> > > > > 24.10.2022
Samstag, 26. November 2022

Staatskapelle Berlin, Copyright: Peter Adamik

Staatskapelle Berlin, © Peter Adamik

Lorenzo Viotti übernimmt Abo-Konzert von Barenboim

Der Hashtag-Dirigent und die Staatskapelle Berlin

Das Gute am Dirigenten Lorenzo Viotti ist, dass er seine eigene perfekte PR-Maschinerie ist. Und die läuft nonstop auf Hochtouren. Auf Instagram postete Viotti kürzlich ein Weißes-T-Shirt-Foto von sich bei der Probe mit der Staatskapelle. Und schrieb dazu: „Happy to see you Berlin!”

Es war die Ankündigung, dass der 32-Jährige das erste Abonnement-Konzert der Staatskapelle von Barenboim übernehmen würde. Und so einen eher seltenen Auftritt auf einem Hauptstadtkonzertpodium offerieren würde für all seine Insta-Fans, die den sexy und frischen Umgang des Dirigenten mit Klassik bewundern. Und die seine Konzerte stürmen, als „neues“ Publikum, dass den verstaubten Klassikbetrieb satt hat.

Diese neuen Klassikfans warnte Viotti auf Instagram vor seinem Programm: das 1. Klavierkonzert in fis-Moll von Rachmaninow und die 10. Symphonie von Schostakowitsch, das erste Werk des Komponisten nach dem Tod von Stalin 1953, mit einem Satz, der von vielen als Porträt des Diktators angesehen wird.

Viotti schrieb dazu: „I am so thrilled to rehearse Shostakovich’s Symphony No. 10 with this great orchestra. Deeply moving and very ‘dark’, this piece requires to be fully involved emotionally. The human misery and the deprivation of liberty expressed in it makes each rehearsal a very exhausting experience. Exhausting but extremely beautiful.” Hashtag #classicalmusic.

Nun ist mir in der Vergangenheit schon mehrfach aufgefallen, dass Viotti gern mit imposanten Phrasen um sich wirft und Behauptungen in den Raum stellt, zu Musik und zu sich als Interpret dieser Musik, diese Behauptungen dann aber in der Live-Aufführung nicht eingelöst werden. Was selbst bei einem eingeschworenen Fanboy wie mir zu Frustration führen kann. Um beim konkreten Beispiel zu bleiben: Viotti nennt die Schostakowitsch-Symphonie „tief bewegend“ und „dunkel“. Das ist sie ganz zweifellos, was die Gesamtstimmung des Stückes angeht. Aber Viotti am Pult – mit der fabelhaft aufspielenden Staatskapelle – ist nicht damit beschäftigt, irgendwelche Stimmungen zu erzeugen, sondern wirkt so, als sei ihm einzig daran gelegen, einzelne Details der Partitur herauszuarbeiten und möglichst effektvolle Einsätze links und rechts zu geben.

Dass die Aufführung der Zehnten für ihn emotional erschöpfend sein könnte, weil emotional überwältigend bzw. erschütternd, davon spürt man in der Staatsoper Unter den Linden nichts. Eher scheint Viotti wie ein Fluglotse von Takt zu Takt zu wandern, statt Spannungsbögen nachzuzeichnen oder irgendeinem Narrativ in der Partitur nachzuspüren. Besonders das berühmte Stalin-Portrait im 2. Satz – mit seinem Wechsel von gespenstischer Geschäftigkeit und brutal dreinschlagenden Tuttis – hatte eher was von einem erfrischenden Scherzo, nichts von Angstzuständen. Und auch sonst: Wenig hörbares Einfühlungsvermögen in das, was Schostakowitsch unter Stalin erleiden musste und sich hier in einem Schmerzensschrei von der Seele komponierte.

Dass die Wiedergabe trotzdem Effekt machte, liegt einerseits an Schostakowitschs Genie, aber auch an den sich leidenschaftlich und mit großer Klangkultur ins Zeug werfenden Musikern der Staatskapelle. Sie bewiesen, dass sie neben ihren Operndiensten ganz herrliche Konzerte spielen können. Entsprechend wurden sie  gefeiert vom Publikum, das durchmischt war – viele ältere Abonennten und viele neugierige Neue.

Im ersten Teil des Programms gab es das Klavierkonzert des jungen Rachmaninow. Der 17-Jährige schrieb es 1890/91 für sich selbst. Und es ist sofort klar, dass er dem Solisten jede Gelegenheit bietet, sich ganz groß in Szene zu setzen. Es ist ein dreisätziges Werk mit der vergrübelt-melancholischen Einfärbung, für die Rachmaninow später weltberühmt werden sollte. Und es hat Passagen, wo man allein beim Zuschauen die Luft anhält, weil es so aberwitzig spektakulär ist, was der Solist da tun muss – in Läufen, die die Tastatur rauf und runter perlen, mit doppelten und dreifachen Oktaven. Damit’s auch wirklich knallt.

Alexandre Kantorow am Flügel bewältigt diese Herausforderung meisterhaft, mit großem Ton und ohne erkennbare Anstrengung. Aber er ist kein Show-Pianist, sondern wirkt eher wie jemand, der das Unterstatement liebt. Das steht ein bisschen im Kontrast zu Rachmaninow. Viotti begleitet präzise, aber auch hier fällt bereits auf, dass er nicht jemand ist, der gezielt in Stimmungen schwelgt. Sondern Musik als sportive Herausforderung ansieht, der man mit eleganten Arm- und Körperbewegungen begegnet. Das sieht super aus, keine Frage, und im eng geschneiderten nachtblauen Super-Slimfit-Frack erst recht. Aber irgendwann dachte ich: ‚Lass Dich doch endlich einmal emotional gehen und genieße diese Musik!‘ (Denn Rachmaninows Klavierkonzert ist wirklich berückend schön.)

Am Ende des Abends in der vollbesetzten Staatsoper: Viel Applaus, aber nach drei Verbeugungen steht das Orchester einfach auf und geht, Viotti kommt nicht nochmal raus, Blumen gibt es auch keine. Muss die Staatskapelle sparen? Wollte sie dem jungen aufstrebenden Hashtag-Star keine weitere Gelegenheit zum Bad in der Menge geben? Fühlten sich die Musiker vielleicht sogar unwohl mit diesem Dirigat und dieser Art des Zack-Zack-Musizierens, die fast gefühlskalt wirkt?

Wann Viotti nach der Wiederholung des gestrigen Konzertes das nächste Mal in Berlin auftreten wird, bleibt abzuwarten. Ebenso, ob er nach so viel „emotionaler Involviertheit“ seinen Insta-Fans wieder ein Erholungsfoto in Badehose oder einen schweißtropfenden Blick ins Fitnessstudio gewährt. Ich gestehe, dass ich diesen lockeren und freizügigen (und schweißgebadeten) Umgang mit Social Media und Klassik bewundere; mir aber wünschen würde, dass diese Lockerheit und Freizügigkeit sich dann auch in den Konzerten hörbar äußern würde. Das wäre ein Gewinn für die Klassikbranche, mit oder ohne Hashtag. Es ist aber auch eine Frage des Mutes, mehr von sich preiszugeben als Sixpack und Trizeps.

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Kritik von Dr. Kevin Clarke

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