> > > > > 31.12.2022
Samstag, 4. Februar 2023

Konzerthaus Wien, Copyright: Rupert Steiner

Konzerthaus Wien, © Rupert Steiner

Beethovens Neunte mit den Wiener Symphonikern unter Klaus Mäkelä

Zündende Götterfunken

Würde man alle Konzerte zusammenzählen, in denen weltweit zum Jahreswechsel Beethovens „Neunte“ erklingt, man käme auf eine beträchtliche Anzahl. Auch die Wiener Symphoniker pflegen seit bald 50 Jahren diese – andernorts teils noch deutlich ältere – Tradition, Erich Leinsdorf hatte sie seinerzeit aus der Taufe gehoben. Die weite Verbreitung als Silvester-Klassiker verdankt das Werk der hoffnungsvoll-völkerverständigenden Botschaft des Schlusschors. Eigentlich hätte Klaus Mäkelä ursprünglich schon Anfang Dezember 2021 am Pult der Symphoniker debütieren sollen, die Pandemie machte damals einen Strich durch die Rechnung. Diese Premiere wurde nun nachgeholt.

Anhaltende Spannung

Nicht jedem wird die Ehre zuteil, seinen Einstand in so illustrem Rahmen zu geben. Ein Geheimtipp ist Mäkelä dabei schon längst nicht mehr, seine Ausnahmefähigkeiten hat er international hinlänglich unter Beweis gestellt, trotzdem gilt er noch immer als Shootingstar der Dirigierszene. Erst kürzlich gab er in New York sein USA-Debüt, auch im Wiener Konzerthaus konnte der designierte Leiter des Concertgebouworkest in diesem Jahr schon mit einem hoch gelobten Sibelius-Zyklus als aktueller Chef des Oslo Philharmonic glänzen. Das mit derlei Vorschusslorbeeren bedachte musikalische Versprechen löst Mäkelä ein: Schon zu Beginn wirken gewaltige musikalische Kräfte, die ersten Fortissimo-Achtel setzen geballte musikalische Energien frei, und auch wenn die Feinabstimmung der Instrumentengruppen im Kopfsatz noch nicht in allen Passagen sitzt: Das „Stop and Go“ von Pausen und Ritardandi setzt Mäkelä unter musikalisch anhaltende Spannung. Holzbläserkonturen, wie in der Konversation zwischen Oboe und Fagott, haben scharfe Proportionen, ebenso die Polyphonie der Doppel-Fuge. Ab dem zweiten Satz greift auch die gesamte Stimmführung besser ineinander, das unruhige Viertel-Staccato zu Anfang des „Molto vivace“ setzt schlagkräftige Akzente, die Generalpausen atmungsaktive Zäsuren. Die gesanglichen Bögen des dritten Satzes spannt Mäkelä expressiv, hier hat man allerdings das Gefühl, dass es den Symphonikern nicht gelingt, alle dynamischen und klanglichen Facetten, die er herauszuholen versucht, umzusetzen. Die Dreiviertel-Pizzicato-Impulse kommen nicht immer ganz genau auf die Zählzeit.

Solistische Debüts

Der „Presto-Beginn“ des Schlusssatzes hat erhabene Tutti-Größe, das „Ode-Thema“ zunächst voluminöses Bass-Timbre, im weiteren Verlauf wird es instrumental farbreich aufgefächert. Der kernige, exzellente Bass von Shenyang lässt mit hoher Wortverständlichkeit keinen Zweifel am Nachdruck der Friedens- und Versöhnungsbotschaft, er und Tuomas Katalaja (Tenor), beide mit Konzerthaus-Debüts, ragen unter den Singstimmen heraus. Die solistische Interaktion, auch mit Chen Reiss (Sopran) und Hanna Hipp (Mezzo/ebenfalls mit Debüt), gelingt ungetrübt. Gut aufgelegt ist auch die (von Heinz Ferlesch einstudierte) Wiener Singakademie. Mäkelä behält im Fugato und der perkussiv aufgeladenen Hochgeschwindigkeits-Stretta jederzeit die Übersicht über das komplexe Ganze von Beethovens beim egal wievielten Hören immer wieder staunenswert zukunftsweisender Partitur. Diese Götterfunken zünden schon vor dem allgemeinen Feuerwerk! Zu hören in gleicher Besetzung noch einmal am Neujahrsabend.

Kritik von Oliver Bernhardt

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