> > > > > 22.01.2023
Samstag, 4. Februar 2023

Lady Macbeth von Mzensk an der Staatsoper Hamburg, Copyright: Monika Rittershaus

Lady Macbeth von Mzensk an der Staatsoper Hamburg, © Monika Rittershaus

Premiere von Schostakowitsch-Oper in Hamburg

Schmutzfrei

So viel harmlose Werktreue ist selten: In Angelina Nikonovas Inszenierung von Dmitri Schostakowitschs (1906-1975) Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ an der Staatsoper Hamburg lassen sich die Abweichungen vom Libretto an einer Hand abzählen. Wenn Katerina Lwowna Ismailowa singt, sie sei über einen Sack gestolpert, zeigt sie auf einen Sack, der auf dem Boden liegt. Wenn ihr Schwiegervater Sinowji Borissowitsch Ismailow ein Pilzgericht essen will, wird es ihm gebracht. Selbst der Tod durch Ertrinken von Katerina und Sonjetka am Schluss wird 1:1 eingehalten, hier allerdings nicht an einem Fluss, sondern gleich im Eismeer, wo die letzte Hoffnung stirbt. Unterstrichen wird der Realismusanspruch nicht nur durch die Kostüme, sondern auch durch die den gesamten Bühnenhintergrund einnehmende Videoprojektion, die das Gutsgelände der Ismailows zeigt (im ersten Akt fällt alle fünf Minuten eine Sternschnuppe beschaulich vom Himmel).

Einzig das hochkant auf einem freien Podest platzierte Ehebett steht quer zum Eindruck der Mimesis. Die versuchte Vergewaltigung der Köchin Aksinja wird durch ein riesiges Glas mit Sauerkraut ersetzt, in das sie Sergej und die anderen Arbeiter hineinstopfen. Kommt noch das seltsam in die Länge gezogene hinzugefügte Gebet des Popen, das dieser im donnernden Gewitter für die beiden Ermordeten Sinowji und Boris spricht. Warum es hinzugefügt wurde, mag sich nicht recht erschließen. Um diesen beiden Zerrbildern von Figuren ein Stück Menschlichkeit zurückzugeben? Um die im stalinistischen Russland unterdrückte Religion wieder ins Stück zu holen? Allerdings sind in Schostakowitschs tief satirischer zweiter Oper bis auf Katerina sämtliche Figuren bloße Parodien, auch der Pope. Warum also extra für sie beten? Für eine politische Deutung im Rahmen des Ukraine-Kriegs gibt es ebenfalls keine Hinweise.

Ansonsten aber wirkt fast alles so, als habe die Filmregisseurin Nikonova einfach nur das ‚Drehbuch‘ umgesetzt. Vielleicht steht auch der Gedanke einer überzeitlichen Bühnendeutung dahinter, frei von der Rezeptionsgeschichte des Werkes und sonstigen Implikationen? Frei ist diese irritierend unauffällige Inszenierung aber auch vom Schmutz des alten zaristischen Russlands und der Drastik des Sujets. Die Ratten unterm Haus sind nicht mehr als Schatten.

So oder so bleibt durch diese Zurücknahme des Regie-Elements umso mehr Platz für Schostakowitschs wahnsinnig grandiose Musik, die auf diese Weise zum eigentlichen Hauptdarsteller wird. Falls dies also die Absicht war, dann Hut ab. Denn allen voran Kent Nagano und das Philharmonische Staatsorchester Hamburg bringen diese unglaublich reiche Musik auf eine durchsichtige Weise zum Erklingen, die zugleich nichts an Wucht und Schärfe einbüßt, sodass vor allem die vielen ins Moderne übertragenen kontrapunktischen Techniken beispielhaft zum Vorschein gelangen. Somit bieten sich dem Gesangsensemble ideale Bedingungen, die dann auch voll ausgeschöpft werden. In der Titelpartie glänzt Camilly Nylund mit herb aufblühendem Sopran, die es schafft, den Spagat aus Opfer und Täterin spielend zu vollziehen. Herrlich fies ist Vincent Wolfsteiners Boris, der mit gesanglich wuchtigem Nachdruck in der Rolle des Schurken aufgeht. Auf einer Höhe mit Nylund ist Dmitry Golovins Sergej, der für die Rolle des jungen proletarischen Liebhabers eigentlich etwas zu alt ist, gesanglich und darstellerisch aber alle Zweifel verstreut. Auch die vielen kleinen Nebenrollen unter anderem in Gestalt von Tigran Martirossian als Pope, Karl Huml als Polizeichef oder Ayk Martirossian als alter Zwangsarbeiter wissen zu überzeugen.

Wer die Lady von Macbeth live erleben will, sollte allein wegen der Musik schon den Besuch wagen. Die Inszenierung stört nicht wirklich, sie sticht aber eben auch nicht hervor. Viel Jubel gab es am Premierenabend für Sänger, Dirigent und Orchester. Die Reaktionen für die Regie fielen gemischt aus, wobei der Beifall die wenigen Buhrufe doch klar überwog.

Mehr erfahren über den Autor

Kritik von Dr. Aron Sayed

Kontakt aufnehmen mit dem Autor

Kontakt zur Redaktion

Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel.

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.


Magazine zum Downloaden

Class aktuell (3/2022) herunterladen (5000 KByte) NOTE 1 - Mitteilungen (2/2023) herunterladen (5000 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Der Pianist Herbert Schuch im Gespräch mit klassik.com.

"Bei der großen Musik ist es eine Frage auf Leben und Tod."
Der Pianist Herbert Schuch im Gespräch mit klassik.com.

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich