> > > > > 14.07.2006
Donnerstag, 18. August 2022

Gioacchino Rossini

Rossinis erste Oper 'La cambiale di matrimonio'

Die angestochene Wildsau von Wildbad

Das Thema könnte natürlich kaum aktueller sein - das berüchtigte Wildsaustechen zwischen George W. und Angela hin oder her. In Rossinis allererster Oper 'La cambiale di matrimonio' (dt.: Die Braut auf Gutschein), 1810 fürs Teatro San Moisè in Venedig komponiert, geht es um einen ungeschliffenen 'noblen Wilden' aus Kanada, einen erfolgreichen Geschäftsmann aus der Neuen Welt mit rohen Manieren und lauter Art (aber gutem Herzen), der zum ersten Mal nach Europa kommt und hier mit den angeblich 'kultivierten' Manieren und Umgangsweisen der Alten Welt zusammenstösst. Eine urkomische Totalkarambolage ist vorprogrammiert.

 

 

Happy End

 

 

Das Komische ergibt sich aber nicht nur aus der Figur des Mr. Slook (höhensicher und deftig: Giulio Mastrototaro), sondern zu gleichen Teilen auch aus der hillarischen Darstellung des Tobias Mill, seines englischen Geschäftspartners (etwas anonym im Vergleich und zu ernst: Vito Priante), der seine Tochter Fanny mit dem vermögenden Herrn aus Übersee verheiraten will - ohne zu bedenken, dass die  Tochter (kess und koloraturgewandt: Julija Samsonova) als selbstbewusste junge Engländerin nichtmal im Traum daran denkt, jemanden zu ehelichen, den sie nicht kennt und der ihr darum unsympathisch ist. Ausserdem liebt sie, wie sich das für kesse junge Engländerinnen gehört, längst jemand anderen, nämlich Eduard Milfort (den Tenor Daniele Zanfardino). Ohne den Segen des Vaters zwar, aber darum nicht minder intensiv. Die Frage ist nun, wie man diese verwirrende Situation einem Happy End entgegenführt?

 

Doppelte Witze

Dass Rossinis Librettist Gaetono Rossini beide Seiten parodiert - also sowohl den kanadischen Geschäftsmann als auch seinen übersteifen, überzüchteten geldgierigen britschen Partner (mit dem schlechten Herzen) - macht den Reiz der Geschichte aus. Denn so gehen die Witze nicht allein auf Kosten des Einen. Beide Rollen sind mit einem Bass-Buffo besetzt, die auf unterschiedliche Weise anziehen und abstossen. Man kann sich leicht vorstellen, dass die Venezianer 1810 mindestens ebensoviel Spass an einer ironischem Präsentation der zugeknöpften Briten hatte, wie an einer Karikatur der schrillen, lauten, manierlosen Amerikaner. Sympathieträger sind vorerst das junge Liebespaar Fanny und Eduard, auch wenn sie eigentlich eher blass wirken neben den prächtigen Bufforollen.

 

Auf der Höhe seiner Kunst

Musikalisch sprudelt diese frühe farsa comica mit dem typischen Rossinischen Verve, und es ist erstaunlich, wie 'fertig' der Personalstil Rossinis in diesem Erstlingswerk schon ist: die absolute Sicherheit in der Konstruktion der Arien und Ensembles, der rhythmische Drive, die melodische Einfallskraft und instrumentatorische Brillanz sind alle voll ausgebildet. Der junge Maestro zeigt sich mit dem 'Cambiale di matrimonio' mit einem Schlag auf der Höhe seiner Kunst - und man entdeckt in der kolorturgewandten Arie der Fanny auch deutliche Anklänge an das berühmte spätere Duett Rosina-Figaro aus dem 'Barbiere'.

 

Revival

Die Wildbader Produktion stammt aus dem Jahr 1997 und war damals das Regiedebüt der Lebensgefährtin des Festspielleiters, Dr. Annette Hornbacher, seit 1992 als Dramaturgin bei den Festspielen tätig. Sie will als promovierte Philosophin, Ethnologin und Literaturwissenschaftlerin aus dieser typischen Zeitkomödie mehr machen als eine muntere, einaktige farsa comica und berichtet im Programmheft über 'Sextourismus und Frauenkauf heute' (eine Passage aus Maria Mies' Buch 'Patriarchat und Kapital. Frauen in der internationalen Arbeitsteilung' ist da zu lesen) und zitiert im Programmheft ebenfalls Texte zum Thema 'Zwangsheirat' und die damit verbundenen 'Rechtlichen Aspekte'. Ausserdem erfährt man etwas über 'Ehe, Familie, Kapital in der bürgerlichen Gesellschaft', inkl. der 'Grundsätze des Kommunismus' (von Friedrich Engels) und dem 'Manifest der kommunistischen Partei' (von Marx/Engels).

