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Dienstag, 27. September 2022

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Dirigent Andris Nelsons, Copyright: Marco Borggreve

Dirigent Andris Nelsons, © Marco Borggreve

Andris Nelsons, das Leipziger Gewandhausorchester und Mao Fujita

Saisoneröffnung des Konzerthauses Dortmund

Das Konzerthaus Dortmund lud zur Saisoneröffnung 2022/23 und feierte sein 20-jähriges Bestehen. Vorweg jedoch erhob man sich für ein stilles Gedenken an die verstorbene britische Königin Queen Elizabeth II.

20 Jahre Konzerthaus Dortmund. Zum Jubiläumskonzert mit Dimitri Schostakowitschs Kammersinfonie für Streichorchester op.110a, seinem Konzert für Klavier, Trompete und Streichorchester Nr.1 und der 7. Sinfonie von Ludwig van Beethoven und dem Leipziger Gewandhausorchester unter der Leitung Andris Nelsons waren sie alle gekommen: namhafte Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft und Kultur, der visionäre Gründungsintendant des Hauses Ulrich Andreas Vogt, sein Nachfolger Benedikt Stampa und viele andere mehr. Eingespielte Grußworte des Ministerpräsidenten Hendrik Wüst und der Kulturstaatsministerin Claudia Roth hoben die innovativen Programme, die hervorragende Akustik und Qualität der Konzerte hervor. Der Dortmunder Oberbürgermeister Thomas Westphal betonte die richtige Wahl der ursprünglich heiß diskutierten Standortfrage des Konzerthauses. Und  Raphael von Hoensbroech, seit 2018 Intendant und Geschäftsführer, hob die universelle Sprache der Musik und die innovative Programmpolitik des Hauses hervor.

Da gibt es das Format „Community Music and Education“, das durch gemeinsames Musizieren Brücken zwischen Konzerthaus und Stadt ausbauen soll. „Joker“ wirbt für ein Konzerterlebnis der besonderen Art, da Interpreten, Werke, Besetzungsstärke bis zum letzten Moment unbekannt bleiben. „Neuland“ lockt mit experimentellen, innovativen Künstlern. Raphael von Hoensbroech hat ein ambitioniertes Jubiläumsprogramm zusammengestellt, in dem - neben bewährten Konzerten der Dortmunder Philharmoniker, Konzerten mit namhaften, internationalen Solisten, internationalen Spitzenorchestern, namhaften Dirigenten, neben erprobten Formaten wie „Curating Artist“, „In Residence“, „Exklusivkünstler“ - Neues ausprobiert und zur Diskussion gestellt wird. 

Auch dieser Konzertabend wartete mit Überraschungen auf. Für die erkrankte Yuja Wang sprang der bei Kirill Gerstein in Berlin studierende Mao Fujita ein. Und er meisterte die großen Fußstapfen und die musikalisch technischen Herausforderungen des Schostakowitsch-Konzertes mit Bravour. So huscht gleich zu Beginn des 1. Satzes präzise perlend Beethovens Appassionata-Thema vorbei. Und es folgen eine Fülle ungeahnter, schnell wechselnder Themen und Einfälle. Mal ernst, mal rhythmisch-melodisch parodierend, mal tänzerisch, mal lyrisch, mal schlicht, mal verspielt und virtuos - der erst 26 Jahre alte Schostakowitsch präsentiert in dem 1933 uraufgeführten Werk eine einfallsreiche stilistische Vielfalt. Auch die Orchesterzusammensetzung ist originell. Streichorchester und Klavier werden immer wieder humorvoll von der Solotrompete konterkariert - hier wunderbar interpretiert von dem 1. Solotrompeter des Gewandhausorchesters, Gabor Richter. 

Schostakowitschs 1960 entstandene Kammersinfonie op.110a, die den Opfern des Faschismus und des Krieges gewidmet ist, ist eine vom Komponisten autorisierte Bearbeitung des 8. Streichquartetts für Streichorchester von Rudolf Barschai. Die 5 Sätze schließen sich unmittelbar an und werden durch das Motiv „d es c h“ aus den Initialen des Komponisten zusammengehalten. Die Deutung, Schostakowitsch habe sein eigenes Requiem komponieren wollen, liegt da nahe. Mit großer Ruhe und Souveränität gestaltet Andris Nelsons den mitunter an Bach und Beethoven erinnernden düsteren 1. Satz. Acht Kontrabässe grundieren das große, homogen und transparent klingende Streichorchester. Nelsons kostet das langsame Zeitmaß aus, lässt den Ton in den leisen Momenten geradezu aushauchen. Umso kontrastreicher prallt der von wilder Motorik und harten Akkordschlägen geprägte zweite Satz dagegen. Auf den dritten Satz, ein ironischer Walzer mit ff-Einschnitten, folgt ein Largo, in dem Orgelpunkte schroff mit pochenden, harten Akkordschlägen kontrastieren. Der fünfte Satz kehrt in Tempo, Bauweise und Ausdruck zum Ausgangspunkt zurück, erstirbt glanzlos im Pianissimo. 

Nach der Pause folgt Beethovens 7. Sinfonie. Im Dezember 1813, sechs Wochen nach der Völkerschlacht von Leipzig uraufgeführt, fügt sich die Sinfonie ein in Beethovens Reihe antinapoleonischer Werke. Nelsons und das Leipziger Gewandhausorchester sezieren den dramatischen Aufbau des Werkes mit selten zu hörender Genauigkeit. Spannungsvoll und transparent bis in die Nebenstimmen prallen erneut Tempi und dynamische Kontraste aufeinander, wobei Nelsons neben dem Tänzerischen und Triumphalen besonders die Schattierungen des Leisen, Verhaltenen, Zurückgenommenen hervorhebt. Ein unvergessliches Erlebnis.

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Kritik von Ursula Decker-Bönniger

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