> > > > > 11.11.2022
Samstag, 26. November 2022

Szenenfoto Asrael, Copyright: Thilo Beu

Szenenfoto Asrael, © Thilo Beu

Alberto Franchetti-Ausgrabung in Bonn

Familienhölle

Der Komponist Alberto Franchetti, 1860 geboren, hatte es in seinen Anfängen leicht. Sein schwerreicher Vater förderte die künstlerischen Ambitionen des Sohnes, finanzierte ihm eine Ausbildung in Deutschland und mietete 1888 das Theater in  Reggio Emilia für die Uraufführung der ersten Oper „Asrael“. Sie bescherte dem jungen Tonschöpfer einen außerordentlichen Triumpf, der über Italiens Grenzen hinaus strahlte. 1892 erhielt er auf Vorschlag Giuseppe Verdis den Auftrag, anlässlich der 400-Jahrfeier der Entdeckung Amerikas die Oper „Cristoforo Colombo“ für das Theater Genua zu komponieren. Und 1902 triumphierte er an der Mailänder Scala mit „Germania“, besetzt mit Enrico Caruso in der männlichen Hauptpartie. An dieses Erfolgstrio konnte Franchetti mit seinen weiteren Opern nicht mehr anknüpfen. Obendrein musste er vor seinem Tod 1942 verkraften, dass die Aufführung seiner Werke aufgrund seiner jüdischen Wurzeln verboten wurde. Bis heute sind sie nahezu aus den Spielplänen verschwunden, wäre da nicht der derzeitige Bonner Operndirektor Andreas Meyer, der an seinen früheren Wirkungsstätten Kiel und Berlin „Cristoforo Columbo“ und „Germania“ aus der Versenkung holte und nun auch „Asrael“ - passend zur Dramaturgie des Hauses, einst populäre, dann vergessene Bühnenwerke neu zu befragen - eine Chance gibt.

Die Oper erzählt von dem Engelspaar Asrael und Nefta, das durch Luzifers Intrigen getrennt wird. Um Nefta zu finden, paktiert Asrael mit dem Teufel und führt auf Erden ein sündiges Leben, bis er die Geliebte als Nonne wiedertrifft. Erlöst kehrt er mit ihr zusammen in den Himmel zurück. Regisseur Christopher Alden verlegt die krude sakrale Geschichte in die Gründerzeit und inszeniert sie als Drama einer gutbürgerlichen Familie, hinter deren Fassade sich Abgründe auftun. Asrael wird zum Sohn, der sich im Rückblick an die Traumata seiner Kindheit und ihre Folgen erinnert. In dem von Charles Edwards entworfenen hochherrschaftlichen Raum, dessen drei Geschosse Hölle, Erde und Himmel entsprechen, züchtigt und missbraucht der Vater, ein brutaler Ex-Militär, ihn und die drei Töchter. Seine Ehefrau begeht ob der wiederholten Demütigungen Selbstmord. Asrael zieht als Soldat in den Krieg, die drei Schwestern finden ihren Weg als Feministin, Künstlerin und Krankenschwester. Der Chor, im Zuschauerraum platziert, hat keine szenische, sondern kommentierende Funktion. Erst im Finale steht er auf der Bühne, als Trauergemeinde beim Begräbnis des Patriarchen, dessen Tod Erlösung bringt. Aldens Inszenierung ist der Versuch, „Asrael“ als psychologische Studie eines geschlossenen familiären Systems zwischen Realität und Wahn zu deuten – ein als Idee schlüssiges, doch im Einzelnen auch konstruiert wirkendes Konzept. Musikalisch aber überwältigt „Asrael“ mit melodischer Wucht, etwa in den beiden ekstatischen Liebesduetten, und suggestiver Instrumentation, mit Anklängen an Wagner und die französische Grand Opéra. Dirigent Hermes Helfricht engagiert sich leidenschaftlich für die durchkomponierte Oper, schwelgt mit dem bestens präparierten Orchester in schillernder Klangsinnlichkeit und koordiniert dazu souverän die im Rang platzierten Blechbläser und den prächtig disponierten Chor. Peter Auty, als indisponiert angesagt, teilt sich geschickt seine Kräfte ein und verleiht der anstrengenden Asrael-Partie heldisches Gewicht. Svetlana Kasyan als Nefta läuft im letzten Akt zu ganz großer Form auf und versieht ihre Arien mit beseelten Pianophrasen. Und Khatuna Mikaberidze als Loretta lässt ihren expressiven, höhenstarken Mezzosopran verführerisch lodern. Tamara Gura bleibt als Prinzessin rollenbedingt blasser, während Pavel Kudinov dem im Laufe des Stückes immer mehr verfallenen Fiesling markantes Bassprofil verleiht.

Wieder ist der Oper Bonn eine außergewöhnliche Entdeckung gelungen, deren Relevanz sich im opulenten, hoch informativen Programmbuch widerspiegelt. Darin sind historische Sammelbilder von „Asrael“ abgedruckt, die die Firma Liebig zu Werbezwecken ihren Fleischextrakt-Packungen beilegte: ein sichtbarer Beweis für die damalige Beliebtheit der Oper.

Kritik von Karin Coper

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