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Samstag, 22. Januar 2022

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Semperoper Dresden, Copyright: Tilman2007

Semperoper Dresden, © Tilman2007

„Idomeneo“ als Zwitter in Dresden

Mozart à la Strauss

Zwischen der ersten Mozart-Premieren-Schwemme diesen Jahres und dem bevorstehenden sommerlichen Mozart-Overkill der Salzburger Festspiele, hat die Dresdner Semperoper etwas Besonderes gewagt. Sie hat in ein Nebenfach der Archivkiste vergessener Opernfassungen gegriffen und Richard Strauss’ Bearbeitung von Mozarts ‘Idomeneo’ in einer konzertanten Aufführung ans Licht gebracht. Strauss hatte 1930 zusammen mit dem Schauspieler und Regisseur Lothar Wallerstein Mozarts opera seria drastisch auf etwa zwei Stunden Musik gekürzt, die verbleibenden Nummern teils umgestellt, die Partitur neu instrumentiert und selbst die Handlung in Teilen abgeändert. Die Rezitative sind von Strauss völlig neu komponiert und mit Orchesterbegleitung gestaltet, zudem gibt es einige Originalpassagen von Richard Strauss, wie ein ‚Interludio’ im zweiten Akt, das an eine Strauss’sche Tondichtung erinnert und das gänzlich neu gestaltet Finale des dritten Aktes, das seine Verwandtschaft zum Antikenpathos der zeitnah entstandenen ‘Ägyptischen Helena’ gar nicht erst zu verleugnen sucht.

Schritt zurück in die Werkstatt

Dieser sonderbare Zwitter, einst geschaffen, um das nicht mehr gespielte Werk fürs Repertoire zu retten (was denn auch für kurze Zeit tatsächlich gelang), erscheint heute in seiner dramaturgischen und ästhetischen Ausrichtung kaum mehr lebensfähig. Das konnte man schon dem Rundfunkmitschnitt der New Yorker Aufführung von 1984 entnehmen. Diese Version ist dramaturgisch dem Ideal einer Gluck’schen Reformoper näher, als Mozarts eigentlichen Absichten. Alle Brüche und Schroffheiten sind eliminiert, eingeebnet, verschwunden.

Die problematische Quellenlage, die Strauss und Wallerstein einst vorfanden, war für sie Legitimation genug, ihre Eingriffe zu rechtfertigen. Die neu geschaffenen Szenen klingen unseren - durch die kritische Mozartausgabe aufgeklärten - Ohren streckenweise mehr wie ein Potpourri aus dem Mozart’schen Material, denn wie eine eigenständige Fassung. Dazu kommt eine eigentlich romantische Orchesterbesetzung des 19. Jahrhunderts (mit 4 Hörnern) und eine - vor allem in der Dynamik - genauestens kalkulierte Klangdramaturgie, die vor allem in den plastischen Chorabschnitten deutlich bemerkbar wird. Dennoch: vergleicht man Strauss’ Arrangement mit den neueren Klangergebnissen der historischen Aufführungspraxis, so hat sein Klangkalkül nichts von der Unmittelbarkeit und Schroffheit, die das Original – beispielsweise in der Sturmmusik – auszeichnet. Wo einst für den Hörer überraschende Terrassendynamik für Effekte sorgte, steht nun ein geplantes Crescendo, wo einst die Sänger interpretatorische Freiheiten in den ‚secco Rezitativen’ hatten, sind heute auskomponierte Passagen zu hören.

Strauss und Wallerstein kümmerten sich wenig um die Regeln der klassischen Opera Seria, sondern setzten auf ein genau geplantes Verhältnis von Steigerungen, Kontrasten und Höhepunkten. Der moderne Hörer staunt über die Leichtfertigkeit, mit der da mit dem Material umgegangen wird und bewundert zugleich die dramaturgische Konsequenz, mit der dies geschieht. Der Themenfokus ist verschoben und der Gedanke an den Völkerfrieden und christliche Metaphorik durchziehen nun den deutschsprachigen Text.

