> > > > > 03.06.2006
Samstag, 29. Januar 2022

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Semperoper Dresden, Copyright: Tilman2007

Semperoper Dresden, © Tilman2007

In Dresden kann man die „Zauberflöte“ neu sehen

Zauberhaftes Zaubertheater

Sie ist nicht ganz neu, aber ein wichtiger neuer Farbtupfer in Dresdens Theaterlandschaft. Achim Freyers poetische „Zauberflöten“-Produktion. 2002 hatte sie in Schwetzingen Premiere und wurde seit dem auch in Strasbourg und Dublin gezeigt. Der junge Berliner Regisseur Hendrik Müller, ehemaliger Assistent Freyers, hat die Produktion dabei jeweils einstudiert, so wie auch jetzt wieder in Dresden.

Mit Kinderaugen neu sehen

Es ist eine Produktion voll überbordender Fantasie. Freyers Bühne, seine Kostüme und seine Regieideen beschäftigen beständig die Sinne, ohne sie zu überfordern. Mit leichter Hand erzählt er die Geschichte von vier Kindern, dem Fürstensohn Tamino, der Königstochter Pamina, und den beiden Menschenkindern Papageno und Papagena. Es ist eine Bilderwelt und Abenteuergeschichte, die mit Kinderaugen gesehen und mit Kinderlogik erzählt wird. Aus der Plastikschlange, die Tamino verfolgt, wird von den Drei Damen kurzerhand die Luft rausgelassen, Papageno schwingt sich tarzangleich an einer Liane auf die Szene, Details der Kostüme sind überbetont, wie Brust, Po oder Beine der drei Damen, Sarastro erscheint mit Zottellöwen. Die Jagdgesellschaft, mit der Sarastro zurückkehrt, wird dann eben auch als solche in tropischer Jagdbekleidung gezeigt und posiert im Finale wie zu einem Gruppenfoto der Kolonialzeit. Die beiden Priester scheinen mit ihrer Posaune und Trommel einem Bild Hieronymus Boschs entstiegen zu sein, das wilde Stoffgetier, denen die Zauberinstrumente Einhalt gebieten, tanzen an Schnuren von oben herab, die drei Knaben haben kleine Schutzengelflügel und würfeln während der Ouvertüre erst einmal um den Ausgang von Taminos und Papagenos Liebe. Wild durcheinander scheinen die Assoziationen, die Spielereien, die fantasievollen Bebilderungen zu gehen.

Doch es gibt in dieser knallbunten Malkasten-Welt der Kinderaugen, die zwischen den drei Türen der Vernunft, der Natur (an deren hohe Türklinke niemand heranreicht) und der Weisheit spielt, einen konsequenten, mehrschichtigen dramaturgischen Überbau, der all das vor der Beliebigkeit bewahrt. Da wäre zunächst die Idee Dinge wörtlich zu nehmen bzw. bewußt mit einer semantischen Verwirrung zu agieren, wie beispielsweise das Schloss, das Papageno für seine Lüge von den drei Damen vor den Mund bekommt: hier ist es kein Vorhängeschloss, sondern die Miniatur eines Märchenschlosses, das Papageno über den Kopf gestülpt bekommt. Dieses Prinzip wiederholt sich mehrmals und knüpft damit an die direkte Komik des Volkstheaters an, aus dessen Tradition Schikaneders und Mozarts „Zauberflöte“ einst kam. Überhaupt schmuggelt Freyer immer wieder Bezüge zu den Ursprüngen der „Zauberflöte“ ein. So taucht als Requisit schon mal eine Kelle auf und verweist ganz nebenbei auf die Freimaurersymbolik des Stückes. Das ist höchst virtuos gehandhabt, ein kleines intellektuelles Spiel so ganz nebenbei.

Poetisch auch die Personenführung, die immer wieder in einer naiv-poetischen Choreographie überhöht wird. Etwa wenn es um die Liebe Taminos und Paminas geht und diese synchrone Bewegungsabläufe vollführen. Wunderbar auch die Chorführung auf der so drastisch verkleinerten Bühne. Wir erleben eine Zaubertheater-Choreographie, die sich – auch hier auf die Tradition des Werkes beziehend - auf die Ursprünge theatralischer Imagination besinnt. Zauberflöte und Glockenspiel bleiben eine poetische Idee, sie werden nicht materiell – und wenn dann nur für einen weiteren Volkstheater-Scherz, denn der schwere Glockenspiel-Kasten, den Papageno aus dem Orchestergraben auf die Bühne gewuchtet bekommt, er taugt wirklich nicht für eine Reise in Sarastros Abenteurland.