 

Irgendwo, nirgendwo

Aha, da hat sich also jemand tiefgehende (und typische) Regie-Theater Gedanken gemacht... von denen man aber leider (oder glücklicherweise?) auf der Bühne wenig sieht. Stattdessen spielt alles in einem anonymen modernen Büro mit grauen Beton-Wänden. Irgendwo. Nirgendwo. Mit einer grossen Weltkarte im Hintergrund, um die Globalisierung zu verdeutlichen und um zu zeigen, dass die Firma des Tobias Mill weltweit operiert. Der Kanadier Slook platzt zwar mit riesigem Lachs unterm Arm und silbernen Schneeboots (plus Biberpelz-Mütze) recht komisch-überzeichnet in dieses Büro herein. Aber sein Pendant Mill sowie seine Firma sind so unkomisch, wie nur irgend möglich. Alles sieht aus wie eine x-beliebige Folge der britischen Serie 'The Office'. Weiter geht der Spass und die Anspielungsfreude nicht. Die Lacher sind denn auch sehr einseitig verteilt.

 

 

Fanny Hill

 

 

Und Fanny Mill (ursprünglich dezent modelliert nach der berüchtigten Fanny Hill) ist ein x-beliebiger junger Punk, der Kaugummi kauend durch die Handlung tapst. Im Grunde geht in dieser Darstellung wenig Reiz und wenig Charme von ihr aus, und sie und ihr Lover Eduard haben nichts von einem 'romantischen' Liebespaar. Deshalb wird auch kaum verständlich, wieso Slook am Schluss auf die ihm versprochene Fanny verzichtet und stattdessen ihren Liebhaber Eduard als Universalerben einsetzt - womit er zu einer finanziell attraktiven Partie wird und die beiden jungen Leute doch noch den Segen von Vater Mill bekommen.

 

Verwirrender Zeitplan

Da jedoch der Darsteller des Slook ein attraktiver junger Mann ist und kein ältlicher Buffo (à la Bartolo im 'Barbiere'), fragt man sich, wann Eduard eigentlich sein Erbe antreten soll - in 50 Jahren? Mit diesem Zeitplan  funktioniert die ganze Geschichte nicht. Und die im Programmheft diskutierten Fragen zu 'arrangierten Hochzeiten' finden heute wohl eher in Indien oder vielleicht der Türkei statt, nicht in der Familie eines westeuropäischen Geschäftsmanns mit Punker-Tochter. Die farsa gewinnt durch die Aktualisierung also nichts, sondern wirktin dieser Form eher unglaubwürdiger. Und Rossinis Musik ist auch nicht eben das Idiom, in dem sich eine moderne Punkerin ausdrückt. Oder?

 

Ursprüngliche Form

Fazit: Szenisch ist dieses 'Cambiale di matrimonio' eine teils hübsch anzusehende Inszenierung, die allen aktuellen Regie-Moden nach Modernisierung und Verpflanzung der Geschichte in die Gegenwart folgt, ohne diese Zeitreise wirklich überzeugend zu irgendeinem Statement zu nutzen. Man hätte die Handlung genauso gut im Jahr 1810 belassen können - sie wäre in ihrer ursprünglichen Form vermutlich aktueller gewesen, witziger und vielsagender als in dem update. Weil durch die vorgenommene Adaption Bedeutungsebenen wegfallen, statt hinzukommen. (Und von wirklichem 'Sextourismus' war – nebenbei bemerkt – soweiso weit und breit nichts zu sehen.)

 

Dem SWR sei Dank

Dass man die Inszenierung von 1997 dieses Jahr in Wildbad neuerlich zeigt, hat einen einfachen Grund: der SWR zeichnet die Produktion auf, sie soll gesendet werden und anschliessend auf CD herauskommen. Das ist begrüssenswert, denn das Stück lohnt sicher die Bekanntschaft und ist mit seiner Konfrontation von Alter und Neuer Welt aktueller denn je.

 Fürs Radio hat man eine rundum gute Besetzung zusammen gestellt, bei der die niedliche russische Sopranistin Julija Samsonova als Fanny positiv auffiel mit ihren frischen Koloraturen. Neben ihr machte vor allem der spielfreudige Giulio Mastrototaro Eindruck als 'Mann aus der Wildnis' (mit Hawaii-Hemd). Einzig der Bass-Bariton Tomasz Wija als Büro-Angestellter Norton wirkte stimmlich wenig präsent (oder komisch). Da er aber wenig zu singen hat, fiel das nicht weiter ins Gewicht.

Dirigent der Produktion war Christopher Franklin, der - wie fast alle Dirigenten dieses Sommers in Wildbad - nicht in der Lage war, der Württembergischen Philharmonie Reutlingen einen echten spritzigen Rossini Sound zu entlocken. Vieles plätscherte mit zu wenig Innenspannung dahin, die Brillanz Rossinis war nur in Einzelmomenten zu erahnen. Hoffentlich lässt sich das für die CD-Ausgabe noch korrigieren.

 

Warten auf die CD

Insgesamt jedoch ist festzustellen: Diese 'Braut auf Gutschein' ist ein tolles Stück in einer ideologisch etwas bemühten Inszenierung, die sich zu wenig auf die schrillen Qualitäten des Originals verlässt, musikalisch aber zu punkten weiss mit einer teils hervorragenden Bestezung. Auf die CD bin ich gespannt!

 

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Kritik von Dr. Kevin Clarke

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Die angestochene Wildsau von Wildbad: Rossinis erste Oper 'La cambiale di matrimonio'

Ort: Kurtheater,

Werke von: Gioacchino Rossini

Mitwirkende: Vito Priante (Solist Gesang), Daniele Zanfardino (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Rossini in Wildbad

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