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Montag, 4. Dezember 2023

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Szenenfoto aus "Händel´s Factory", Copyright: Hans Jörg Michel

Szenenfoto aus "Händel´s Factory", © Hans Jörg Michel

Adriana Altaras inszeniert auf der Bühne der Opera Stabile an der Staatsoper Hamburg die Uraufführung von Johannes Harneits Musiktheater Händel’s Factory

Händel trifft auf Andy Warhol

Händel lebte exzessiv, hatte hohen Blutdruck, überlebte einen Schlaganfall. Besaß einen ungeheuerlichen Enthusiasmus, eine Begeisterung und auch eine außerordentliche ethische Fähigkeit sich den Dingen vollkommen zu widmen, weil er diese eben auch gefühlsmäßig, nicht nur technisch beherrschen wollte. Stefan Zweig porträtierte Händel in seiner Erzählung „Georg Friedrich Händels Auferstehung“ als eben diesen „Uomo universale“ der Musik, als monarchisch barocker Komponist und zugleich, in einem modernen Sinn, als einen transnationalen Gesamtkünstler. „Sternstunden der Menschheit“ nannte Stefan Zweig seine Sammlung von essayistischen Lebensbildern, in der er nicht nur Händel, sondern auch andere ihm wichtige europäische Geistesgrößen porträtierte. 

1741 stand Händel, wie schon öfters, am Rand des Bankrotts und war auch gesundheitlich angeschlagen. Da bekam er das Libretto des „Messias“, das er in einem magischen Schaffensrausch, innerhalb weniger Wochen komponiert haben soll. In Zweigs idealisierter Auslegung genas der Komponist durch die Arbeit am „Messias“. Vieles davon ist Legende. Christoph Klimke hat in seinem Libretto mit Raffinesse Stefan Zweigs Essay auf seine Essenz eingedampft und szenisch umgesetzt. Neu hinzu kam, um Händels Wirken irgendwie mit der Moderne zu verbinden, die wenig überzeugende Verbindung zur Pop-Art-Ikone Andy Warhol, der abgesehen von seiner Geschäftstüchtigkeit angeblich ähnlich wie Händel auf der Suche nach Freiheit und Unabhängigkeit war. 

Bazon Brocks Feststellung, dass das Theater als „Nachstellung der grundsätzlichen Konfrontation des Menschen mit dem, was die Welt als Echoraum konstituiert“, fungieren kann und das eben genau das den Reiz einer Theateraufführung ausmacht. Johannes Harneit gehört zu den Komponisten, die die Augen vor der Realität nicht verschließen und sich nicht an der Hoffnung festhalten, man müsse Neues nur oft genug anbieten und engagiert dafür werben, dann werde das träge Publikum schon dafür zu gewinnen sein. Das Neue seiner Werke resultiert nicht notgedrungen aus der Avanciertheit der Stilmittel, sondern aus neuen Sichtweisen, wie sein neues Werk, „Händel’s Factory“ eindrucksvoll beweist.

Harneit hat sich akribisch mit der Musik Händels auseinandergesetzt und wählte eine Kompositionstechnik, die man in der Literatur „Überschreibung“ nennt. „Die Farben und Aggregatzustände der Musik folgen“, so beschreibt es Harneit, „den szenischen Verläufen. Wir hören auch Proben von Musik, unfertige Stücke, Änderungen während des Komponierens, Träume und Visionen.“  Konkret bedeutet das, dass die Komposition fast nur aus Zitaten von Händels Musik besteht. Johannes Harneit arbeitet dabei mit radikalen Streichungen. Was von Händels Kompositionen übrigbleibt, ist ein musikalischer Dialog von Ausschnitten, deren Herkunft noch erkannt werden kann, aber innerhalb des kompositorischen Systems von Harneit in einem neuen Kontext erklingen und natürlich auch bearbeitet wurden. Die klangliche Reduzierung auf Trompete, Horn, Fagott, Cembalo und Streichquintett bietet zudem neue Klangeindrücke. 

Regisseurin Adriana Altaras schien sich bewusst zu sein, dass diese komplexe Kurzoper nicht logisch aufzuschlüsseln ist, und formte aus der Vielfalt der Szenen eine Parabel über die Problematik des Lebens Händels in einer von Äußerlichkeiten und Kommerz bestimmten Welt. Dass dies gelingen konnte, lag auch an der überzeugenden Besetzung. Händel als dauergestresster, mürrischer Workaholic ist natürlich für Gustav-Peter Wöhler eine Paraderolle, der – wenn er halb entblößt und mit verstrubbeltem Haar ohne Perücke der Not gehorchend in die Badewanne mit dem heilenden Schwefelwasser steigt – allen Geniekult vergessen macht. Schauspieler Andreas Seifert gab einen exzellent agierenden und singenden Sekretär Johann Christoph Schmidt, der am Ende zumindest darstellerisch überzeugend zu Andy Warhol mutierte. Die Bühne (Georg & Paul) ist auf das Wesentliche reduziert: Eine lange, zu Beginn üppig gedeckte Tafel ist der einzige Einrichtungsgegenstand auf der Bühne der Opera Stabile. Man kann sie auseinanderziehen, wodurch eine Badewanne wohl als Anspielung auf den Kuraufenthalt Händels in Aachen erscheint. Gabriele Rossmanith (Sopran), Celine Mun (Alt), Ida Aldrian (Tenor) und die beiden Mitglieder des internationalen Opernstudios Aaron Godfrey-Mayes (Bariton) und Grzegorz Pelutis (Bariton), die nicht fest definierte Personen aus dem Umfeld Händels und Warhols darstellten, überzeugten ohne Abstriche. Johannes Harneit dirigierte vom Cembalo aus das hellwache Projektensemble, das aus Mitgliedern des philharmonischen Staatsorchesters Hamburg bestand.

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Kritik von Michael Pitz-Grewenig

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