> > > > > 14.07.2006
Donnerstag, 18. August 2022

Giuseppe Balduccis Salonoper 'I gelosi’ in Wildbad

Ein 'Schwarzes Rössl’ am Mittelmeer

Hand aufs Herz: Wer kennt heute noch den Komponisten Giuseppe Balducci (1796-1845) oder weiß, dass es im Bereich des Belcanto das Subgenre ‘Salonoper’ gibt? Glücklicherweise erweitert ein Besuch beim Rossini-Festival in Wildbad den Horizont der interessierten Fan- und Fachgemeinde. Denn in Wildbad werden – anders als beim Rossini-Festival in Pesaro – auch Werke von Rossinis Kollegen und Zeitgenossen vorgestellt, so dass man eine Ahnung bekommt, in welchem Kontext der ‚Schwan aus Pesaro’ wirkte, wie seine Neuerungen weiterwirkten und wie er selbst Ideen anderer aufgriff und weiterverwertete.

Salonoper für zwei Klavier

So wurde in diesen Sommer nicht nur die entzückende Oper ‚I due Figaro’ von Michele Carafa in Wildbad präsentiert (und vom Deutschlandradio Kultur am Samstagabend um 19 Uhr live übertragen), sondern auch der Komponist Giuseppe Balducci vorgestellt mit einer höchst interessanten komischen Oper mit dem Titel ‚I gelosi’ (dt.: Die Eifersüchtigen).

Das Interessante daran ist, dass es sich bei dem Werk nicht um eine typische Belcanto-Oper für eines der damals führenden italienischen Opernhäuser handelt, sondern um eine von insgesamt fünf Salonopern, die Balducci in den 1830er Jahren in Neapel für die Töchter des Marchese von Capece Minutolo komponierte. Statt eines Orchesters verwendet Balducci zwei Klaviere als Begleitung (eins vierhändig, eins zweihändig, drei Spieler insgesamt) und die Rollen – männlich wie weiblich – sind alle mit Frauen besetzt. Ursprünglich sangen die drei begabten Töchter des Marchese die Hauptpartien, ihrer Freundinnen übernahmen die übrigen Rollen. Die jeweiligen Familien, Neapels high society, bildeten das Uraufführungspublikum.

Mit diesen Salonopern hatte Balducci großen Erfolg – mehr Erfolg sogar, als mit seinen tatsächlich für die Bühne geschriebenen und im Teatro San Carlo in Neapel uraufgeführten Werken (z.B. ‚Bianca Turenga’ und ‚Tazia’). Seine letzte und ehrgeizigste Salonoper ‚Il Conte di Marisco’ (1839) wurde sogar von Ricordi verlegt.


Diese für einen kleineren Rahmen konzipierten Werke werfen ein interessantes Licht auf das Leben der großen Adels-Familien der Zeit. Da Balducci für die drei Töchter des Marchese, die allesamt seine Schülerinnen waren, auch viel Kammermusik schrieb, begreift man, dass Musik im Italien des frühen 19. Jahrhundert eben nicht nur große Oper im großen Opernhaus war, sondern aus vielen Schattierungen bestand, die heute (selbst von den Italienern) weitgehend ignoriert werden. Was bedauerlich ist, denn die Musik von Balducci lohnt die Bekanntschaft. Der Balducci-Forscher Jeremy Commons schreibt: ‚In sämtlichen Werken zeigt sich Balducci als außerordentlich begabter und gut ausgebildeter Musiker. Obwohl seine Kompositionen ganz dem Stil der Zeit verpflichtet sind, zeigt Balducci doch eine größere Vorliebe für volltönende und unerwartete Harmonien als die meisten seiner Zeitgenossen. Und obwohl er ein Meister der typisch italienischen legato-Linie ist – seine Musik ist zutiefst vokal und passt sich den Stimmen bereitwillig an – verwendet er gern frische, einprägsame Rhythmen und strahlende ostinato-Figuren in seiner Begleitung.’

