> > > > > 09.10.2022
Mittwoch, 30. November 2022

DSO Berlin, Robin Ticciati, Copyright: Peter Adamik

DSO Berlin, Robin Ticciati, © Peter Adamik

Yutaka Sado dirigiert u.a. die „Candide“-Overtüre

Das DSO auf Operettenpfaden

Bei Operette-in-Berlin denken die meisten vermutlich zuerst an Barrie Kosky, Dagmar Manzel und die Komische Oper. Fortgeschrittenen fällt vielleicht noch das Gorki Theater ein („Alles Schwindel“), das Tipi („Frau Luna“) oder die Arbeiten des queeren Operettenkollektivs tutti d*amore („Magna Mater“). Aber das Deutsche Symphonie-Orchester? Wohl eher nicht.

Und doch wurde beim DSO-Konzert mit Dirigent Yutaka Sado am Sonntagabend die Ouvertüre zu Leonard Bernsteins Broadwayoperette „Candide“ gespielt. Und zwar mit so viel Gusto bzw. „Allegro con molto brio“, dass die kongeniale Instrumentation des legendären Hershy Kay krachte, was das Zeug hielt. Die Musiker schienen extremen Spaß zu haben, diese spritzige Musik von 1956 zu spielen, die so ziemlich alles zusammenwürfelt, was man zusammenwürfeln kann. Es ist fast schade, dass das DSO neben verschiedenen konzertanten Opern nicht ab und an einen Ausflug in die Welt der Operette wagt, über „Candide“ und Bernstein hinaus. Das wäre für Berlin  ganz sicher eine Marktlücke, die es lohnen würde, zu schließen.

Nach der Fünfminutenachterbahnfahrt mit Bernstein war es wie eine beruhigende Meditation, Fazil Say mit Mozarts Klavierkonzert Nr. 12 in A-Dur zu lauschen. Die Musik gleitet elegisch-schön dahin, Say serviert sie mit großen Gesten (sprich: Armbewegungen, die seine Interpretation unterstreichen); nur der Anschlag klingt vielfach hart. Fast wie ein Widerspruch zur Musik. Ob das am Flügel in der Philharmonie liegt? Oder an Fazil Say? Ich kann es nicht sagen. Trotzdem waren diese drei Sätze berückend. Und der Applaus im Anschluss so enthusiastisch, dass es eine spannende Zugabe gab: mit ungewöhnlichen Klangeffekten, wo Say in den Klangkasten hineingriff, um die Hammerschläge des Klaviers zu dämpfen. Dadurch wirkte sein Stück wie eine Improvisation zu einem arabisch angehauchten Thema. Das Publikum reagierte begeistert!

Nach der Pause dann Tschaikowskys „Pathétique“. Böse Zungen werden sagen, das sei ja auch eine oberkitschige Operette, irgendwie. Was aber eher von der Angst vieler Intellektueller herrührt, sich den hemmungslosen Gefühlsstürmen in diesem Werk hinzugeben. Sado arbeitet nicht den thrillerartigen Nervenkitzel im ersten Satz heraus, wo man fast den Pulsschlag hört, der permanent beschleunigt wird. Bis einem das Drama um die Ohren fliegt. Er geht die Musik ruhiger an, emotional distanzierter. Dafür kracht der dritte Satz mit seinem Marschrhythmus am Ende so sehr, dass es spontanen Zwischenapplaus gibt für die phänomenal auftrumpfenden DSO-Musiker. Und dann: das Finale „Adagio lamentoso“, das verklingt, bevor man merkt, dass die Symphonie vorbei ist. Dennoch hat mich diese Wiedergabe tief berührt. Weil die „Pathétique“ ein LGBT-Meisterwerk der Sonderklasse bleibt… egal was die Person am Pult macht. Tschaikowsky sorgt selbst dafür, dass der Funke überspringt, komme was wolle.

Ich warte gespannt auf die erste DSO-Operette, die das Genre einmal von einer neuen Seite in Berlin zeigt. Vielleicht in Kooperation mit einer der eingangs genannten Institutionen oder Kollektive? Jedenfalls weit entfernt von der üblichen Standard-Langeweile, mit der konzertante Aufführungen sonst umgesetzt werden, landauf landab. Da könnte man einmal einen Gegenentwurf präsentieren.

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Kritik von Dr. Kevin Clarke

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Bisherige Kommentare:

  1. Candide?
    Was ist denn eigentlich mit der Aufführung von "Candide" mit dem DSO und dem Loriot-Text? Zählt das nicht?
    Nutzer_WZRGOUG, 25.10.2022, 14:23 Uhr

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