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Samstag, 4. Februar 2023

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Silverster- und Neujahrskonzerte des DSO mit den Artisten des Circus Roncalli, Copyright: Kai Bienert

Silverster- und Neujahrskonzerte des DSO mit den Artisten des Circus Roncalli, © Kai Bienert

John Wilson setzt Korngold-Akzent

Silvester mit dem DSO im Circus Roncalli

Dass man gemeinsam mit Musik Spaß haben kann, das beweist das Deutsche Symphonie-Orchester jedes Jahr auf's Neue mit seinem berühmten Silvesterkonzert im Circus Roncalli. Und dass man in diesem Rahmen – wo sich das DSO in den letzten Jahren einen bewährten Vorrat an populären Stücken zurechtgelegt hat – auch noch musikalisch mit Neuigkeiten aufwarten kann, dass hat die aktuelle Ausgabe unter Dirigent John Wilson gezeigt.

Denn unter diesem von vielen als Experten gehandelten Musiker, der viel Film- und Broadway-Musik auf CD eingespielt hat mit seinem eigenen Orchester, erklingen zum Jahreswechsel etliche Titel, die man im Roncalli zu Silvester bislang noch nicht gehört hatte. Etwa das berühmte Adagio aus Chatschaturjans Ballett „Spartacus“ (1956) oder eine Medley-Ouvertüre zum Rodgers & Hammerstein-Musical „South Pacific“ (1949), ganz zu schweigen von diversen Korngolds, von „Captain Blood“ (1935) bis „Robin Hood“ (1938). Und dann war da auch noch Bernard Herrmann mit dem „North by Northwest“ („Der unsichtbare Dritte“, 1959). Alles Silvesternovitäten und alle so wunderbar mitreißend, dass ich mich immer wieder fragte, wieso das DSO solche Titel nicht auch während der restlichen Saison in seine Konzerte integriert – für all jene, die über die Zirkuskonzerte neugierig auf „Klassik“ und das DSO werden.

Das Setting im Zirkus war diesmal etwas anders als sonst: die Artisten spielten, sie seien in einem kleinen italienischen Dorf, wo sie malerisch mit einem Zirkuswagen einziehen. Dazu gab’s „Funiculi Funicula“ als Eröffnungsmusik. Zu den Akrobaten könnte man anmerken, dass sie das gewohnt hohe Roncalli-Niveau halten, aber dieses Jahr nicht ganz so überwältigend spektakulär waren wie in manch früheren Ausgaben (es gab z.B. niemanden, der aus einer Kanone geschossen wurde und über den Köpfen der Zuschauer vorbeiflog). Trotzdem waren einige Acts famos: etwa Nirio Tejada aus Kuba mit einer Balancenummer, bei der imposante Muskeln geflext wurden, oder Vioris Zoppis, der an Seilen („Strapaten“) zu John Williams‘ „Adventures on Earth“ aus dem Spielberg-Film „E.T.“ durch die Luft flog. Da passten Musik und Optik ideal zusammen und stimulierten sich gegenseitig.

Das war – für mich – beim Duo Adventures Juggling nicht so. Denn die hyperromantische Stimmung des „Spartacus“-Adagios zu dem eher nicht sonderlich emotionsgeladenen Jonglieren mit Bällen wirkte irgendwie nichtssagend. Dass dann Wilson und das DSO auch noch den gigantischen Klimax in dieser Nummer gestrichen haben und eine gekürzte Fassung spielten (so schien es mir zumindest), fand ich extrem enttäuschend. Denn: Auf dieses „Adagio“ hatte ich mich besonders gefreut, da ich es noch nie live gehört hatte und nur von etlichen Aufnahmen kannte.

Was diesmal auch neu war: Einige der DSO-Musiker wurden selbst zum Zirkus-Act. So trat die sogenannte DSO Randgruppe (bestehend aus sechs Musikern) zweimal mit Musical Comedy auf. Einmal spielte das Kammerensemble in der Manege ein verrücktes Mash-up diverser Klassik-Hits von Bach über Beethoven, dann kehrten sie im zweiten Teil zurück und servierten die Schreibmaschinen-Nummer von Leroy Anderson („Typewriter & Fiddle Faddle“). Das Publikum reagierte begeistert. Und diese „Grenzdurchbrechung“, bei der das DSO nicht mehr nur begleitet, sondern selbst in die Manege steigt, war sicher eines der zukunftsweisendsten Highlights des Abends. Denn: Diese Musiker können das. Und man merkt, dass sie es gern tun, mit natürlicher Showmanship.

Das restliche Orchester spielte mit Leidenschaft. John Wilson schien zwischenzeitlich öfters irritiert, dass das Publikum immer wieder zwischendurch klatschte, also auch in die Musik hinein. (Etwa wenn Freddy Nock und Mika am Hochseil herumturnen). Besonders witzig war, dass die beiden Pastelito-Clowns aus Chile, als sie vom Master of Ceremonies Oliver Polak immer wieder rausgeschmissen wurden, vom jungen Publikum Zurufe bekamen, dass sie doch bitteschön bleiben sollen. Um mich herum saßen mehrere Kinder, die immer wieder laut reinriefen: „Nein, die sollen bleiben!“ oder „Nicht gehen!“. Am Ende des Konzerts gingen die beiden Clowns tatsächlich nicht raus und fingen unverhofft an, „Granada“ zu schmettern. Das war zwar für Wilson eine gewisse Koordinationsherausforderung (mit all den Comedy-Einlagen zwischendurch), aber das DSO entpuppte sich hier als perfekter Spielpartner. Und lieferte den Kracher von Agustín Lara mit Schmackes ab – ebenso wie Pastelito Junior & Oscarita.

Am Ende gab’s den „Einzug der Gladiatoren“, mit allen Artisten nochmals zusammen, dazu eine explodierende Konfettikanone. Besser kann man das alte Jahr nicht verabschieden! Den poetischen Ausklang lieferte dann die „La Strada“-Suite von Nino Rota.

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Kritik von Dr. Kevin Clarke

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