> > > > > 25.10.2022
Samstag, 26. November 2022

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Romeo und Julia, Copyright: Katja Lotter

Romeo und Julia, © Katja Lotter

John Crankos "Romeo und Julia" in München

Premium-Paket

Im Mai dieses Jahres folgte Laurent Hilaire im Zuge politisch-kulturell aufgebrochener Kriegswirren als neuer Ballettdirektor auf Igor Zelensky. Seit 2016 war dieser im Amt gewesen, seine Verdienste um das Bayerische Staatsballett dürften unbestritten sein. Hilaires künstlerische Handschrift einordnen und mit der Arbeit Zelenskys vergleichen kann man nach so kurzer Zeit naturgemäß noch nicht, die neue Spielzeit ist erst wenige Wochen alt. Die Klassiker weiterhin pflegen und bewahren zu wollen, hat er sich als eines seiner Ziele gesteckt, ein Aushängeschild dieser Kategorie in der Tradition großer Handlungsballette ist dieser Tage mit John Crankos „Romeo und Julia“ im Nationaltheater zu sehen. Die Wiege dieser Produktion steht in Stuttgart, am 2. Dezember 1962 wurde sie dort erstmalig aufgeführt. Aber auch mit München verbindet das Stück eine besondere Geschichte, am 12. November 1968 hatte es hier Premiere. Cranko ließ die Ausstattung dafür durch Jürgen Rose noch einen Tick pompöser gestalten, 260-mal ist es dort seither über die Bühne gegangen. Wie überhaupt Cranko selbst eine bewegte Münchner Vergangenheit hatte: Parallel zu seinem Wirken in Stuttgart war er zwischen 1967 und 1972 mehr oder weniger eng vertraglich auch an der Isar gebunden. Richtungsweisend waren seine Choreographien, mit denen das „Stuttgarter Ballettwunder“ letztlich die Welt eroberte, schon damals, legendär sind sie nach seinem frühen tragischen Tod mit der Zeit geworden. Leicht vergisst man bei der Leichtigkeit, mit denen seine Ballette choreographiert erscheinen, immer wieder die Widerstände, die Cranko auf dem Weg dorthin – auch in München – erst einmal überwinden musste.

Solistisches Traumpaar

Große personelle Umbrüche sind mit dem jüngsten Direktionswechsel erfreulicher Weise nicht einhergegangen, und so werden an diesem Abend die Titelrollen von einem Paar getanzt, das schon in der Vergangenheit, etwa in Christopher Wheeldons „Cinderella“, Glanzlichter beim Bayerischen Staatsballett gesetzt hat: Jinhao Zhang und Madison Young. Ausgestattet mit exzellenter Technik, verfügen beide auch über hervorragende schauspielerische Fähigkeiten. Emotionales Temperament, Liebe, Leidenschaft, Verzweiflung – all das nimmt man ihnen jederzeit glaubwürdig ab. Mit schwerelos schwebender Eleganz bis in die komplexen Hebungen harmoniert das Paar, exemplarisch der große Pas de deux zu Beginn des dritten Akts. Das ist umso bemerkenswerter, als es sich (neben zahlreichen anderen) um Rollendebüts handelt, bei denen beide den Eindruck machen, als seien sie schon lange mit der Darstellung ihrer Figuren vertraut. Sicher, einige Feinheiten kann man hier und da noch schärfen, ansonsten geht das stellenweise aber fast schon in Richtung Friedemann Vogel und Alicia Amatriain in Stuttgart – ein Vergleich, der (sieht man von den einstigen Stuttgarter Besetzungen mit „Ur-Julia“ Marcia Haydée und Ray Barra oder Birgit Keil und Vladimir Klos ab) an sich jedem Paar gegenüber ungerecht wäre: So gut aufeinander eingespielt und so unmittelbar an der direkten Cranko-Quelle haben dieses Ballett in den letzten Jahren wohl keine Solisten an keinem anderen Haus getanzt. Beinahe schon Kultstatus genießen diese Aufführungen dementsprechend unter Fans.

Ehrenvoller Vergleich

Ein größeres Kompliment kann man Zhang und Young insofern kaum machen. Emilio Pavan als Tybalt und Yonah Acosta sind eine sichere Bank. Mit hoher choreographischer Präzision agiert auch das Corps de Ballet, ob im Großen der rasanten und turbulenten Gruppenszenen oder im ensemblehaften Kleinen wie dem Lilientanz der Mädchen, die sich um Julias Bett versammeln. Nicht immer ganz nachvollziehen kann man an diesem Abend die Auszeichnung des Bayerischen Staatsorchesters als Seriensieger in der jährlich journalistisch prämierten Kategorie „Opernorchester des Jahres“. Oft genug hat es derlei Qualitäten schon bewiesen, unter der musikalischen Leitung von Robertas Šervenikas hakt es diesmal besonders im Blech, nicht immer kommt das perkussive Momentum von Prokoffjews Musik bei diesem Dirigat richtig zum Tragen. Das ist insofern doppelt schade, als das Schlagwerk als solches überzeugt. Das ändert aber nichts am ästhetischen Premiumcharakter des Gesamtpakets, fünf Mal ist es in dieser Spielzeit noch zu sehen.

Kritik von Oliver Bernhardt

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