In einem Hotel am Golf von Neapel

‚I gelosi’ von 1834 erzählt eine typische italienische Komödiengeschichte, die in einem Hotel am Golf von Neapel spielt. Dort betreibt die habgierige Donna Gesualda (Anna Retczak) ein Gästehaus, in dem auch ihre verliebte junge Nichte Evelina (die Chinesin Aurora Yuege Xianyu) und die gewitzte Zofe Bertina (prall und deftig: Francesca Tararone) wohnen. Evelina wartet sehnsüchtig auf die Rückkehr ihres Geliebten Errico (sonor, aber mit wenig Persönlichkeit: Roksolana Chraniuk) vom Militär. Als im Hotel ein fremdes Ehepaar absteigt – der vertrottelte Gelehrte Ser Pertronio (blass: Francesca Tartarone) und seine liebestolle Gattin mit dem bezeichnenden Namen Donna Costanza (grandios: Laura Catrani) – bricht ein typisches Verwechslungs- und Intrigenchaos los. Costanza beschuldigt ihren Mann hinter Evelina her zu sein, will aus Rache eine Affäre mit Errico beginnen, weswegen wiederum Evelina glaubt, ihr Geliebter sei ihr untreu, derweil die Hotelbesitzerin Donna Gesualda sowieso die Verbindung der Nichte mit dem Soldaten trennen will, damit sie einen anderen, reicheren Mann heiratet... Alles klar?

Es ist ein bisschen wie das ‚Weiße Rössl’, bloß das es nicht am Wolfgangsee mit Schnürlregen spielt, sondern am sonnigen Mittelmeer. Die Liebeswirren sind jedoch ähnlich, das Setting im Hotel auch. Es fehlt nur noch der Kaiser Franz Joseph, und die Operette wäre perfekt.

Poetisch und zupackend

Die Musik, die Balducci dazu komponiert, ist teils sehr poetisch (in den Liebesgesängen), teils aber auch sehr zupackend, etwa im rhythmisch schier explodierenden ersten Finale, das eine galoppierende – mustergültige – italienische Stretta enthält, die es mit den besten und bekanntesten der Opernliteratur aufnehmen kann.

Auch die Klavierbegleitung ist äußerst farbig und abwechslungsreich. Sie wurde in Wildbad von den beiden Pianisten Michele d’Elia und Ugo Mahieux mit viel Spielfreude und Eleganz präsentiert. (Der dritte Pianist fiel scheinbar kurz vor der Premiere aus, sein Part wurde auf die anderen beiden Spieler verteilt.)


Diese musikalische Begleitung war das große Plus der Aufführung, die ansonsten merklich unterm sängerischen Niveau der übrigen Wildbader Aufführungen besetzt war. Das lag vermutlich daran, dass ‚I gelosi’ nicht vom Radio übertragen und nicht für CD aufgenommen wurde. Damit war die Produktion uninteressant für die anwesenden Top-Sänger dieses Sommers. Das ist bedauerlich, denn so litt diese an sich charmante Produktion im wunderbaren kleinen historischen Kurtheater an einer Besetzung, der nicht so sehr die vokalen Mittel fehlten, um dem Werk gerecht zu werden, sondern die nicht genug Bühnenpersönlichkeit hatten, um diese hillarische Komödie mit wirklichem Leben zu erfüllen. Es blieb bei einer recht braven Wiedergabe, die nicht übers Niveau einer guten Schüleraufführung hinauskam. Lediglich die fulminante Laura Catrani als überreizte Donna Costanza zeigte (Striptease inklusive!), was in dem Stück und in der Musik steckte. Der Rest fiel daneben stark ab.

Abstraktion und Atmosphäre

Die Inszenierung selbst arrangierte das Stück rund um ein überdimensionales schwarzes Klavier, das als Hotel fungierte. Diese Abstraktion hätte gut funktionieren können, wenn – wie gesagt – die Sänger stärkere Bühnenpersönlichkeiten gewesen wären. Sie waren es jedoch nicht, und so funktionierte auch die Inszenierung nicht (trotz teils hübscher Kostüme von Claudia Möbius).

Ich fragte mich grundsätzlich, wieso man in Wildbad die Gelegenheit gänzlich ungenutzt ließ, in diesem historischen Kurtheater mit seiner intimen Atmosphäre und wundervollen Akustik nicht auch eine irgendwie ‚historische’ Inszenierung des Stücks zu zeigen – so dass Ort und Oper zu einer Symbiose hätten zusammenfinden können? Denn die kleine Bühne wäre perfekt für eine ‚echte’ commedia dell’arte-Inszenierung gewesen.


Angesichts der Tatsache, dass das Stück hochinteressant und die Akustik im Kurtheater hervorragen ist, fragte ich mich außerdem, warum der SWR ausgerechnet diese Produktion nicht mitgeschnitten hat, derweil er fast alle anderen Produktionen des Sommers sehr wohl festgehalten hat? So wird das Werk nach nur drei Aufführungen wieder der Vergessenheit anheim fallen – es sei denn, eine andere Bühne macht sich daran, diese deliziöse Komödie nochmals mit neuem Leben zu füllen. Sie passt zu jedem italienischen Sommerkonzert und harrt einer charaktervolleren Wiedergabe. Wer probiert’s?

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Kritik von Dr. Kevin Clarke

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