Gregor Bühl gelingt es mit der Sächsischen Staatkapelle die stilistischen Brüche klangprächtig herauszustellen. Er trifft die rechte Mischung aus trockenem Klang und Vibrato, aus formaler Strenge und federndem Schwung, lässt schon in der Ouvertüre das Holz pulsieren und macht deutlich wie wichtig die Stimmbalance in Strauss’ Instrumentation für die Gesamtwirkung ist. Auffällig die Solopassagen, wie die konzertierende Violine in Idamantes erster Arie (von Kai Vogler ausdrucksstark in die Nähe von Beethovens Verwendung der Solovioline in der ‘Leonore’ gerückt). Das Solohorn brilliert mit vollem, rundem Ton, wenn es Idomeneo im Rezitativ umspielt, ein Streichquartett dialogisiert mit Chorsolisten, das Blech darf zu Beginn des dritten Aktes prächtig im kräftigen Straussklang strahlen. Auch wenn all das wenig mit unserem heutigen Mozartverständnis zu tun haben mag, so zeigt sich darin doch die bekannt effektsichere, farbige Orchesterbehandlung Strauss’, der sich damit – wie mit dem gesamten Werk - natürlich in eine Traditionslinie mit Mozart stellen wollte.

Blutarme Gesangssolisten

Die große Chorpartie dieser Fassung, die klanglich mitunter in die Nähe zu Bach’schen Passionen gerät und mit einem Chorfinale, das von Strauss ganz nach dem Modell des Zauberflöten-Finales geformt ist, endet, gehört zu den stimmlich eindrucksvollsten Momenten der Dresdner Aufführung. Vorbildlich die Stimmbalance der klar voneinander unterscheidbaren Stimmgruppen, die rhythmische Präzision und die variable Klangentfaltung.
Das Problem des Abends bestand darin, dass die Protagonisten es nicht verstanden, plastische Charaktere entstehen zu lassen. Die Stimmen lösten sich nicht, traten nicht in den Dialog mit dem Orchestersatz. Das alles wirkte zu leblos und zu einstudiert und blieb ohne jeglichen theatralischen Funken.

So hatte Britta Stallmeister (Ilia) zwar einige schöne Töne, doch ihre ‚weiße’ Stimme, blieb ohne Ausdrucksveränderungen – egal ob sie von Opfer, Liebesschwur oder Leiden sang, alles klang gleich. Dazu trug auch bei, dass sie über die Konsonanten huschte und dadurch einen akustisch verwaschenen Eindruck erzeugte. Auch Iris Vermillion (Idamantes) ließ jegliche Prägnanz der Partie vermissen. Mit leichten Intonationstrübungen, nicht immer sauberen Koloraturen und undeutlicher Artikulation blieb sie textunverständlich und wirkt zu introvertiert, um Zweifel, Leidenschaft und Opferbereitschaft des Charakters sichtbar zu machen. Robert Gambills Idomeneo pflegte zunächst einen parlandonahen, oratorienhaften Gesangsstil, der sich stilistisch auch in seinen Arien bemerkbar machte und einige enge Töne im oberen Register zu kaschieren versuchte. Die Höhe klang weder strahlend noch kräftig und wirkte mit zunehmendem Verlauf eher vorsichtig gestemmt, denn sich frei entfaltend.

Einen erfreulicheren Eindruck hinterließ Camilla Nylund als Ismene – einer Strauss’schen Abwandlung des Elettra-Charakters der Vorlage. Auch wenn sie nicht ganz an ihre sonstigen Leistungen heranreichte, so war die Stimmentfaltung ihres lyrisch fundierten Soprans mit dem bruchlosen Registerausgleich doch noch am ehesten in der Lage dramatische Akzente zu setzen und die Führungsrolle in den Ensembles zu übernehmen. Jacques-Greg Belobo (Oberpriester), Christoph Pohl (Arbaces) und Rainer Büsching (Orakel) hinterließen in ihren kleineren Partien einen äußerst positiven Eindruck, gerade auch weil sie mit vokalen Mitteln zu gestalten wussten.

Am 25 und 27. August wird die Aufführung als Gastspiel bei den Salzburger Festspielen zu erleben sein, bis dahin hat man das Werk dreimal in Dresden gegeben. Die Sänger der Hauptpartien könnten von dieser Erfahrung profitieren.

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Kritik von Uwe Schneider



Kontakt zur Redaktion


Mozart: Idomeneo (konzertant): Fassung von Wallerstein u. Strauss

Ort: Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper),

Werke von: Wolfgang Amadeus Mozart

Mitwirkende: Gregor Bühl (Dirigent), Sächsische Staatskapelle Dresden (Orchester), Britta Stallmeister (Solist Gesang), Iris Vermillion (Solist Gesang), Robert Gambill (Solist Gesang), Camilla Nylund (Solist Gesang), Jacques-Greg Belobo (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper)

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