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Mittwoch, 30. November 2022

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Michael Volle (Wotan), Anja Kampe (Brünnhilde), Copyright: Monika Rittershaus

Michael Volle (Wotan), Anja Kampe (Brünnhilde), © Monika Rittershaus

Staatsopern-Ring mit Thielemann, Volle und Miknevičiūtė

„Die Walküre“ als Kammerspiel mit doppeltem Boden

Nachdem Regisseur Dmitri Tcherniakov das „Rheingold“ durchweg in dem von Wotan geleiteten Forschungszentrum E.S.C.H.E. ansiedelte, bleiben wir auch im zweiten Teil des neuen „Rings“ an der Berliner Staatsoper durchgehend in Innenräumen – bis auf zwei Ausnahmen, die vielleicht keine sind. Für den I. Akt ist das nichts Ungewöhnliches. Wir sind in Hundings Haus, hier ein Minimalmodell mit Küchenbad, Ess- und Schlafzimmer auf 40 Quadratmetern. Allerdings ist auch diese Wohnung Teil des Forschungszentrums, liegt direkt hinter Wotans Büro, nur von einer Milchglasscheibe getrennt, die aus „Götter-Perspektive“ durchsichtig ist. Das ist natürlich sinnvoll.

Die Szenenbeschreibung sagt uns zudem: Tcherniakovs „Ring“ bleibt ein Kammerspiel. Allerdings wird damit auch das Geschehen einer ganzen Welt in Innenräume gedrängt. So wird Siegmund als Verbrecher gesucht, wie uns eine Projektion mitteilt – das wäre aber nur Teil einer illusionären Welt, die das Forschungszentrum seinen Einwohnern vorspielt. Für den I. Akt spielt das keine große Rolle. Das verquickte Liebesdrama zwischen Sieglinde und Siegmund gehört zu den großen Momenten der Operngeschichte und ist auch als bürgerliches Schauspiel, vielleicht sogar als Sinnes-Illusion noch ansprechend. Nur das Gebälk der Hunding-Wohnung stört etwas beim Verfolgen der Handlung.

Hunding selbst ist Polizist und kommt müde vom Dienst nach Hause. Er ist etwas grob, aber von den sinnlichen Reizen seiner Frau angetan, sie lässt es geschehen. Man denkt an „The Postman always rings twice“. Mika Kares verleiht seiner Rolle ein natürliches Gewicht. Robert Watson als Siegmund bringt ein schönes Portato mit und verfügt vor allem in der Mittellage über einen schönen, leicht dunkel timbrierten Wagnertenor. Eventuell muss er seine Höhe noch besser errichten und dadurch an Präsenz gewinnen.

Können und Wollen zeigen sich auf Schritt und Tritt

Die Sieglinde hatte es da leichter: Vida Miknevičiūtės Stimme ist über die Maßen großzügig, so wie es der klassische Operngänger liebt. Hier und da fehlte aber noch die Einpassung ihrer überragenden Möglichkeiten in die dramatischen Erfordernisse, etwa wo widerstreitende Gefühlsregungen unter einer Überschrift vereint werden müssen. Gemeinsam singen die beiden ein hingebungsvolles Duett. Nur eine einheitliche, organisch sich entwickelnde Stimmung will nicht so recht aufkommen. Kein Wunder: Auf Mondlicht und Sternenglanz meinte Tcherniakov verzichten zu können. Man möchte ihm nicht zu Kitsch raten, aber etwas mehr Verklärung und real gewordenes Ideal wären schön gewesen. Auch deutete Sieglinde etwas zu früh auf das Schwert, das sie Siegmund erst später zeigen soll.

Thielemann dirigiert diesen zweiten Abend noch zurückhaltener als den ersten. Den Höhepunkt erreicht diese Stilistik des Leichten und Sanften im III. Akt, wenn Wotans Abschied stellenweise so zart wie Seidengaze fließt und pulsiert. Aber dieselbe Zurückhaltung prägt auch schon das „Winterstürme wichen dem Wonnemond“ des I. Aktes.

