> > > > > 09.01.2023
Samstag, 4. Februar 2023

DSO in der Philharmonie Berlin (Archivbild), Copyright: Kai Bienert

DSO in der Philharmonie Berlin (Archivbild), © Kai Bienert

Stéphane Denève dirigiert das DSO Berlin

Klangvisionen von Lovecraft bis La valse

Ein Konzert der „Bilder und Visionen“ verspricht das Programmheft – und das trifft die Musikauswahl dieses Auftritts des Deutschen Symphonie-Orchesters in der Berliner Philharmonie ziemlich gut. Gastdirigent Stéphane Denève hat sich vier Kompositionen ausgesucht, die auf jeweils eigene Weise Bildwelten im Kopf des Zuhörers entstehen lassen. Und erfreulicherweise präsentiert Denève dabei nicht nur überbekannte Titel wie „La mer“ von Debussy und „La valse“ von Ravel als die ultimative Walzerevokation, die in den Abgrund taumelt. Nein, neben diesen weltberühmten Werken erklingt auch als Einleitung „Céléphaïs“ von Guillaume Connesson (geboren 1970), ein Stück aus seinen „Les citès de Lovecraft“, also eine klangliche Ausgestaltung der Fantasy-Welt von H. P. Lovecraft. Dessen „Traumsuche nach dem unbekannten Kadath“ handelt von einer mystischen Stadt in einem von zahllosen Traumländern, und Connesson versucht, mit Fanfaren und Akkordschlägen „die kultische Majestät des rosenkristallenen Tempels der 70 Wonnen“ einzufangen, ebenso die „feierliche Prozession der 80 orchideenbekränzten Priester des Türkis-Heiligtums“.

Ob ihm das gelungen ist, darüber können Lovecraft-Fans streiten. Die 2017 uraufgeführte Musik hat dezente Anklänge an John Williams, ohne dessen Opulenz und melodische Eingängigkeit zu erreichen. (Obwohl man immer wieder gleißende Geigenpassagen hört, die wie das Versprechen einer großen Melodie klingen, ein Versprechen, das dann aber nie eingelöst wird.) Es ist auf jeden Fall ein spannendes Kompositionsexperiment, dem man sich gern hingibt. Und wo orchestral in 15 Minuten so viel passiert, dass man vollauf beschäftigt ist, den verschiedenen Instrumentaleffekten an allen Enden des Podiums hinterherzulauschen. Das DSO kniet sich hier mit maximaler Leidenschaft rein. Es gibt tosenden Applaus.

Mit maximaler Leidenschaft wird auch Karol Szymanowskis 2. Violinkonzert (1932/33) dargeboten, in dem er verschiedene Melodien und Tänze eingearbeitet hat, die er im südpolnischen Bergland gefunden hat. Nicola Benedetti spielt diese teils herbe Musik bewusst „rau“ und „knarzig“, als wäre sie eine Fidlerin auf dem Dach, nur um dann im nächsten Atemzug mit schmelzend schönen Melismen zu verzaubern. Es war eine interessante Hörerfahrung, dieses wenig bekannte Stück von Szymanowski so leidenschaftlich vorgetragen zu erleben. Als Zugange spielte Benedetti so etwas wie eine schottische Fantasie, die recht einfach wirkte und auf berührend eingängige Weise als Soundtrack zu Serien wie „Outlander“ passen könnte: So, als würden sich Jamie Fraser und Claire auf den Highlands treffen und in die Ferne schauen.

Denève dirigierte mit großen Gesten, denen Klänge gegenüberstanden, die nicht unbedingt zu diesen Gesten passten. Was seltsam zu beobachten war. Als er nach der Pause mit Debussy und Ravel zu Werken kam, bei denen sich Vergleiche zu berühmten Vorgängerinterpretationen unmittelbarer aufdrängen, fiel mir auf, dass er es nicht schaffte, für diese Stücke eine jeweils individuelle Klangfarbe zu finden. Und dass er nie versuchte, wirklich leise Töne anzuschlagen, die das Kopfkino kitzeln, statt gleich mit dem Holzhammer draufzuschlagen. Debussys Meeresrauschen war bei ihm ohne Flirren, ohne Magie. Und im letzten Satz („Dialog von Wind und Meer“) schaffte er es vor lauter Klangwogen nicht, die süchtig machende Melodie, die Debussy hier einwebt, mit all ihrer hypnotischen Glorie herauszuarbeiten. Sie ertrank, könnte man sagen. (Auch wenn die Solo-Oboe sich ihren „Moment“ natürlich nicht nehmen ließ, um zu brillieren.)

Bei Ravel als Rausschmeißer war Denève dann nach anderthalb Minuten bei einem Lautstärkelevel, bei dem ich mich fragte, wie da noch irgendeine Steigerung möglich sein soll. Die scharfen Kontraste, die Ravel komponiert, ließ er nicht als gespenstische Welt-von-gestern auferstehen, sondern servierte sie reichlich unnuanciert. Mich hat das extrem irritiert. Auch, dass dann der bis in den manischen Exzess gesteigerte Schluss unterging in einer pauschalisierten Phonstärkenorgie, die keine Zuspitzung mehr erlaubte.

Natürlich krachte es trotzdem gewaltig. Dafür sorgt Ravel schon selbst. Und natürlich gab es zwischendurch Klangeffekte, die auch Denève nicht kaputt kriegt. Aber: Hier haben andere Dirigenten schon zu oft gezeigt, dass man aus dem Stück mehr herausholen kann. Das Publikum spendete dennoch beeindruckten Applaus. Ein Fortissimo-Knall des DSO ist halt ein Fortissimo-Knall des DSO. Der verfehlt seine Wirkung nicht.

Mich persönlich hat das Dirigat enttäuscht, nicht weil irgendetwas „falsch“ gewesen wäre, sondern weil jeder Anflug des Außergewöhnlichen fehlte. Und das ist schade, denn die Titelkombination war außergewöhnlich, das Orchester spielte mit Gusto. Nur fehlte (mir) unter der Leitung von Denève all das, was bei Konzerten mit Ticciati Selbstverständlichkeit ist: dass die Musik einen Zauber bekommt. Einen Zauber, der auch Lovecraft/Connesson gut stehen würde.

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Kritik von Dr. Kevin Clarke

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