> > > > > 13.07.2006
Donnerstag, 18. August 2022

Premiere 'I due Figaro’ von Michele Carafa

Hochzeit des Figaro - ohne Mozart

Wer kennt (und liebt) sie nicht, die Charaktere aus den ‘Figaro’-Komödien von Beaumarchais? Graf und Gräfin d’Almaviva, Cherubino, Figaro, Susanna.... Sie stellen das Personal für zwei der populärsten (und perfektesten) Opern aller Zeiten, Mozarts ‚Nozze di Figaro’ und Rossinis ‚Barbiere di Siviglia’. Bekanntlich endet die Beaumarchais-Geschichte damit, dass Figaro und Susanna heiraten und die Gräfin ihrem liebestollen Gatten die diversen Seitensprünge vergibt. Happy End zu Mozarts himmlischen Klängen. Aber wie geht es weiter? Das hat sich schon mancher Regisseur und Dramaturg gefragt...

Beim Belcanto Festival in Wildbad ist nun erstmals in einer modernen Aufführung die Fortsetzung der Figaro-Geschichte zu erleben – und zwar in einer Opernversion von Michele Carafa, die 1820 an der Mailänder Scala uraufgeführt wurde unter dem Titel ‚I due Figaro’ (dt.: Die zwei Figaros). Basierend auf einer französischen Komödie von Martelly und einem Libretto des Star-Schreibers Felice Romani setzt die Handlung der Oper 15 Jahre nach der Hochzeit von Figaro und Susanna ein, also anderthalb Jahrzehnte nach dem Ende der Mozart-Oper.

Altes Bekannte in neuen Verwicklungen

Worum geht es? Cherubino (Simon Bailey) kehrt vom Militär zurück und ist der Geliebte von Ines, der Tochter des Grafen Almaviva. Ob die Gräfin die Mutter ist, wird interessanterweise nicht weiter thematisiert. Ines (Eunshil Kim) soll vermählt werden mit einem Hochstapler namens Don Alvaro (Giuseppe Fedeli), was Figaro aus Gehässigkeit gegenüber dem Grafen eingefädelt hat – denn er will sich die zu erwartende Mitgift mit seinem Freund Don Alvaro teilen (der ein gewöhnlicher Stallknecht ist, von Figaro an den Grafen jedoch als hoher Herr verkauft wird). Das Damen-Soprantrio Ines, Gräfin (nobel: Rosella Bevacqua) und Susanna (lyrisch und sehr komisch: Cinzia Rizzone) versucht, diese Hochzeit zu verhindern und wird dabei tatkräftig unterstützt von Cherubino, der inzwischen den Stimmbruch überwunden hat und vom Mozart-Mezzo zum Belcanto-Bass mutiert ist. Er agiert in dem Stück als anonymer Fremder, der sich dem Grafen gegenüber den Namen Figaro zulegt und damit recht eigentlich (auch stimmlich) die Position übernimmt, die Figaro bei Mozart ursprünglich inne hatte – die des sympathischen Intriganten, der zusammen mit den Damen fürs Happy End sorgt. Cherubino ist somit der ‚Zweite Figaro’ des Titels, der erst ganz am Schluss seine wahre Identität öffentlich preisgibt, die in der Oper nur den Damen zuvor bekannt ist.

Figaro hier, Figaro da

Derweil ist der gealterte Figaro (Carmine Monaco) in dieser Oper zu einem rundum unsympathischen Charakter verkommen, dessen Ehe mit Susanna gescheitert ist, der Menschen für Geld verschachert und der böse Ränkespiele gegen seinen Arbeitsgeber Almaviva ausheckt. Eine Art Don Bartolo – wie man ihn aus Rossinis ‚Barbiere’ kennt, nur gefährlicher.

Der Graf führt ebenfalls eine als gescheitert zu bezeichnende Ehe mit der Gräfin (Versöhnungsschluss bei Mozart hin oder her). Er betrügt seine Gattin mit Susanna und einigen Zimmermädchen. Sein Motto, in der ersten Cavatina mit wundervoller Horn- und Klarinettenbegleitung vorgetragen lautet: ‚Warum wegen Liebe heiraten? Die Ehe tötet doch sowieso früher oder später die Liebe.’ Realistische Ansichten, die man so bei Rossini und Mozart nicht zu hören bekommt und die hier mit perlenden Tenor-Koloraturen vorgetragen werden (ein Bravo für Giorgio Trucco).

