> > > > > 12.07.2006
Donnerstag, 18. August 2022

Gioacchino Rossini

Biblischer Blockbuster ‘Mosè in Egitto’

18. Rossini-Festival in Bad Wildbad

Die Mischung ist genial: Schwarzwald-Idylle und Rossini-Opern, malerischer Kurort und spritziger Belcanto, sprudelnde Thermen, sprudelnde Klänge. Wer könnte da widerstehen?

In dem kleinen Kurort Bad Wildbad, südlich von Pforzheim in einem einsamen Tal gelegen, findet diesen Sommer zum 18. Mal das ‚Belcanto Opera Festival’ statt, auch bekannt unter dem Titel ‘Rossini in Wildbad’. Damit ist das Festival, das anfangs niemand so recht ernst nehmen wollte – weil es zu obskur, zu entlegen war und immer im Schatten der großen Festspiele in Salzburg und Bayreuth stand – ‚volljährig’ geworden, wie die hauseigene PR es formuliert.

Bewundernswerte Pionierleistung

Aber nicht nur das: Wildbad hat im Gegensatz zu den erwähnten anderen Festspielen wirklich bahnbrechendes geleistet, nämlich ausgerechnet in Deutschland – dem Land der Dichter und Denker, wo Gedankentiefe und Grüblerei das Wichtigste im Bereich der Künste sind – ein Rossini-Festival etabliert, das die Musik der eleganten Leichtigkeit des Seins zelebriert, die Klänge der südländischen Lebenslust und des hemmungslosen Genusses. Nicht nur die auch in Deutschland inzwischen etablierten Klassiker wie ‚Barbier von Sevilla’ und ‚Cenerentola’ werden in Wildbad gespielt, sondern man bemüht sich, ein möglichst breites Spektrum abzudecken und verschiedene Facetten Rossinis zu zeigen, also auch seine hierzulande fast gänzlich ignorierten ‚tragischen’ Opern aufzuführen.

Wanderung durchs Rote Meer

Diesem Konzept entsprechend war die diesjährige Eröffnungspremiere in Wildbad der biblische Blockbuster ‚Mosè in Egitto’ (dt.: Moses in Ägypten) – Rossinis azione tragico-sacra, die er 1818 fürs Teatro San Carlo in Neapel für die Fasten-Saison komponierte (in welcher nur biblische Stoffe aufgeführt werden durften).

Dieses von gewaltigen Chorszenen durchzogene Werk enthält einige der faszinierendsten musikalischen Einfälle Rossinis überhaupt, neben dem berühmten Gebet im 3. Akt (an Gott in seinem Sternenhimmel, mit dem nach dem Weltkrieg die Mailänder Scala wiedereröffnet wurde!) vor allem der ungewöhnliche Beginn und Schluss der Oper. Am Anfang zeigt Rossini das ägyptische Volk in Dunkelheit (eine der zehn biblischen Plagen), wie es zerknirscht und verzweifelt um Licht fleht, das nach der Anrufung Gottes durch Moses mit einem musikalisch grandiosen Sonnenaufgang zurückkehrt. Am Schluss illustriert Rossini musikalisch, wie die Juden durch die Wogen des geteilten Roten Meers in die Freiheit schreiten, während kurz darauf die Ägypter in den zusammenschlagenden Wellen ertrinken. Es ist ein rein instrumentales Finale, das in der Geschichte der Oper vielleicht nur in Wagners ‚Götterdämmerung’-Schluss eine Entsprechung findet. (Wagner hat sich ja gern Ideen von anderen geliehen, die heute als seine Neuerung gelten.)

Zurück zur post-modernen Urfassung

Man hat sich in Wildbad für die sogenannte Urfassung von 1818/19 entschieden. Nicht für eine der späteren, von Rossini selbst erstellten Alternativ-Versionen, die u.a. in den letzten Jahren in Pesaro und München zu sehen waren. Das heißt: In Wildbad hört man erstmals den ‚Mosè’ mit den bei der Premiere verwendeten Arien, die nicht von Rossini selbst stammen, sondern von Michele Carafa bzw. von einem unbekannten Komponisten. Dies verdeutlicht, wie ‚post-modern’ die Arbeitsweisen der Belcantisten im frühen 19. Jahrhundert waren, dem verwandt, was später im unterhaltenden Musiktheater (Operette, Musical) fortgesetzt und bis heute Gang und Gebe ist. Von den deutschen Hütern der reinen Kunst werden solche Arbeitsteilungen zwar verteufelt, jedoch aus einem völlig engstirnigen (und falschen) Kunstverständnis heraus. Während Rossini selbst solche Arbeitsweisen als Selbstverständlichkeit akzeptierte und praktizierte.