So klar wie die Welten der Königin und Sarastros mittels Farbdramaturgie getrennt sind, so deutlich wird auch, dass ihr Konflikt die Vorgänge präfiguriert. Am Schluß endet Freyers „Zauberflöte“ in den Trümmern und in der Nacht. „Es geht auch darum, dass zwei ideologische Lager aufeinanderprallen“, erläutert der für die Einstudierung verantwortliche Hendrik Müller die Idee der Produktion. „Das Stück endet im Krieg. Es ist eine Schlacht zwischen Sarastro und der Königin der Nacht. Und obwohl ein Krieg nur Verlierer kennt, haben es vier Kinder geschafft kraft ihrer Liebe diese Welt zu überwinden. Das ist die Utopie der ‚Zauberflöte’.“

Neues Dresdner Mozartensemble

An der Dresdner Semperoper, wo die „Zauberflöte“ - zur Freude der zahlreichen Touristen – zu den meistgespielten Werken des Repertoires gehört (die letzte, traditionell-klassische Inszenierung wurde 246 Mal gegeben!), stand bei der Premiere ein Ensemble aus Hauskräften auf der Bühne. Nur Annette Dasch war als Pamina ein Gast. Sie hat etwas Pech in Dresden: als sie hier vor einigen Jahren die Liú in Puccinis „Turandot“ sang, war ihre Stimme noch nicht so weit und Mozart lag ihr damals besser in der Kehle. Nun, da sie die Pamina in Dresden gibt, ist sie über diese Partie eigentlich schon hinaus. Die leichten, schwebenden Töne wollen nicht mehr mit der einstigen Leichtigkeit anspringen. Die einseitige Naivität des Tons und vor allem die Klarheit, mit der sie noch auf ihrer CD mit deutschen Barockliedern so sehr überzeugen konnte, sind einer herberen, dramatischer aufblühenden Phrasierung gewichen. Die Gänsemagd in Humperdincks „Königskindern“, die sie jüngst in München kreierte und die wesentlich dramatischer in der Anlage ist, sie bezeichnet genau den derzeitigen Entwicklungsstand ihrer Stimme. So war es für diesen Abend eine leichte Enttäuschung das große künstlerische Potential zu hören und zu bemerken, dass die Dasch inzwischen eigentlich im lyrisch-dramatischen Fach angekommen ist.

Doch der Abend hielt eine Sensation bereit: Wookyung Kims Tamino! Schon mehrmals hat der Koreaner nachhaltig auf sich aufmerksam gemacht, wie etwa in der „Macbeth“-Premiere am Spielzeitbeginn. Kim ist stilistisch und gesangstechnisch nahezu vollendet. Mit kräftigem Fundament entwickelt er lyrische Bögen, seine Stimme glänzt dabei in den schillernsten Farben. Mühelos erklimmt er die Höhe der Bildnis-Arie, mit Leichtigkeit gestaltet er die viel schwierigere Szene vor Sarastros Palast („Die Weisheitslehre dieser Knaben“), berückend seine Lyrismen und seine Zurückgenommenheit in den Szenen mit Pamina. Seine Stimme besitzt große Entfaltungskraft und die Fähigkeit zum ungekünstelten Wandel des Stils. So sehr sein Macduff oder Rodolfo die nötige italianità ausstrahlten, so unbedingt ist er als Tamino ein Mozarttenor in der besten Tradition des Fachs. Man muss schon an die ganz großen Taminos der letzten Jahrzehnte denken, um vergleichbares zu finden; an Gösta Winbergh etwa oder den jungen Francisco Araiza.

