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Samstag, 26. November 2022

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Solist Seong-Jin Cho und James Gaffigan, Copyright: Astrid Ackermann

Solist Seong-Jin Cho und James Gaffigan, © Astrid Ackermann

Das BRSO und Seong-Jin Cho in der Isarphilharmonie

Zu lange Anlaufzeit

Ursprünglich hätte das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks eine Reihe von Konzerten im November unter Leitung von Zubin Mehta spielen sollen, aus gesundheitlichen Gründen musste dieser jedoch absagen. Für die Auftritte in dieser Woche in der Isarphilharmonie konnte bei unverändertem Programm kurzfristig der US-Amerikaner James Gaffigan gewonnen werden – kein Präzedenzfall, im Oktober 2018 war er beim BRSO bereits einmal für Franz Welser-Möst eingesprungen. Geblieben ist es auch bei Seong-Jin Cho als Solist, auch für ihn kein Debüt, er hatte im selben Jahr beim damaligen Silvester-Benefizkonzert Lang Lang vertreten.

Abstimmungsprobleme

Sein großer Durchbruch gelang Cho 2015 mit dem Gewinn des Warschauer Chopin-Wettbewerbs. Einige große Namen sind aus der bedeutenden Geschichte dieser Konkurrenz hervorgegangen, andere Sterne sind wieder verglüht. Cho hat es geschafft, sich dauerhaft in der Weltspitze zu etablieren, ohne von einer gefräßigen Vermarktungsmaschinerie verheizt zu werden. Er besitzt beides: Die Fähigkeit klangmalerischer Imaginationskraft ebenso wie überlegene, nie aufgesetzt wirkende Virtuosität. Das BRSO gehört zu den besten Orchestern der Welt – insofern eine vermeintliche Traumkombination für Rachmaninoffs Klavierkonzert Nr. 3 d-Moll op. 30, in Fachkreisen kurz und bündig „Rach3“ genannt. An diesem Abend läuft allerdings einiges nicht ganz so rund wie erhofft und von beiden gewohnt. Cho zeigt zwar schon in den ersten Unisono-Takten des Soloparts seine variable Anschlagssensibilität, es dauert allerdings bis zum dritten Satz, bis beide Seiten richtig zusammenfinden. Zuvor sind Klavier und Klangkörper immer wieder auseinander, derlei Unebenheiten hemmen die Selbstverständlichkeit und den Fluss des Dialogs. Auch innerhalb des Orchesters sind Instrumentengruppen stellenweise nicht präzise aufeinander abgestimmt – ein Umstand, den man so vom BRSO sonst nicht kennt. Im Mittelsatz bleibt die romantische Färbung des „letzten Klavierkonzerts der Romantik“, als das es gerne bezeichnet wird, zu sehr auf der Strecke. Im dritten Satz sitzt die Abstimmung dann besser, hier zündet endlich auch der dynamisch temperamentvolle Funke. Generell kommen Chos technische und gestalterische Stärken am besten in den rein solistischen Passagen, wie den Kadenz-Abschnitten, zur Geltung. Schuberts Moment musical Nr. 3 f-Moll D 780 spielt Cho als Zugabe, mit feiner klanglicher Klinge und gewinnendem Charme, wenn auch nicht ganz so rhythmisch pointiert wie ein Alfred Brendel oder Arcadi Volodos. Bei alldem darf man nicht vergessen: Cho ist erst 28 Jahre jung!

Nicht auf einer Wellenlänge

Die genannten Probleme setzen sich nach der Pause fort, das legt die Vermutung nahe, dass es am Dirigat von Gaffigan liegt, dem es auch hier nur bedingt gelingt, die Facetten von Richard Strauss´ „Also sprach Zarathustra“ op. 30 in ihrer ganzen Bandbreite zu beleuchten. Dem „Sonnenaufgang“ fehlt die klangliche Durschlags- und Strahlkraft, in der Folge kommt es auch hier zu Unstimmigkeiten in der Kommunikation und den Übergängen einzelner Stimmen, mitunter funken auch die Streichergruppen untereinander nicht auf einer Wellenlänge. Die lyrische „Sehnsucht“ wird musikalisch nicht ganz gespiegelt, die leuchtende Helligkeit in der Episode „Von der Wissenschaft“ verbreitet keinen rechten Glanz. Die von Strauss intendierten, nicht immer ganz präzise gesetzten harmonischen C-Dur/H-Dur-Reibungspunkte verlieren dadurch etwas an Wirkungskraft, die teils fehlende Feinabstimmung geht auch zu Lasten der kontrapunktischen Genauigkeit, der Impetus aufsteigender Chromatik und einzelner Crescendi reißt nicht immer mit, das Blech-Profil ist nicht so geschärft wie sonst. Erst im Verlauf des „Genesenden“ harmonisiert sich das Zusammenspiel, ab hier scheinen die Ausnahmequalitäten des BRSO, das sonst so oft magische Momente zu kreieren imstande ist, immer wieder durch, beispielsweise im „Tanzlied“, dessen spielerischen Gestus trifft auch das Solo von Konzertmeister Anton Barakhovsky hervorragend. All das beweist nicht mehr und nicht weniger: Auch ein Spitzenorchester kann mal einen weniger guten Tag haben.

Kritik von Oliver Bernhardt

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