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Mittwoch, 17. August 2022

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Semperoper Dresden, Copyright: Tilman2007

Semperoper Dresden, © Tilman2007

Jiri Kylián Ballettabend in Dresden

Von Heimweh, Liebestod und göttlicher Schwerkraft

Wer Heimweh hat, hat seine Heimat vor sich. Als Jiri Kylián im Juni 1978 mit dem Nederlands Dans Theater in Charleston seine Choreografie „Sinfonietta“ zu den fünf Sätzen der gleichnamigen Komposition von Leos Janácek zur Uraufführung brachte, hatte er bereits seit etlichen Jahren seine tschechische Heimat verlassen.
Kylián, in Prag geboren, am dortigen Konservatorium ausgebildet, gehörte seit 1968 dem Stuttgarter Ballett unter der Leitung John Crancos an. 1973 begannen die künstlerischen Kontakte mit dem Nederlands Dans Theater, dessen Name noch immer ganz oben steht, wenn es um den zeitgenössischen Tanz auf neoklassischer Grundlage geht. Kylián wurde Chef der niederländischen Erfolgstruppe, die er bis 1999 leitete, der er weiterhin verbunden ist, und deren Stücke in den Repertoires aller bedeutenden Ballettensembles sich finden.
“Sinfonietta“ darf als die Arbeit gelten, die für Kylián und das Nederlands Dans Theater den künstlerischen Durchbruch brachte, der weit über 60, zumeist sehr erfolgreiche, Arbeiten folgten und die Namen der einmaligen Truppe mit dem des Choreographen und spirituellen Leiters zu einem der großen Begriffe in der Tanzwelt verband.

 

Heimweh im Abendlicht

 

1980 hatte der Dichter Stefan Hermlin, isoliert im östlichen deutschen Teil seiner einst von Utopien gelenkten Wahl, aus der Erfahrung intellektueller und politischer Heimatlosigkeit, seinen autobiografischen Prosazyklus von melancholischer Schönheit unter dem Titel „Abendlicht“ veröffentlicht. Dem Erinnerungsbuch stellt Hermlin einen Satz Robert Walsers voran.
“Man sah den Wegen im Abendlicht an, daß es Heimwege waren.“

Auf solche, von zumeist mildem Abendlicht beglänzten, Heimwege führt uns Jriri Kyliáns so lyrische wie spirituelle Choreografie „Sinfonietta“, die einen dreiteiligen, ihm gewidmeten Ballettabend, eröffnet. Es ist ein Abend des Abschieds und des Beginns. Mit dieser letzten Premiere der Saison verabschiedet sich nach 12 Jahren Vladimir Derevianko als Ballettchef in Dresden. Dass jetzt mit Kylián nach Ek, Forsythe, Neumeier, Scholz, Schilling und Tetley, Namen und Werke von Choreografen ersten Ranges in Dresden Standart sind, spricht für Können und Qualität des BallettDresden. Derevianko hat hohes Maß angelegt. Ihm sind beglückende und wahrhaft berauschende Abende zu verdanken, dabei sollen seine eignen, höchstindividuellen und technisch oftmals bestechenden Leistungen als außergewöhnlicher Tänzer nicht vergessen sein.
Der 36jährige Aaron Sean Watkin wird zukünftig die Dresdner Ballettgeschicke leiten und gemeinsam mit seinem Hauschoreografen David Dawson, einer größtenteils neu engagierten Truppe, von gutem Fundament aus und bei fester Verankerung des Balletts im Gestaltungsplan des Intendanten, zu anderen Ufern aufbrechen. Zunächst nimmt er etliche der Schätze des Repertoires, die sein Vorgänger zusammengetragen hat, mit in sein Boot. Kyliáns Arbeiten gehören dazu. Es schient nicht undenkbar, dass weitere hinzu kommen werden. Was nach der jüngsten Premiere nur zu wünschen ist.

Einsame Menschen vor stiller Landschaft

 

