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Dienstag, 27. September 2022

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Der fliegende Holländer, Bayreuth 2022, Copyright: Enrico Nawrath

Der fliegende Holländer, Bayreuth 2022, © Enrico Nawrath

„Der fliegende Holländer“ bei den Bayreuther Festspielen 2022

Die Wiederkehr eines Betrogenen

Zwischen Rheingold, Walküre und Siegfried gepackt, lockt die höchst plausibel erzählte Holländerdeutung von Dmitri Tcherniakov die neugierigen Wagnerianer und die, welche es werden sollten. Im Jahre 1901 inszenierte Cosima Wagner den „Fliegenden Holländer“ bei den Bayreuther Festspielen. Da erblickte er zum ersten Mal das Licht der Bühnenwelt auf dem Grünen Hügel. Mit „Tannhäuser“, „Lohengrin“ und dem „Ring“ prägte sie den Bayreuther Stil. Die Vollendung mit der Aufbauarbeit der Wagnerischen Werke war getan. „Die meeresdurchbrauste Sage“ (Wagner) in der Um- und Neudeutung von Regisseur und Bühnenbauer Dmitri Tcherniakov hat nichts an Kraft und Feuer im wahrsten Sinne des Wortes, wenn wir auf das Tcherniakovsche Ende schauen, eingebüsst. Dieser „Holländer“ ist hochaktuell, spannend und „vom ersten bis letzten Ton und Bild keine Sekunde langweilig“ (Zitat meiner Sitznachbarn). Dafür erntete das ganze Team in der letzten Vorstellung frenetischen, stürmischen Applaus. Wiederum, wie im vergangenen Jahr 2021, als der „Holländer“ seine Neuinszenierung feierte, stand die ukrainische Dirigentin Oksana Lyniv am Pult des explosiv aufspielenden Bayreuther Festspielorchesters. Lyniv vermag gebündelte Klangstruktur mit differenzierter Farbigkeit zu versehen. Die Partitur dieses zutiefst musikdramatisch archaischen Naturereignisses modelliert diese Ausnahmedirigentin auf's Feinste aus. Letztes Jahr musste coronabedingt ein Teil des Chores aus dem Chorsaal dazu geschaltet werden. Dieses Jahr konnte der komplette Festspielchor seine fulminante Klangfülle und fantastische Chorbrillanz verströmen. Garant für diese Qualität ist der Chordirektor Eberhard Friedrich. Delikat differenziert hören sich die Chöre der Matrosen und die Mannschaft des Holländers, der Chor der Spinnerinnen sowie der Gespensterchor im letzen Bild an.

Eine immerwährend gültige Geschichte wird neu erzählt „Wagner hat sich im „Holländer“ entdeckt, und wäre er damals jung gestorben, wäre diese Musik seine letzte gewesen, dann würde man Wagner rauh und einsam sehen, gar nicht theatralisch“, so der grosse Philosoph und Musikerkenner Ernst Bloch. Tcherniakov zeigt in seiner eindringlich brutalen Ausdeutung diesen von Bloch erkannten, derben einsamen Menschen. In diesem Holländer braust das Meer im Inneren aller Protagonisten. Kein Schiff ist zu sehen, nur ziemlich biedere Bürger in Wollpullis, dicken Jacken und wetterschützender Kleidung (Kostüme: Elena Zaytseva). Das gelbe, frisch geputzte Klinkersteindorf steht wahrscheinlich an einer Küste. Man riecht die Gefährlichkeit für Haus, Hof und das eigene Leben förmlich, wenn der Fremdling Holländer die Dorfkneipe betritt. Die trinkfreudigen Gesellen (keine Schiffsmannschaft) beäugen ihn scharfsinnig, argwöhnisch und ein wenig betrunken. Einst erhängte sich die Mutter des Holländers, der jetzt zurückkehrt, um an den Bürgern und Daland Rache zu nehmen. Als Knabe musste er zuschauen wie seine Mutter als Geliebte von Daland verstossen, vom Dorf geächtet und vom Pfarrer im Stich gelassen wurde. Nun, Jahre später, fällt er in die Stadt mit seinen Rächer-Kumpanen ein und singt: „Wann dröhn’t er, der Vernichtungs-Schlag?“. Es knistert, wir spüren die bevorstehende Gefahr. Lichtakrobat und Ausleuchtungskünstler Gleb Filshtinsky beschert diesem intensiv gefährlichen Ambiente die besten Momente,  brennende Dachstühle mit Aschenwolken inklusive am Schluss. Dann haben die Holländermannen die Behausungen der Bewohner in Brand gesetzt, den Selbstmord der Holländermutter gesühnt.

Wagners ‚Romantische Oper in drei Aufzügen‘, sein Erlösungsdrama par excellence erleben wir in Bayreuth als hochkonzentriert intimes Kammerspiel. Tcherniakov hat für seine Deutung ein festspielwürdiges, starkes Ensemble an der Hand. Allem voran eine ganz andere Senta als letztes Jahr. Da sang Asmik Grigorian die Senta als eine rebellisch, aufmüpfige, leicht aggressive Frau. Die diesjährige Senta wird von Elisabeth Teige verkörpert. Wir haben das Glück, sie noch als Freia und Gutrune erleben zu können. Hier ist sie eine selbstbewusste Kämpferin für die Rechte der Frau in einer spießigen Umgebung. Mit warmen, Charakter immanenten, tonschönen Nuancen stellt sie eine herzerfrischend liebesfähige Senta dar. Teige packt in die Ballade der Senta das, was Wagner in seinem romantischen Treueschwurbekenntnis sah: „Das verdichtete Bild des ganz Dramas“. Als betörende Senta vermag sie uns mitzureißen mit ihrer raubtierhaften und mordsmässig agilen Art. Den rächenden Holländer präsentiert Thomas Meyer gesanglich eruptiv eindrucksvoll. Gerade seine zurückhaltende, auf der Lauer liegende Gestik überzeugt ebenso wie seine gut artikulierte Wortverständlichkeit. Georg Zeppenfeld passt als verschlagener Daland, ein im Hintergrund agierender Biedermann, exzellent ins Gesamtbild. Eric Cutler (Erik) kämpft mit tenoraler Geschmeidigkeit um die Zuwendung und Liebe Sentas. Es ist vergebens! Attilo Glaser singt träumend verklärt „Von des Süden’s Gestad, aus weitem Land, ich hab‘ an dich gedacht!“ Ein schöner, inniger Moment. Nadine Weissmann gibt mit vollem Mezzo singend eine beharrlich stoische Mary, die im Finale das Gewehr zückt und den Holländer zur Strecke bringt.

Lassen wir am Schluss Thomas Mann zu Wort kommen. Was er 1911 formulierte über seine Zeit in Bayreuth ist immer noch gültig: „Wunderbare Stunden, tiefen einsamen Glücks inmitten der Theatermenge, Stunden voller Schauer und kurzer Seligkeit, voll von Wonnen der Nerven und des Intellekts, von Einblicken in rührende und große Bedeutsamkeiten, wie nur diese nicht zu überbietenden Kunstsinn gewährt“.

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Kritik von Barbara Röder

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