Einzig Inez und Cherubino glauben noch an die ‚echte und wahre’ Liebe – sie sind ja noch jung und idealistisch – und steuern trotz reichlicher Hindernisse einer Hochzeit im zweiten Finale entgegen.

Bekannte Situationen neu belebt

Auf dem Weg zu diesem Finale ergeben sich viele Situationen, die man vor allem aus ‚Le nozze di Figaro’ kennt: die Szene mit dem Kleiderschrank, das Verwechslungsspiel im nächtlichen Park usw. Ironischerweise ist es diesmal wiederum Cherubino, der im Schlafzimmerschrank der Gräfin versteckt ist (zusammen mit Ines). Darüber erregen tut sich jedoch Figaro, weil er seine Heiratspläne vom Nebenbuhler durchkreuzt sieht. Der Graf nimmt solche amourösen Abenteuer in seinem Schloss gelassen als Selbstverständlichkeit hin. Die inzwischen vergangenen 15 Jahre haben aus ihm offensichtlich einen gelassenen Mann gemacht, was Männer im Schlafzimmer seiner Frau angeht.

Eine Ergänzung des Librettisten Felice Romani ist die Figur des Dichters Plagio (was deutlich an ‚Plagiat’ erinnert): Er schreibt alle Ereignisse auf, um sie später zu einer Oper zu verarbeiten, die dann eben dieses Melodramma ‚I due Figaro’ ist. Der Dichter klärt den Grafen am Ende auch darüber auf, welche Spielchen Figaro hinter seinem Rücken treibt im Zusammenhang mit der geplanten Hochzeit und der Mitgift. Damit löst er alle Verwirrungen auf und führt das Happy End herbei. Nach dem eigentlichen Schlussrondo der Solisten tritt er selbst sogar nochmals – in einer witzigen, unerwarteten Szene – vors Publikum und fordert sie mit einem eigenen Rondo auf, doch bitte eifrig zu applaudieren. Vittorio Prato singt dieses Rondo sowie die ganze Rolle mit weichem Bassbariton und schlaksiger Ausstrahlung sehr liebenswert.

Der musizierende Graf aus Neapel

Die Musik, die der Neapolitaner und enge Rossini-Freund Michele Carafa di Colbrano (1787-1872) zu dieser Komödie schrieb, könnte man am besten mit dem Wort ‚sprudelnd’ charakterisieren. Mit außergewöhnlichem rhythmischen Drive und Melodienreichtum gestaltet Carafa die Geschichte vor allem über Ensembles – selbstständige Arien sind die Ausnahme. Die melancholische Tiefe Mozarts meidet er, die totale Stilisierung der Musik à la Rossini ebenso. Er hält etwa die Mitte zwischen den beiden Extremen und schreibt eine vergnügte ‚Spieloper’, im besten Sinn des Wortes. Eine Art italienischer Auber und Lortzing, wenn man so will.

In Wildbad ist deshalb auch zuerst die Ensemble-Leistung zu loben. Die überwiegend jungen Solisten stürzten sich mit einer solchen Hingabe in diese moderne Erstaufführung (nach zeitgenössischen Manuskripten von Florian Bauer für Ricordi als Aufführungsmaterial zusammengestellt), dass man schlicht hingerissen ist vom Elan und der Energie dieses Werks und seiner Wildbacher Aufführung. Besonders imposant war die Koreanerin Eunshil Kim als vor Koloraturen schier übersprudelnde Ines. Dass sie als Asiatin eine eher unglaubwürdige Tochter des Grafen Almaviva von Giorgio Trucco ist, löste die Regie auf witzige Weise: Stefano Viziolo inszenierte die Geschichte so, dass der Graf eine Vorliebe für asiatische Kammerzofen hat, weswegen man zumindest vermuten kann, dass Ines die uneheliche Tochter einer dieser Zofen ist.