Topniveau in Neapel 1818

Das Programm des Teatro San Carlo war 1818 das avantgardistischste von ganz Europa, das Haus verfügte über das beste Opernorchester der damaligen Welt, das musikalisch anspruchsvollste Publikum Europas und einige der besten Sänger der Zeit. Für dieses Niveau hat Rossini komponiert. Dieses Niveau kann Wildbad nur ansatzweise bieten – mit einigen herausragenden Sängern, von denen an erster Stelle der phänomenale Koloratur-Tenor mit stupender Höhe genannt sei, Filippo Adami (ein echter Konkurrent für Juan Diego Florez!). Was man insgesamt hörte, war kräftig zupackender Rossini-Gesang von Feinsten, mit jungen Stimmen, die sich in diesem Repertoire sichtlich wohl fühlen, keinerlei stilistische Probleme damit haben und die Anforderungen an die Koloraturtechnik mühelos bewältigen. Ein Bravo an alle Beteiligten!

Neben dem smart agierenden Adami als Pharaonen-Sohn Osiride beeindruckte Rossella Bevacqua als schlanke Pharaonen-Gattin Amaltea und der polnische Bass Wojtek Gierlach als König der Ägypter. Im Grunde hatte er wesentlich mehr vokale Autorität als der Darsteller des Moses: Lorenzo Regazzo.

Der Mann, der Moses sein will

Der Venezianer hat kürzlich in der Vivaldi-Serie der Firma naїve ein ansprechendes Solo-Album herausgebracht, bei dem jedoch auffiel, dass der Bass kein großer Textgestalter ist. Das beeinträchtigte auch dieses Rossini-Porträt. Es klang zu oft dumpf dröhnend und pauschal, wo man sich textliche Nuancen und eine stärkere Charakterisierung gewünscht hätte. Gerade bei einer so imposanten Figur wie dem biblischen Moses läge das nahe, und Rossini böte mit den vielen, weit ausholenden Rezitativen genug Gelegenheit zu vokal differenziertem Agieren. Trotzdem war auch die Leistung von Lorenzo Regazzo von hohem Niveau.

Soviel zu den positiven Dingen dieser Produktion. (Und eine solche Besetzung ist in der Tat allein schon Grund genug, um nach Wildbad zu pilgern.)

Der Chor bestand aus 20 (!) Studenten des Konservatoriums San Pietro a Majella in Neapel, die sich – angesichts der eher bescheidenen Zahl der Mitwirkenden – recht ordentlich schlugen und sehr attraktiv spielten. Für ein Quasi-Oratorium wie diesen ‚Mosè’ hätte man sich idealerweise jedoch einen größeren Chor gewünscht mit größerer Klangkultur. Wenigstens sangen die angereisten Neapolitaner mit dem nötigen italienischen Biss und Schmiss. Den man von einem deutschen professionellen Chor so wohl nicht hören würde.

Reutlingen trifft Rossini

Für die musikalische Begleitung griff man in Wildbad dieses Jahr auf die Württembergische Philharmonie Reutlingen zurück. Sie entledigten sich ihrer anspruchsvollen Aufgabe unter Leitung von Antonino Fogliani zupackend, aber ohne echte Brillanz – und ohne das für Rossini typische rhythmische ‚Federn’. Der Klang blieb weitgehend matt, die Geigen hatten wenig Schmelz, was besonders am Ende der Oper schmerzlich auffiel, wo Rossini die Rettung der Israeliten mit weiten Melodiebögen grandios ausmalt.

Man darf gespannt sein, wie das alles auf CD klingen wird. Denn der SWR stand mit einem Ü-Wagen vorm Theater und zeichnete alles auf. Die Aufnahme wird im nächsten Jahr bei der Firma Naxos erscheinen. Naxos hat auch gerade die Premiere des letzten Jahres herausgebracht: Meyerbeers ‚Semiramide’, mit Richard Bonynge am Pult und Deborah Riedel in der Titelrolle.

