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Samstag, 4. Februar 2023

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Chefdirigent Robin Ticciati, Copyright: Marco Borggreve

Chefdirigent Robin Ticciati, © Marco Borggreve

Robin Ticciati mit dem DSO und der Dritten Symphonie

Schaulaufen der Stardirigenten mit Mahler

In Berlin konnte man zuletzt Mahlers monumentale Symphonie Nr. 3 in d-Moll mehrfach erleben, so dass die jüngste Aufführung mit Dirigent Robin Ticciati und dem Deutschen Symphonie-Orchester in der Philharmonie geradezu dazu einlädt, Vergleiche anzustellen. Die in diesem Fall besonders spannend sind: Denn die beiden unmittelbaren Vorgänger Lorenzo Viotti und Zubin Mehta (beide mit den Philharmonikern) präsentierten jeweils maximal andere Interpretationen. Von denen sich nun Ticciati abermals absetzte.

Selbstverständlich gibt es unendlich viele Möglichkeiten, sich den sechs Sätzen des Werkes zu nähern. Ticciati besticht von Anfang an mit größtmöglicher Natürlichkeit und Flexibilität des Zugangs. Der erste Satz („Kräftig. Entschieden“) mit seinen flirrenden Naturklängen und brachialen Marschmomenten entwickelt sich nahezu spielerisch, tänzerisch, spontan. Dabei vom einfühlsam-mitgehenden Ticciati am Pult souverän zusammengehalten, als sei diese technisch diffizile Mahler-Partitur – als Schaulaufen vor allem für die Blechbläser und das Holz – eine leicht zu bewältigende Aufgabe, die man mit Selbstverständlichkeit und ohne nennenswerte Aufregung absolviert. (Was die Blech- und Holzbläser auch eindrucksvoll taten.)

Während Viotti diesen Satz, ebenso wie die darauffolgenden, wie in Stein gemeißelt musizieren ließ und dabei so gut wie keinerlei emotionale Regung zeigte, tänzelte Ticciati am Pult und vermittelte dem Publikum, dass man mit dieser Musik gemeinsam Spaß haben kann. Dass man über die immer wieder neuen Klangfarben gemeinsam staunen kann. Und dass es eine Freude ist, sich in Mahlers Klangwogen zu stürzen, wie auf eine gemeinsame Entdeckungsreise. Also: das Gegenteil von Viotti, der wie eine Statue dastand und feldherrenartig vorausschaute, während der Luxusklangkörper Berliner Philharmoniker sich ins Zeug legte (und wahrlich luxuriös aufspielte).

Die Monumentalität, die Zubin Mehta mit der Hornfanfare zu Beginn des ersten Satzes erreichte, gelang Ticciati (und Viotti) nicht. Und die dramaturgisch ausgefeilte Disposition des langen ersten Satzes gelang Mehta effektvoller. Wobei sich Ticciati die Eröffnung der Symphonie selbst kaputt machte, indem er ihr das 16-stimmige A-Capella-Chorwerk „Lux aeterna“ (1966) von György Ligeti voranstellte. Gesungen vom Rundfunkchor Berlin (Einstudierung: Gijs Leenaars).

Die transzendentalen – man könnte auch sagen: meditativen – Klänge kamen von einem Balkon weit oben im Auditorium. Sie hatten für den Konzertbesucher den Vorteil, dass er während des etwa zehnminütigen Stücks komplett zur inneren Ruhe kommen konnte im vollkommen abgedunkelten Raum, mit nur einem Spotlight auf dem Dirigenten, der unermüdlich Viervierteltakt schlug.

So weit, so gut. Aber von diesem „Lux aeterna“ unmittelbar zu Mahler überzugehen, als sei Ligeti Teil der 3. Symphonie und quasi das Spiegelbild vom meditativen letzten Satz („Langsam. Ruhevoll. Empfunden“), nimmt beiden Werken ihre Wirkung. Diese Marotte des DSO, Werken immer wieder andere Werke als Remix bzw. Intro beizufügen, ist nur ein billiger Ersatz dafür, bekannte Klassiker wie Mahler durch interessante Kontextualisierung neu im Gesamtbewusstsein zu verorten. Und wenn schon Ligetis A-Capella-Chorwerk, dann bitte wenigstens als eigenes Stück mit eigenem Charakter und Werkanspruch, soll heißen: mit (kurzer) Pause im Anschluss, nicht als Mahler untergejubeltes Vorspiel zur d-Moll-Symphonie.