Mit Nachdruck empfahl sich auch wieder Georg Zeppenfeld, der seinen vollen, balsamisch strömenden Bass mit vorbildlicher Diktion und großer Klarheit der Stimmführung ganz in den Dienst eines mit reichhaltigen couleurs ausstatteten Sarastro stellte. Eine angenehme Überraschung war Markus Marquardt, der nach seinem etwas zu steifen Figaro zu Jahresbeginn mit dem Papageno die Agilität der Stimme und Darstellung wieder gefunden hat. Mit großer Spielfreude und ohne ins Chargieren zu geraten, präsentierte er seine liedhaften Hits vom Vogelfänger und den Weibchen, die er so gerne hätte, traf den naiv-kindlichen Naturton dabei überzeugend und zeigte zugleich seine gesangstechnische Klasse. Mit letzterer haderte hingegen Agnete Munk Rasmussen als Königin der Nacht am Premierenabend leider etwas zu sehr in ihren Koloraturen, die man nicht als intonationsrein bezeichnen möchte. Dabei ist sie als dramatischer Koloratursopran mit einer kräftigen Mittellage ausgestattet, versteht es Nachdruck aufzubauen und einen interpretatorischen Bogen über ihre beiden Arien zu legen.

Das reichhaltige Ensemble der kleineren Partien, angefangen von Christiane Hossfelds pointierter Papagena, über die beiden wirklich komischen Priester Jürgen Commichau und Timothy Oliver, die gut aufeinander abgestimmten drei Damen (Kyung-Hae Kang, Stephanie Atanasov und Christa Mayer), bis hin zu den präsenten und klangschönen Knaben des Dresdner Kreuzchors, machten den Abend zu einem großen Mozart-Abend. Da irritierte Oliver Ringelhahns ungewohnt unsicherer Monostatos, Hans-Joachim Ketelsens sprechender Sprecher und die gealterten Stimmen von Klaus König und Rolf Tomaszewski als Geharnischte nur wenig.

Sebastian Weigle entlockt der im erhöhten Orchestergraben sitzenden Sächsischen Staatskapelle und dem stimmstarken Chor des Hauses ihre bekannten Qualitäten und führt mit Stringenz (und einigen kleinen Wacklern) durch die Partitur. Ihm gelang der große, schlüssige Atem, der die Nummernoper mit ihren (hier drastisch gekürzten) Dialogen zur Einheit formt. Neue Einsichten oder gar spektakuläres hört man bei diesem routinierten Dirigat zwar nicht, dafür aber Klangschönheit, Variabilität der Tongebung und auf den Punkt gebrachte Musikdramaturgie. Und das ist sehr viel.

Was sich im Dresdner „Figaro“ bereits zaghaft andeutete, hier wird es zur Gewißheit: in Dresden entsteht wieder ein ernstzunehmendes Mozartensemble. Alte Tugenden des Zusammenspiel(en)s, des gemeinsamen Musizierens, des blinden Verständnisses untereinander, sie blitzen an diesem Abend sehr oft auf. Hier könnte in der Zukunft eine Stärke für die von Finanznöten gebeutelte Semperoper liegen. - Großer Jubel für die Interpreten und die Produktion. Der eigens angereiste Achim Freyer leitet diesen mit bescheidener Geste weiter an seinen einstiegen Assistenten Hendrik Müller.


Mozart: Die Zauberflöte (Premiere)
Munk Rasmussen (Königin der Nacht), Wookyung (Tamino), Zeppenfeld (Sarastro), Dasch (Pamina) Annette Dasch (Pamina), Georg Zeppenfeld (Sarastro) und Staatsopernchor Annette Dasch (Pamina), Wookyung Kim (Tamino)

Klicken Sie auf ein Bild von Mozart: Die Zauberflöte (Premiere), um die Fotostrecke zu starten (4 Bilder).

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Kritik von Uwe Schneider



Kontakt zur Redaktion


Mozart: Die Zauberflöte (Premiere): Insz.: A.Freyer, Dirigent: S.Weigle

Ort: Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper),

Mitwirkende: Annette Dasch (Solist Gesang), Stephanie Atanasov (Solist Gesang), Kyung-Hae Kang (Solist Gesang), Timothy Oliver (Solist Gesang), Jürgen Commichau (Solist Gesang), Christiane Hossfeld (Solist Gesang), Agnete Munk Rassumussen (Solist Gesang), Markus Marquardt (Solist Gesang), Georg Zeppenfeld (Solist Gesang), Woo-Kyung Kim (Solist Gesang), Christa Mayer (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper)

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