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Samstag, 4. Februar 2023

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Leonidas Kavakos, Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, Herbert Blomstedt, Copyright: Astrid Ackermann

Leonidas Kavakos, Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, Herbert Blomstedt, © Astrid Ackermann

Das BRSO und Herbert Blomstedt

Wenn Bruckner'sche Länge zu kurz ist

Mit Leonidas Kavakos verbindet das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks eine langjährige künstlerische Freundschaft, in der Saison 20218/2019 war er dort u.a. Artits in Residence. Bereits seit 2005 arbeitet das BRSO auch mit Herbert Blomstedt zusammen, für zwei Konzerte steht er in dieser Woche am Pult – beide Male ist der Herkulessaal restlos ausverkauft.

Zu hohe Anspannung

Romantisches Repertoire, aus dem das Programm ausschließlich besteht, gehört zu den Kernkompetenzen des (jawohl, richtig gelesen) 95-Jährigen. Exquisite Holzbläser- und Streicherfarben bieten er und das BRSO in Mendelssohns e-Moll-Violinkonzert op. 64 denn auch an, die sich allerdings leider nicht recht mit dem Solopart vermischen wollen. Zu nervös wirkt Kavakos nicht nur beim ersten Einsatz, mit dem Mendelssohn als einer von vielen formalen Innovationen solistisch gleich direkt „in medias res“ geht. Zu hohe Anspannung merkt man seinem Spiel auch im weiteren Verlauf an, zu starker Bogendruck steht als Folge dynamischer Flexibilität im Weg. Auch das Vibrato ist wenig variabel – ein Merkmal, das seinem Spiel generell anhaftet. Dazu kommen gelegentliche technische Unsauberkeiten und vereinzelte Intonationsprobleme. All das führt dazu, dass der Violinstimme zu oft die Bindung zum Orchester fehlt, teils auch zu unrund koordinierten Tempi. Im Mittelsatz finden beide Seiten zumindest streckenweise eine gemeinsame kantable Linie. Die tänzerisch-virtuose Leichtigkeit des Schlusssatzes vermittelt Kavakos nur bedingt, zu selten wirkt sein Spiel wirklich ungezwungen und frei. Die Bach-Zugabe mit bewusst wenig Vibrato zu spielen, ist stilistisch schlüssig, auch hier wird der musikalische Fluss aber stellenweise etwas ausgebremst.

Klare Handschrift

Ganz anders in Bruckners Symphonie Nr. 4 Es-Dur WAB 104. Abgesehen von einem einzigen leicht verrutschten Tonansatz überzeugt Solo-Hornist Carsten Carey Duffin wie gewohnt im großen Solo zu Beginn. Kurz darauf rollt schon die erste massive Klangwelle an, schon hier wird klar: Der Altmeister hat, auch wenn mittlerweile sitzend und mit relativ sparsamer Gestik, nichts verlernt. Egal, wie oft er Bruckners „Vierte“ schon dirigiert hat, Steigerungen und Crescendi sind jederzeit spannungsreich angelegt. Billig erhaschte, unüberlegt dosierte Knalleffekte hatte sein unprätentiöses Dirigat noch nie nötig. Auch mit minimalen Gesten trägt seine Leitung eine klare Handschrift. Selbst unter den akustischen Gegebenheiten des Herkulessaals schafft es Blomstedt, dass man nie das Gefühl hat, an einem klangdimensionierten Mangel zu leiden. Wohl dem, der dazu noch einen so charismatischen Taktgeber wie Raymond Curfs an den Pauken hat. Selten leuchtet der zweite Satz in so prachtvollen Streicherfarben, großartig auch der wechselweise Pizzicato-Dialog zwischen ersten und zweiten Violinen. Das können so atemberaubend expressiv nicht allzu viele. Mariss Jansons, der dieser Tage seinen 80. Geburtstag gefeiert hätte, hat das auch beherrscht. Das „Scherzo“ hat Ecken und Kanten, ein bisschen zugespitzter könnte das Blech akzentuieren. Ansonsten steht auch das lupenrein ausphrasierte „Trio“ (wiederum exzellente Hörner) für feinste Durchhörbarkeit der Partitur, alle musikalischen Zusammenhänge werden völlig klar. Erst die „Neunte“ ist eigentlich dem lieben Gott gewidmet – schon hier hört man aber fast andächtig zu. Und wenn man, wie der Autor, die „Vierte“ schon mehrfach von Blomstedt gehört hat, muss man klar feststellen: Eine solche Interpretation gelingt nicht mit jedem Orchester so wie mit dem BRSO. Romantischer kann man die „Romantische“ kaum hören, die stehenden Ovationen sind völlig angebracht. An solchen Abenden empfindet man sogar eine Bruckner-Sinfonie als zu kurz!

Kritik von Oliver Bernhardt

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