Während der Saal nach dem fulminanten Ende des ersten Satzes in Applaus ausbrach, gerieten die beiden Scherzo-Sätze („Tempo die Menuetto“ und „Commodo. Scherzando. Ohne Hast“) bei Ticciati recht wuchtig. Eher wie einer Fortsetzung des Anfangs, statt als Kontrast zur ersten Abteilung. Das kann man natürlich machen, aber man verändert dadurch die Architektur des Werkes massiv. Mich persönlich haben diese beiden Sätze in der Ticciati-Version nicht überzeugt. Auch wenn das Posthorn-aus-der-Ferne brillant spielte und auch wenn die Spielfreude Ticciatis mit dem DSO imposant zu beobachten war.

Wirklich ärgerlich wirkte danach auf mich das berühmte „O Mensch! Gib Acht!“-Solo. Denn bei diesem Nietzsche-Moment mit dem existenziellen Text („Denn alle Lust will Ewigkeit – will tiefe, tiefe Ewigkeit“) spielt die Sängerin eine zentrale Rolle. Sie vermittelt die Nietzsche-Worte und kommuniziert im Idealfall mit dem Publikum. Wie bei einem mysteriösen Hochamt. Sie hinten rechts vor die große Trommel und zwischen Kontrabässe und Holzbläser zu stellen, wo man gerade einmal den Kopf von Karen Cargill aus der Ferne wahrnahm, ist fragwürdig. Es reduziert die Alt-Solistin zu einer Nebensächlichkeit, die sie nicht sein dürfte.

Cargill sang mit extrem fokussierter Stimme. Unglücklicherweise hatte sie ein Problem, das deutsche „ch“ auszusprechen. Was bei einem Text wie „O Mensch! Gib Acht!“ besonders auffällt. So wurde denn aus dieser Zeile bei Cargill „O Mensch! Gibt Ascht!“ Was belustigend war, in einem Moment, der definitiv nicht lustig ist. Vom Text selbst – ohne Übertitel im Saal, obwohl Anlangen dafür vorhanden sind – verstand man kein Wort. Es schien, als sei Ticciati an textlicher Präsenz und inhaltlicher Aussage nicht gelegen, weswegen er seine Solistin in die hinterste Ecke verbannte. Auch das kann man machen. Aber hier erzeugten sowohl Viotti als auch Mehta mit ihren Solistinnen (Elina Garanča bzw. Okka von der Damerau) vorn an der Rampe eine deutlich intensivere Wirkung. Das wurde von Ticciati unnötigerweise verschenkt.

Und dann, nach dem „Bimm Bamm“ des Staats- und Domchores Berlin das Finale für Streicher. Für mich persönlich ist der warme Streicherklang des DSO „schöner“ als der auf Bravour getrimmte der Philharmoniker. Und das DSO spielte diesen langsamen Satz wirklich eindrucksvoll. Jedoch erreichte Ticciati nirgends die emotionale Überwältigung, den Weltabschiedsschmerz, den der greise Mehta bei seiner Interpretation zuletzt seinen Musikern entlockte. Auch, indem er mehr gezielte Akzente setzte, Nebenstimmen hervorbrechen ließ, maximales Vibrato einforderte. Und: In dem Moment, wo der langsame Finalsatz in die Schlusskurve geht und Mahler zur überrumpelnden Monumentalität des Anfangs der Symphonie zurückkehrt, steigerte sich Mehta ins Überlebensgroße, ins Hymnische, ins Rauschhafte. Was einen als Zuschauer damals förmlich aus dem Sitz hob.

Im unmittelbaren Vergleich dazu wich Ticciati einem krachenden Schluss aus und endete verhalten. Nicht mit einer Apotheose, sondern nachdenklich. Welche Version man bevorzugt, muss jeder selbst entscheiden. Ich selbst war dankbar, diese frische neue Begegnung mit Mahler live hören zu dürfen. Sie war die entspannte Alternative zu Viotti und als solche faszinierend – als zwei grundsätzlich andere Formen des Musizierens, kommunikativ vs. statuarisch. Im Vergleich zu Mehta merkte man, dass der ältere Dirigent einfach mehr Erfahrung hat, was das Disponieren von Spannungsbögen angeht, Steigerungsmöglichkeiten, was das kontrollierte Gehenlassen von Gefühlen betrifft. Vielleicht ist Ticciati da noch auf dem Weg zu einer idealen Wiedergabe von Mahlers 3.?

Ein solches Schaulaufen von Weltklassedirigenten mit diesem Stück in so kurzer Zeit in Berlin erleben zu dürfen, ist ein unglaubliches Privileg. Erwähnenswert ist da auch, dass zuletzt Cornelius Meister mit dem DSO eine nochmals andere Interpretation von Mahlers Dritter geliefert hatte. Man darf gespannt sein, wer die Liste als nächstes weiterführen wird. Zu entdecken gibt es in Mahlers Klangkosmos genug, um immer wieder aufs Neue darin abzutauchen; auch als Zuhörer.

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Kritik von Dr. Kevin Clarke

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