehenden Stern hatten es die anderen teils schwer, sich zu behaupten. Vor allem Laura Catrani bezauberte zu Beginn des zweiten Teils mit dem Duett ‚La serenata’ (ein Notturno für Sopran und Tenor aus Rossinis ‚Les Soirées musicales’), wo sie ebenfalls ihre Anfangsnervosität überwunden hatte und neben Filippo Adami glänzte. Damit bestätigten beide die positiven Eindrücke, die sie in den Opernproduktionen dieser Festspiele gemacht hatten, Adami in Rossinis ‚Mosè’, Catrani in Balduccis ‚I gelosi’. Beider sind allererste Wahl für jeden casting director, der eine italienische Oper jung und gut besetzen will.

Die chinesische Koloratursopranistin Aurore Yuege Xianyu sah in einem qietschroten Abendkleid hinreißend aus, sang mit erlesener Leichtigkeit das Lied ‚La passeggiata’ von Rossini, verfügt aber (noch?) nicht über die nötige Bühnenpersönlichkeit, um diese Musik mit echtem Leben zu füllen. Gleiches gilt auch für sie sichtlich nervöse Mezzosopranistin Anna-Giulia Foglia und das von ihr vorgetragene (wunderbar wehmütige) Rossini-Lied ‚La Veuve andalouse’. Es gilt auch für die zu zahme Roksolana Chraniuk und den auch stimmlich blassen Bass Tomasz Wija, der ohnehin nicht über das für dieses Repertoire nötige ‚italienische’ Timbre verfügt. (Was bereits in der Aufführung von Rossinis ‚La cambiale di matrimonio auffiel, wo er einen Büroangestellten spielt.)

Ausverkauftes Kurtheater

Angesichts der Tatsache, dass solch ein Matinee-Programm leicht zusammenzustellen ist und viele Zuschauer lockt (Sänger + Pianist + Belcantonummern = ausverkauftes Kurtheater), frage ich mich, warum im Rahmen des Rossini-Festspiele in Wildbad nicht viel mehr solche Konzerte angeboten werden? Sie sind eine reizende Ergänzung zum abendlichen Opern-Programm und bieten die Gelegenheit, unbekannte Musik vorzustellen, wie in diesem Fall Lieder von Michele Carafa, dessen köstliche Oper ‚I due Figaro’ eines der Highlights des Festspielsommers war.

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Kritik von Dr. Kevin Clarke

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Defiges und Zotiges: Lieder von Rossini und Carafa in Wildbad

Ort: Kurtheater,

Werke von: Gioacchino Rossini, Michele Carafa

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