 

Zwischen Slapstick und Neuer Sachlichkeit

Rein optisch sah die Produktion aus wie eine Kopie der ‚Finta giardiniera’, die kürzlich in Zürich zu sehen war, mit einigen Slapstick-artigen Doris Dörrie Manierismen als Extra. Ob das ein ironischer Seitenhieb zur aktuellen Mozart-Pflege sein sollte? Eine Parodie der derzeitigen Regietheater-Entwicklungen? Wohlwollend könnte man darauf mit ja antworten. Weniger wohlwollend könnte man auch sagen, dass der Regisseur mit dieser in modernen Kostümen spielenden Inszenierung zwischen Pop Art und Neuer Sachlichkeit recht einfallslos allen aktuellen Moden folgt und eine wirklich eigene Akzentsetzung vermeidet. Egal: Das Stück ‚funktioniert’ in dieser überbunten Fassung bestens, alle Beteiligten sind in glänzender Spiellaune und lassen nicht eine Sekunde Leerlauf aufkommen. Beteiligt an diesem positiven Gesamteindruck ist auch der kleine Chor des Konservatoriums S. Pietro a Majella aus Neapel. Er war hier besser eingesetzt als in Rossinis ‚Mosè’ am Abend zuvor.

 

Im Orchestergraben

Der Dirigent der Aufführung, der junge Engländer Brad Cohen, sorgte für schwungvolle Tempi und krachende Klänge. Subtilität war seine Sache leider nicht, und auch die Württembergische Philharmonie Reutlingen spielte über weite Strecken eher pauschal als differenziert, und definitiv mit zuwenig Spannung. Es mag sein, dass Carafas Instrumentation nicht so ausgefeilt ist wie die Rossinis (oder Mozarts), dennoch könnte man seine Partitur mit etwas mehr Liebe zum Detail und zu leisen Zwischentönen aufführen.

 

Ideale Trilogie

Als Wiederentdeckung kann man diese Premiere von Carafas ‚Due Figaro’ nicht genug loben. Das köstliche Stück verdient es, an anderen Bühnen nachgespielt zu werden. Es würde zusammen mit Rossini und Mozart eine höchst spannende Figaro-Trilogie ergeben, die interessante Entwicklungen der Figuren aufzeigt. Eine lohnende Aufgabe für jeden Regisseur. Statt also, wie im Herbst in Amsterdam angekündigt, immer nur Mozart/da Ponte-Zyklen anzusetzen (in Amsterdam an drei aufeinanderfolgenden Abenden), wäre es viel aufregender und logischer, diese drei Figaro-Opern hintereinander zu spielen. Sie passen inhaltlich und musikalisch bestens zusammen und ergeben ein ideales Trio.

Wer sich von den Qualitäten des Stücks überzeugen will, bekommt in einer zweiten Aufführung am 15. Juli dazu in Wildbach nochmals Gelegenheit. Diese Aufführung wird live vom Deutschlandradio Kultur übertragen (um 19 Uhr). Wünschenswert wäre, dass diese Aufnahme demnächst auch auf CD erscheint. Verhandlungen dazu sind bereits im Gang.

Für diese mediale Ausschlachtung und Verbreitung einer unbekannten Oper von Michele Carafa im Rahmen des Belcanto Festivals in Wildbad gebührt der künstlerischen Leitung höchstes Lob und Anerkennung. An solchem Ideenreichtum und solch einer Umsetzung mit minimalen finanziellen Mitteln könnten sich viele andere Theater in der Bundesrepublik ein Vorbild nehmen. Nicht nur im Mozart-Jahr, wo dieser andere ‚Figaro’ zusammen mit Rossinis Oper eigentlich auf jeden Spielplan gehörte – zum Vergleich, Kontrast und zur Bereicherung des Repertoires.

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Kritik von Dr. Kevin Clarke

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Hochzeit des Figaro – ohne Mozart: Premiere ‚I due Figaro’ von Michele Carafa in Wild

Ort: Kurtheater,

Werke von: Württembergische Philharmonie Reutlingen

Mitwirkende: Brad Cohen (Dirigent), Simon Bailey (Solist Gesang), Cinzia Rizzone (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Rossini in Wildbad

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