Musterhafte Zusammenarbeit

Diese Zusammenarbeit mit Naxos darf als großes Plus und als beeindruckende Leistung des Festivals gewertet werden. Denn über die CD-Veröffentlichungen wird überregional auf das Festival aufmerksam gemacht und man kann endlich diese bislang nicht eingespielten Werke in lebendigen, frischen Aufnahmen hören. Dank der Preispolitik und allgemeinen Vertriebsmöglichkeiten von Naxos sind die Titel zudem günstig und überall erhältlich, was man von den vielen anderen Belcanto-Aufnahmen (die auch existierten) nicht behaupten kann. Auch hierfür ein großes Bravo an die Verantwortlichen in Wildbad (und bei Naxos natürlich).

Halbszenisches Desaster

Nach soviel Positivem sei auch erwähnt, dass die Inszenierung des Festspiel-Intendanten Jochen Schönleber sich lediglich auf dem Niveau einer Schüleraufführung bewegt. Ein Blockbuster wie ‚Mosè’ sprengt eh die szenischen Möglichkeiten des kleinen Jugendstil-Kurhauses, das zu einem improvisierten Theatersaal umgebaut wurde. Im Programmheft ist denn auch von einer ‚halbszenischen Aufführung’ die Rede. Aber auch halbszenisch hätte man aus diesem ‚Mosè’ mehr machen können als die Ägypter in schlecht sitzende weiße Party-Anzüge zu stecken, die Israeliten in Fünfziger Jahre Retro-Kostüme und sie dann recht chaotisch über ein Metallgerüst mit zwei Treppen huschen zu lassen. Von den vielen visuellen Herausforderungen der Oper (Plage der Finsternis, Sonnenaufgang, der Blitzschlag, der Osiride tötet, Pomp und Circumstance am ägyptischen Hof, Verfolgung der Juden durch die Armee des Pharaos, Teilung des Roten Meers usw.) war nicht eine einzige überzeugend gelöst zu sehen. Lediglich eine große Leinwand im Hintergrund der Bühne leuchtete abwechselnd in Blau, Rot oder Weiß. Bei Sturm flimmert das Licht etwas. Der Blitz fiel aus. Und das geteilte Rote Meer war ein roter vertikaler Streifen mit zwei auseinander geschobenen Treppen. Zu wenig für diese Oper, finde ich.

Für die CD macht das sicher keinen Unterschied. Für die Zuschauer in Wildbad wäre es zumindest hilfreich gewesen, die Darsteller bei einer ‚halbszenischen’ Aufführung mit solchen Requisiten auszustatten, die eine genaue Zuordnung der Charaktere ermöglicht: Wer ist Jude, wer Ägypter, wer Soldat, wer Oberpriester, wer Pharao? Das wäre sinnvoller, als irgendwelche Partykostüme. Vielleicht als Hinweis fürs nächste Mal.

Impuls für Deutschland?

Diese deutsche Erstaufführung der kritischen Ausgabe der Fondazione Rossini, herausgegeben von Charles S. Brauner (bei Ricordi erschienen) verdient es, in Deutschland öfter gehört zu werden. In einer szenisch einfallsreicheren Version. Wer sich satt gesehen hat an Wagners germanischem Mythenzauber, kann sich als Regisseur nun austoben an Rossinis biblischen Plagen im alten Ägypten. Und die Musik dazu ist – himmlisch, im wahrsten Sinn des Wortes. Nicht nur das berühmte Gebet des 3. Akts.

Wegen der hier erstmals inkludierten Musik von Carafa & Co. stellt die Aufführung (und zu erwartende CD) eine interessante Alternative zu den Aufnahmen aus Pesaro und bei Philips mit Ruggiero Raimondi dar. Der für mich persönlich schönste ‚Mosè’ auf Schallplatte bleibt derweil noch immer die alte Aufnahme mit Tullio Serafin. Da klingt Rossini tatsächlich wie ein biblischer Monumentalfilm von Cecil B. DeMille. Das ist stilistisch zwar nicht ganz korrekt, aber doch sehr eindrucksvoll.


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Kritik von Dr. Kevin Clarke

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18. Rossini-Festival in Bad Wildbad: Biblischer Blockbuster ‘Mosè in Egitto’

Ort: Kurtheater,

Werke von: Gioacchino Rossini

Mitwirkende: Württembergische Philharmonie Reutlingen (Orchester), Lorenzo Regazzo (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Rossini in Wildbad

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