Im II. Akt tritt das Kammerspielartige hervor, wenn Wotan und Brünnhilde ihre Freudenfeier in Hundings Hütte begehen, bevor Fricka im Büro ihres Gatten vorspricht. Wie uns Claudia Mahnke zeigt, muss man sich sein Pathos in dieser Inszenierung verdienen. Sie liest dem schweifenden Ehemann kraftvoll die Leviten. Michael Volles Wotan bleibt über weite Strecken beim Parlando. Berückend ist das, wenn er im Feuerzauber der Nachdenklichkeit Raum gibt. Die Dialoge des II. Aktes werden dadurch entschlackt, aber auch etwas bedeutungsärmer, so wie die Aufmerksamkeit generell viel stärker aufs Wort gelenkt wird. Wann hätte man sonst die festgefügten Stabreime „Schwester – Schwert“, „Braut – Bruder“ in dieser Weise bemerkt? Wann Sieglindes „Grüßen“ des „freudigen Grauens“? Für die Musik ist damit allerdings noch nichts gewonnen, sie hält sich zurück. Thielemann dirigiert sozusagen ein permanentes Friedensangebot an die Sänger, nur gelegentlich branden die Klänge kraftvoll hervor, vorzugsweise in den orchestralen Interludien. Und doch zeigt sich das Können (und Wollen) der Staatskapelle auf Schritt und Tritt: Ein Trompetensolo klingt da schon mal wie ein sauber gelegter Metallguss. Die Streicher wechseln schwerelos zwischen federnd leichtem Stakkato und Legato.

Am Ende erklingt eine Spieluhr im Orchestergraben

Für die Kampfszene geht es dann erneut in die Katakomben des Labors, wo noch immer die Zwergenwerkstatt im zweiten Untergeschoss steht – ein etwas beliebiger Ort für die Todesverkündigung. Aber es geht ja auch nur um „Feldforschung zur Gewalt“, wie uns eine Texteinblendung verrät. Nach dem Kampf kümmern sich die Nornen um die immer noch vorhandenen Käfigtiere im UG 1. Man weiß nicht genau, warum sie dort sind. Im Programmheft gibt es einen kurzen Text von Yuval Harari zum Menschen als Tierart. Geht es also um Posthumanismus? Der Schluss des Mittelaktes gab vielleicht einen Vorgeschmack darauf: Auf leerer, mithin schwarzer Bühne steht Wotan den beiden Duellanten gegenüber, schickt Hunding fort (der geht, wo er gemäß Textbuch eher fällt) und lässt Siegmund stehen. Der Held wird nun von einigen Sicherheitskräften in schwarzer Polizeiuniform verprügelt. Als Bild für Grauen und Tod taugt das schon, aber die genaue Bedeutung bleibt verborgen.

Bleibt noch Anja Kampe als Brünnhilde, die am besten als „kühnes Kind“ agierte und es mit dem Aufreißen der Stimme („Hojoto-ho“) wohl nicht übertreiben sollte. Den Feuerzauber inszenierte sie praktisch allein, nicht nur mit kindlichen Gesten, auch mit vokaler Agilität. Michael Volle ließ Wotans Wut hier freien Lauf und griff dabei auch auf alle Register seiner Stimme zurück, die in dem hölzernen Hörsaal prächtig klingt, bis auch er – in etwas plötzlicher Wendung – vom Mut seiner Walküre gerührt ist.

Zuletzt bleibt auch Brünnhilde auf der schwarzen Bühne zurück. Der Hörsaal, in dem sie zuvor den Feuerzauber als kindliches Spiel inszenierte, fährt dem Bühnenhintergrund zu. Die Entzauberung der Welt wird von Brünnhilde erlitten. Doch auch für Wotan heißt es hier zum ersten Mal Abschied nehmen. Musikalisch blieb dieser Schluss voller Rätsel: Erst war da die besagte Wut, dann die extreme Zartheit und zuletzt eine Spieluhr-Melodie, die nur im Orchester zu verbleiben scheint. Die Realität auf der Bühne hatte keine Verwendung mehr für sie.

Kritik von Matthias Nikolaidis

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Die Walküre: Erster Abend

Ort: Deutsche Staatsoper,

Mitwirkende: Christian Thielemann (Dirigent), Dmitri Tcherniakov (Regie), Mika Kares (Solist Gesang), Claudia Mahnke (Solist Gesang), Michael Volle (Solist Gesang), Anja Kampe (Solist Gesang)

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