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Samstag, 4. Februar 2023

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Münchner Philharmoniker / Krzysztof Urbański, Copyright: Sebastian Widmann

Münchner Philharmoniker / Krzysztof Urbański, © Sebastian Widmann

Die Münchner Philharmoniker mit Krzysztof Urbański

Ausgestellte Klangfarben

Spricht man dieser Tage über die Münchner Philharmoniker, kommt man nicht um die aktuelle Diskussion über die Nachfolge von Valery Gergiev herum, die derzeit – nicht nur die Münchner – Feuilletonseiten füllt. Krzysztof Urbański ist nach seinem Weggang aus Indianapolis 2021, wie man im Fußball-Jargon sagen würde, momentan „vereinslos“, hätte also Zeit, soll aber, nach allem, was kolportiert wird, die Nase im Rennen um den Chefposten unter den gehandelten Kandidaten eher nicht vorn haben. Ungeachtet jeglicher Spekulationen stand er in dieser Woche bei den Philharmonikern bei gleich vier Konzerten in der Isarphilharmonie am Pult.  

Eigene Ideen

Zu den großen romantischen Schlachtschiffen der Geigenliteratur gehört Tschaikowskys Violinkonzert D-Dur op. 35. Die Geschichte vom vernichtenden Verriss Eduard Hanslicks anlässlich der Uraufführung wird immer wieder gern erzählt, am Siegeszug des Werkes konnte sie bekanntlich nichts ändern. Nemanja Radulovic nähert sich Tschaikowsky, um es neutral zu formulieren, auf ganz eigene Art. Das beginnt schon mit äußert zurückhaltendem Tempo, auch in seiner teils recht eigenwilligen Phrasierung gestattet er sich einiges, was nicht in der Partitur steht. Im Kopfsatz führt das mitunter zu einer Art metrischem Ziehharmonika-Effekt und wandelt gelegentlich am Grat zur Crossover-Lesart. Wie immer man dazu stehen mag, genaue Vorstellungen kann man Radulovic jedenfalls nicht absprechen, die Freiheiten, die er sich nimmt, wirken definitiv durchdacht. Seine extravagante Spielweise und charismatische Bühnenpräsenz ziehen das Publikum spürbar in den Bann, vereinzelte Intonationsfehler sind geschenkt. Im langsamen Satz wählt er stellenweise einen so dünnen Ton und packt die Kantilenen in derart zärtliche Watte, dass sie sich fast schon verflüchtigen. Der lyrisch-elegische Charakter der „Canzonetta“ kommt dadurch und durch einige zu liebliche Ausschmückungen insgesamt zu kurz. Das romantisch gewogene Gewicht wird hier zu leicht befunden, das fragile Satzgebilde kommt zu selten aus der emotionalen Deckung.  Im Schlusssatz springt der temperamentvolle Funke dagegen über, auch wenn das Legato dem folkloristischen Seitenthema nicht unbedingt gut bekommt. Die dynamische Schippe, die man sich vorher schon öfter gewünscht hätte, wird hier obendrauf gelegt. Die Philharmoniker tragen Radulovics Interpretationsansatz klanglich ausbalanciert mit, ohne die eigene Identität preiszugeben. Beim Publikum kommt Radulovics nonkonformistische Attitüde jedenfalls gut an, für den Jubel bedankt er sich mit einem der Zugaben-Klassiker schlechthin: In Paganinis 24. Caprice spielt er die Technik, über die er zweifellos verfügt, mit gewinnender Virtuosität aus.

Suggestive Vorstellungskraft

Mussorgskys „Bilder einer Ausstellung“ in der gängigen 1922er-Orchestrierung von Maurice Ravel eignen sich für jedes Orchester prächtig, um seinerseits den eigenen Klangfarbenreichtum auszustellen. Und das gelingt unter Urbański gut. Mit leuchtendem Blech betritt man die Schau in der einleitenden Promenade. Etwas giftiger könnte der Gnom porträtiert werden. Die zweite Promenade durchzieht ein fein durchmischter Holz-Blechsatz. Auf das „Alte Schloss“ richtet sich der Blick mit geheimnisumwitterter Streicherspannung. Der „Bydlo“ bewegt sich mit pathetischer Schwere und – im positiven Sinn – dick aufgetragenen, voluminösen Streicherfarben. Etwas schärfer dürften die Akzentspitzen im „Ballett der Küken in ihren Eierschalen“ gesetzt sein. Die Solo-Trompete kann sich im Zwiegespräch der beiden Juden auszeichnen, das bunte Treiben auf dem Markt von Limoges hat quirligen Drive. Breitwandiges Blech veredelt den Gang durch die Katakomben, auf klanglich bombastischen Füßen steht die „Hütte der Baba Jaga“, das „Große Tor von Kiew“ erstrahlt in erhabener, dynamisch hervorragend gesteigerter Größe. Nur wenige der von Mussorgsky programmatisch in Bezug genommenen Bilder Viktor Hartmanns sind überliefert. Wo die Originalvorlage fehlt, sorgen Urbański und die Philharmoniker für die suggestive Vorstellungskraft.

Wegweisende Wochen?

Das alles ist umso bemerkenswerter in Anbetracht des gewaltigen Pensums, das die Philharmoniker und Urbański in dieser Woche absolviert haben – mit Mahlers „Vierter“ und Schostakowitschs „Sechste“ standen zwei weitere dicke Repertoire-Brocken auf dem Programm. Das muss man im Rahmen der limitierten Probezeit erst einmal so schaffen, so dass man – ungeachtet aller Spekulationen und solange noch alles offen ist – zumindest sagen kann: Eine schlechte Wahl wäre Urbański sicherlich nicht. Zwei Auftritte in Madrid in der kommenden Woche folgen, Im Februar kommt dann als nächstes Lorenzo Viotti. Auch der gilt als potentieller Kandidat.

Kritik von Oliver Bernhardt

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