„Sinfonietta“ eröffnet einen Abend blitzenden Geistes aus den Funken des Tanzes, der Musik, des Intellekts und der Emotionen, dabei Trauer und Humor, weil es letztlich um Leben und Tod geht.
Zu Leos Janáceks Stück von 1926 mit den markigen, schmetternden Ecksätzen der Fanfaren, das sich aus Patriotismus, Trotz und vor allem Erinnerungen des damals 71jährigen Komponisten speist, und durchzogen ist von lyrischen Elementen, schuf  Kylián eine Folge von Bildern aus Aufbruch, Sehnsucht, Rückblick, Einhalt und Sturm. So beginnen Tänzer zu den Fanfarenstößen mit kräftigen, weit ausholenden Sprüngen vor einer Landschaft in Pastellfarben, die in ihren sanften, doch ständig changierenden Farben eine Mischung von Stimmungen aus Vision und Wirklichkeit assoziiert. Dann, in den folgenden Sätzen Andante, Moderato und Allegretto werden, entsprechend den musikalischen Vorgaben, bei wechselnden Stimmungen und Tempi, Paare aus Frauen und Männern, auch unterschiedliche Gruppenkonstellationen, in spannungsvolle Beziehungen treten. Beständiger Wechsel von Ruhe und Bewegung, direkter und indirekter Kontakt, Berührungen und Verweigerungen in horizontalen oder vertikalen Ausrichtungen, bestimmen die Bilder vor der Projektion einer unerreichbaren, immer unwirklicher entschwindenden oder näher kommenden Landschaft. Besonders berührend, wie immer wieder minimale Zitate folkloristischer Anklänge in den idealisierten Fluss der Bewegungen Eingang finden. Wie Pulsschläge und Lebensimpulse durchfahren solche Energieblitze aus Erinnerung und Verzweiflung die hohe Ästhetik der neoklassischen Linien.
Im abschließenden Allegro, wieder mit den so jähen wie grellen Fanfarenklängen, jetzt aber bei vollem Orchester, kommen Widerholungen aus dem ersten Bild, aber in der Drehung, und was Anfangs in den kräftigen Sprüngen der Männer in die Öffnung des Raumes, zum Zuschauer zielte, wendet sich hin zum Horizont in der Weite sich verlierender Landschaft. Zum Ausklang, in der Ruhe und im versöhnten Fluss des Atems, nimmt die Gruppe der vierzehn Tänzerinnen und Tänzer, uns hinein in ihre hochkonzentrierten Blicklinien, die  - bei uns zugewandten Rücken -  in persönliche Fernen aus Wünschen, Sehnsüchten oder Erschöpfungen führen mögen.
Leider tat sich am Premierenabend ein garstiger Graben zwischen der tänzerischen und der musikalischen Leistung auf. Nicht annähernd adäquat war die Kommunikation zwischen dem Dirigenten Christof Escher und der Staatskapelle im Graben im Vergleich zum Kommunikationsglück auf der Bühne. Selten hat man in Dresden so ruppiges Spiel vernommen.

Mit Mozart hört man mehr

 

Zwei Choreografien zu Musik von Wolfgang Amadeus Mozart folgten im zweiten Teil eines kurzen Ballettabends mit Langzeitwirkung.
“Petite Mort“ schuf  Kylián 1991 zu Mozarts 200. Todestag für die Salzburger Festspiele. Dazu, leider auch in nicht gewohntem, klanglichem Anspruch, wenig inspiriertes Gleichmaß der Staatskapelle mit dem Solisten Wolfgang Manz, in den Adagiosätzen der Klavierkonzerte A-Dur, KV 488 und C-Dur, KV 467. Schöner geht’s nicht, möchte man sagen.

Aber in dieser Arbeit über den Lebensprozess, der ein Sterbensprozess ist, die auf poetische Weise variiert, dass im Französischen der „kleine Tod“ eben auch der „Orgasmus“ und somit die Erfahrung von Beginn, Höhepunkt oder Ende einer Beziehung ist, erweist sich der Tanz als tief empfundene Korrespondenz mit Mozarts Musik, die dem Schmerz jenen Klang verleiht, der gegen den Schrecken des Lebens anklingt. Die choreographierten Beziehungsbilder für sechs Tänzerinnen und sechs Tänzer, die durch das Dresdner Ensemble beglückende Präsenz und Intensität erfahren, sind nicht frei von ironischen Brechungen. So sind Florette für Kämpfe, Spiele oder Scherze dabei, führen zuweilen sogar, angestoßen von den Tänzern, eigene Bewegungen und Figuren aus. So wie Kylián aus Mozarts Konzerten nur die Klänge der Trauer und Kontemplation nimmt, ist sein getanzter Exkurs zum Lebenstrieb, resultierend aus der Bewusstheit von Kongruenz zwischen Lebensweg und Todesweg, auch eine Zusammensetzung von Momenten des Innehaltens. Tanz und Musik, ganz schutzlos in der Sprache der Körper, können jenseits von Worten auch ohne jeden Moralisierungsverdacht ein geradezu fröhliches „memento mori“ bedeuten.

 

Mit Kilyán kommt man nach Hause

 

Zu Mozarts Sechs Tänzen lässt Kylián abschließend vier Paare aus dem Himmel auf die Erde fallen und im Kampf mit der göttlichen Mitgift Schwerkraft in fröhlichster Fantasie und in irren Kombinationen der Verhältnisse zwischen Männern, Frauen und „Megastars“, Strategien zur Überwindung irdischer Tatsachen ertanzen. Und was die Ballettfans schon immer ahnten, dass nämlich Kunst und Liebe, zumindest in Glücksmomenten, Naturgesetze außer kraft zu setzen vermögen, wurde dem jubelnden Premierenpublikum im Fluge verklickert.    
Da fiel auch ein erlösender Funke in den Orchestergraben und Mozarts kräftige Tänze klangen bei aller gewollten Kantigkeit gar nicht eckig.

Und damit hatten uns die so wunderbaren wie wunderlichen von den verzauberten Lichtern Kees Tjebbes und Joop Carboorts abendlichen Heimwege Jiri Kyliáns nirgends wo anders hingeführt als ein Stückchen weiter zu uns selbst.                                                                  

Mehr erfahren über den Autor

Kritik von Boris Michael Gruhl



Kontakt zur Redaktion


Dresden, Semperoper: BallettDresden, Premiere

Ort: Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper),

Werke von: Leos Janácek, Wolfgang Amadeus Mozart

Mitwirkende: Sächsische Staatskapelle Dresden (Orchester)

Detailinformationen zum Veranstalter Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper)

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