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Mittwoch, 30. November 2022

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Szenenfoto, Copyright: Monika Rittershaus

Szenenfoto, © Monika Rittershaus

Ring-Auftakt mit Thielemann in Berlin

Alberichs Drama in Wotans Labor

Ein schönes Geschmeide hat uns Christian Thielemann da geschmiedet, obwohl der Entwurf dazu natürlich von einem anderen stammt. Aber auch diesen „Ring“ muss man bei jeder Aufführung neu zusammensetzen. Sonst mangelt ihm die Gegenwart, was man von diesem „Rheingold“ aus musikalischer Sicht nun nicht sagen kann. Allerdings wird diese Gegenwart sehr behutsam enthüllt und aufgebaut: Am Anfang erklingt ein quasi fühlloses Etwas, das gleichsam der Urgrund der Musik und der Handlung ist. Im „Rheingold“ gilt das natürlich umso mehr, als dieses Werk mit genau diesem Urgrund des Seins selbst beginnt, erst in Gestalt einer grundierenden Fanfare, dann als fließende Streicherfigur.

Aber erst im weiteren Verlauf von Wagners musikalischem Drama wird diese Schicht der Nicht-Handlung uns erst recht bewusst, nämlich als Ausdruck von Denken und sinnvoller Rede im Gegensatz zu Handlung. Kontrastiert wird das von den Willkürakten der Figuren, wo immer mal wieder plötzlich Zirkus-Musik und Melodram eine Pointe oder Aktion hervorheben. Thielemann lässt die verschiedenen Stilistiken deutlich hervortreten. Häufig genug hatte man das Gefühl, einem solistisch besetzten Abend zu lauschen – so klar erklang jede der Stimmen von Wagners Gewebe dank der Staatskapelle Berlin und ihrem Dirigenten.

Auf der Bühne ereignete sich derweil teils Unverständliches, teils gut Verstehbares. Wie Regisseur Valentin Schwarz im neuen Bayreuther „Ring“ hat sich auch Dmitri Felixowitsch Tschernjakow, international als Dmitri Tcherniakov bekannt, um die Darstellung des Natürlichen und des Übernatürlichen gedrückt. Der Auftritt der Zwerge, die den Hort in den Götterhimmel schaffen, findet nur als Einbildung Alberichs statt. Zuvor hatten die Rheintöchter den Nachtalben einem Test im „Stresslabor“ unterzogen und festgestellt, dass der Mann eine geringe Frustrationstoleranz besitzt. Alberich zertrümmert so einiges in dem Labor, aber ein dem Libretto entsprechender Realismus ist das eher nicht. Keine Spur jedenfalls vom Rhein, seinen Fluten und jenen Schwimmapparaten, mit denen sich noch Wagner herumärgerte.

Eine Fahrstuhlfahrt verleiht dem Drama Tiefe

Auch der Goldhort ist generell unsichtbar. Tcherniakov scheint ihn als Metapher für etwas Mentales zu verstehen, was er zweifellos auch ist. An Alberichs Ring zerrt Wotan dann aber ganz buchstäblich, solange auch Wagners Orchester im Krampf verharrt. Alles – auch die Nibelheim-Szene – spielt in einem einzigen ausgedehnten Gebäude, dem Forschungszentrum E.S.C.H.E., wie man aus einem eingeblendeten Grundriss erfährt, mit Hörsaal, unheimlichen Korridoren und Büros. Einige Räume erinnern durch einen inneren Kreis oder ein Halbrund an Tempel und Theater. Nur von Natur (vorerst) keine Spur.

Später ist per Schrifteinblendung von der „Untersuchung verschiedener Verhaltensmodelle“ die Rede, als wir sozusagen „im Fahrstuhl“ von Asgard nach Nibelheim fahren und dabei wohl auch an der Menschenwelt vorbeikommen, die mit lauter Tierkäfigen vollgestellt ist. Ist nun die Menschenwelt der Ort der besagten „Verhaltens-Experimente“ oder doch Nibelheim, wo die Zwerge sehr gesittet wie bei Zeiss in Jena an ihren Werkstücken arbeiten? Jedenfalls akzentuiert dieser Fahrstuhl-Effekt, den schon Wagner aus Pariser Inszenierungen kannte, einen wichtigen Teil des musikalischen Dramas. Zusammen mit dem gekonnten Hämmern des Orchesters ist das ein Gänsehaut-Moment.

Das Finale des Zweieinhalb-Stunden-Dramoletts hat Tcherniakov dann ganz spielerisch zum Sänger- und Kleinkunstwettbewerb umgestaltet. Wagners Götterfestmusik konnte er offenbar nicht ernster als das nehmen. Die Regenbogenbrücke ist so nur ein buntes Seidenband, das Froh entfaltet. Etwas Transzendenz gibt es dann aber doch noch, wenn sich für kurze Zeit ein Obergeschoss über der Götter-Etage zeigt und wieder verbirgt. Ein Himmel noch über den Göttern?

Kränzle als großartiger Alberich, Villazón ein komödiantischer Loge

Sängerisch war es eindeutig der Abend von Johannes Martin Kränzle, der als Alberich ja auch die packendste Rolle zu verkörpern hatte. Kränzle zeigte sich der Aufgabe rundum gewachsen und leuchtete mit seiner modulationsfähigen Stimme jeden Winkel der Figur aus, während er in genauer Synchronie zum Orchester die Einheit von Dichtung und Musik gestaltete und so dem Instrumentalpart Mal um Mal die Krone des Musikdramas aufsetzte. Michael Volle gestaltete den Wotan im Wechsel von lyrischem Fließen und Parlando-Konversationston, Claudia Mahnke gab eine warm-neckische Fricka.

Geteilten Ruhm erwarb sich Rolando Villazón in seinem Rollendebüt als Loge, den er als buffoneske Filmfigur zwischen Woody Allen und dem großen Houdini gestaltete. Das war sicher nicht allein seine Idee gewesen, aber vorerst badete Villazón alleine in Applaus und Buhs gleichermaßen und verabschiedete sich mit einem trotzigen Klopfen auf die Bretter, die die Welt bedeuten: Hier gilt’s der Kunst, schien er zu sagen, also auch dem Theater. Und warum auch nicht eine komödiantische Deutung der zwielichtigen Loge-Figur? Die Cantabiles, die den leichten Tenorrollen bei Wagner guttun, konnte Villazón ohnehin beisteuern. Nur an gewissen Stellen hätte man sich einen eher spitzigen, flammenartigen Stimmcharakter gewünscht.

Großes Kino bot auch Vida Miknevičiūtė als hochdramatische Freia und ein bieder liebender, aber doch irgendwie standfester Fasolt: Mika Kares, übrigens wirklich ein Riese von Gestalt. Er wird auch Hunding und Hagen verkörpern. Ein interessanter Vorabend geht zu Ende, der Lust auf mehr von diesem „Ring“ macht.

Kritik von Matthias Nikolaidis

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Das Rheingold: Vorabend

Ort: Deutsche Staatsoper,

Werke von: Richard Wagner

Mitwirkende: Christian Thielemann (Dirigent), Dmitri Tcherniakov (Regie), Rolando Villazón (Solist Gesang), Mika Kares (Solist Gesang), Johannes Martin Kränzle (Solist Gesang), Michael Volle (Solist Gesang), Claudia Mahnke (Solist Gesang)

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