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Mittwoch, 30. November 2022

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Tugan Sokhiev dirigiert das Sinfonieorcheser des Bayerischen Rundfunks, Copyright: Astrid Ackermann

Tugan Sokhiev dirigiert das Sinfonieorcheser des Bayerischen Rundfunks, © Astrid Ackermann

Impressionistische Leuchtkraft zum BRSO-Saisonstart

Doppeltes Debüt

Die Spielzeiten der Häuser und Klangkörper landauf landab haben wieder begonnen, in dieser Woche macht auch das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks den Auftakt zur neuen Saison. Gleich zwei Premieren beim BRSO gehen damit einher, Tugan Sokhiev gibt sein Debüt am Pult, die australische Sopranistin Siobhan Stagg ist erstmalig als Solistin zu hören. Beide Künstler hätten schon eher mit dem BRSO auftreten sollen, die Pandemie machte jedoch einen Strich durch die Rechnung. Umso schöner, dass der programmatische Ansatz weiterverfolgt wurde und die Debüts nun nachgeholt werden.

Sinnlich aufgeladen

Ein Faun ist laut lexikalischer Definition ein „gehörnter Waldgeist oder ein Mischwesen aus Mensch und Ziegenbock“, in der griechischen Mythologie hat er seine Entsprechung im Satyr. Die Tagträume eines solchen Wesens beschreibt Debussys sinfonische Dichtung „Prélude à l’après-midi d’un faune“, das BRSO kreiert darin eine hoch konzentrierte, sinnlich aufgeladene Atmosphäre. Vernebelt wabernde Klangschleier, die sich aus dem anfangs noch fein ausgedünnten Holzbläsersatz erheben, wellenförmige Streicherbewegungen. Sokhiev hält die mehrschichtigen Stimmverläufe souverän zusammen und erzeugt einen musikalisch organischen Fluss. Ravels dreiteiliger Liederzyklus „Shéhérazade“ lehnt sich stilistisch hörbar an Debussys „Pelléas et Mellisande“ an. Schon in „Asie“ begeistert die schlanke, natürlich atmende Stimme von Siobhan Stagg, das BRSO stellt die nach und nach märchenhaft aufblühenden Farben in all ihrer impressionistischen Leuchtkraft dar. Staggs bis in tiefe Mezzo-Register warm timbrierter Sopran erzählt die drei Episoden mit fesselnder Phrasierungsintensität und rezitativischer Aussagekraft. Besonders gefordert ist in der ersten Programmhälfte von den ersten Takten an Solo-Flötist Henrik Wiese – seine anspruchsvollen Aufgaben meistert er glänzend. Schon in Debussys „Faun“ hatte er mit leuchtendem Ton und Intonationssicherheit auf ganzer Linie überzeugt, in Ravels zweitem Stück „Die Zauberflöte“ ist der Titel Programm, Wieses Spiel besticht im subtilen Dialog mit der Singstimme.

Abschied zum Auftakt

Ein Abschied fällt mit dem Saisonauftakt zusammen: Solo-Posaunist Hansjörg Profanter spielt in dieser Woche die letzten beiden Dienste vor seiner Pensionierung nach 43 (!) Jahren Orchesterzugehörigkeit – er war schon unter Rafael Kubelik dabei. Kollege Uwe Schrodi würdigt seine Verdienste zu Beginn des zweiten Teils mit gebührenden Worten, das Orchester verabschiedet ihn musikalisch.

Als Klavierzyklus wurden Mussorgskys „Bilder einer Ausstellung“ ursprünglich konzipiert, unter mehreren Orchestertranskriptionen ist die von Ravel die bis heute gängigste, der das Werk auch seinen erst lange nach Mussorgskys Tod erfahrenen Durchbruch verdankt. Mit stimmungsvoller Wandlungsfähigkeit führt Sokhiev durch die verschiedenen Gestalten der Promenade. Ein wenig giftiger in Pizzicato und Schlagwerk könnte der „Gnom“ porträtiert werden. Immensen Spannungsgehalt erzeugt das BRSO in der Darstellung des „Alten Schlosses“ und der „Tuileries“ mit ihrem markanten Pulsschlag. Mächtige Crescendi formt Sokhiev im „Bydlo“. Die Streicherspitzen im „Tanz der Küken in ihren Eierschalen“ könnten noch eine Prise mehr Schärfe vertragen. Unwiderstehlich kraftvolle Unisono-Bewegungen leiten das Zwiegespräch der beiden Juden ein, prägnant gesetzte rhythmische Akzente schildern das quirlige Treiben auf dem „Markt von Limoges“. Eine massive, dynamisch durchdringende Blechwand baut sich beim Gang durch die „Katakomben“ auf, rhythmisch-perkussive Wucht stellt die „Hütte der Baba-Jaga“ auf ein felsenfestes Fundament. Mit pompöser Geste und scharf konturierten Fanfaren strahlt schließlich „Das große Tor von Kiew“ in all seiner imposanten Größe. Ein fulminanter Start in die neue Saison im Herkulessaal der Münchner Residenz!

Kritik von Oliver Bernhardt

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Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks: Tugan Sokhiev/Siobhan Stagg

Ort: Residenz (Herkulessaal),

Werke von: Claude Debussy, Maurice Ravel, Modest Mussorgsky

Mitwirkende: Tugan Sokhiev (Dirigent), Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks (Orchester), Siobhan Stagg (Solist Gesang)

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