> > > > > 30.12.2022
Samstag, 4. Februar 2023

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Szenenfoto, Copyright: Barbara Palffy

Szenenfoto, © Barbara Palffy

La Bohème an der Volksoper Wien

Zeitlose Überzeugungskraft

1984 hatte Harry Kupfers Inszenierung von Puccinis „La Bohème“ an der Volksoper Wien Premiere, zum 168. Mal ging sie dort zum Jahresende über die Bühne. Mittlerweile gilt sie schon als legendär, genau wie sein 1988er-“Ring“ in Bayreuth. Kupfer gehört noch zu jenen Regie-Vertretern, die sich dem realistischen Musiktheater verpflichtet fühlten, eine abstrakt-verklausulierte, chiffrierte Bildersprache war seine Sache nicht. Ihm ging es um die Erzählung der Geschichte im Kontext der Partitur und um die präzise Charakterisierung der Figuren. Das Setting ist dementsprechend den Originalschauplätzen und -situationen nachempfunden, an der detailreichen und geschmackvollen, in ihrer Ästhetik im zweiten Bild an Zeffirelli erinnernden Ausstattung ändert sich auch in der Neueinstudierung nichts.

Umbesetzungsreigen

Die aktuell an so gut wie allen Häusern grassierende Erkrankungswelle macht auch vor der Volksoper nicht halt, gleich mit drei kurzfristigen Ausfällen tragender Rollen muss diese Aufführung klarkommen. Nicht singen kann die Partie der Mimì Anett Fritsch, erst am Nachmittag desselben Tages ist Rebecca Nelsen (die die Rolle am Haus allerdings schon gesungen hat) als Vertretung in Wien angekommen. Passen muss als etatmäßiger Rodolfo auch Giorgio Berrugi, ihn vertritt bei seinem Rollendebüt Jason Kim. Auf der Bühne agiert als Marcello zwar Andrei Bondarenko – allerdings nur szenisch, seine Stimme versagt krankheitsbedingt den Dienst. Gesungen wird diese Partie aus dem Graben heraus von Orhan Yildiz, der damit nicht nur sein unverhofftes, eigentlich erst für Ende Januar als Conte Almaviva in Mozarts „Figaro“ geplantes Debüt an der Volksoper gibt, sondern gleichzeitig unter den Sängern des Abends herausragt. Nicht nur stimmlich hätte man sich ihn auf die Bühne gewünscht, sondern auch, weil Bondarenko (vermutlich ebenfalls aufgrund seiner Indisposition) darstellerisch äußerst verhalten und damit wenig glaubwürdig agiert. Jason Kims tenorales Timbre wirkt stellenweise etwas gepresst, anfänglich teils fehlende voluminöse Durchschlagskraft stellt sich nach der Pause ein. Rebecca Nelsen kann ob ihres Einspringens quasi aus dem Stand als Mimì weitgehend überzeugen, ein wenig fehlt ihren Spitzentönen die Strahlkraft. Alles in allem solide Leistungen liefern Pablo Santa Cruz als Schaunard und Aaron Pendleton als Colline ab.

Bestens synchronisiert

Der Star des Abends ist neben Orhan Yildiz aber das Orchester. Unter Leitung von Carlo Goldstein rollt es einen bildlich gesprochen roten, exquisiten Klangteppich aus und lässt Puccinis Partitur in all ihren Farben leuchten. Ein rhythmisch und dynamisch zupackendes, plastisches Klangbild, das jederzeit bestens mit den Sängern synchronisiert ist, sorgt – ob mit von luftig-leichter Hand kolorierter bohèmer Leichtigkeit oder tragischem Pathos – für in allen Befindlichkeiten authentisch ausgelebte Emotionen. Auch der Chor ist exzellent disponiert. Ohne Frage macht diese Aufführung aus einem unter schwierigen Vorzeichen stehenden Abend das Beste. Und hat Harry Kupfers Regiearbeit zeitlos vollgültige Überzeugungskraft.

Kritik von Oliver Bernhardt

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